Schon von weitem ist das Banner für Talina Gantenbein zu sehen. «Hopp Talina». Ein Dutzend Fans haben sich dahinter versammelt, mit Schweizerfähnchen und magentafarbenen Mützen und Kappen. Auch Pappschilder haben Mutter Ulrike Gantenbein und die drei Freundinnen Luana, Rebecca und Désirée gemalt. Eigentlich hätten viel mehr Fans zum Skicross-Finallauf der Scuolerin kommen wollen, doch der Wettkampf wurde aufgrund der schlechten Wetterprognosen für das Wochenende um einen Tag vorverlegt und so fehlen jetzt viele, darunter auch Bruder Sascha.
Als Unterstützung für die anderen Athletinnen und Athleten konnten ebenfalls so kurzfristig nicht die Massen an Fans mobilisiert werden. Dennoch herrscht eine gute Atmosphäre im Zielgelände auf Corviglia. Tröten, Glocken, Jubel sind zu hören, Verkleidungen und Fahnen von verschiedenen Nationen sind zu sehen. Eine Schulklasse aus dem Prättigau ist als Fangruppe für Fanny Smith angereist, sie ist die klare Favoritin für den Weltmeistertitel im Skicross Damen.
Kaffee Lutz gegen Nervosität
Gilles Senn, Talina Gantenbeins Freund, ist kurz vor dem Wettkampfstart etwas nervös. Er unterhält sich mit einem Kollegen. Auch die Freundinnen der Athletin bibbern. Die Eltern begleiten ihre Tochter bei Wettkämpfen im Inland oder im nahen Ausland immer. «Natürlich möchte ich, dass Talina Erfolg hat, vor allem weil sie so hart dafür arbeitet», sagt Vater Arno Gantenbein. Gegen die Nervosität helfe bei ihm ein Kaffee Lutz oder auch zwei, meint er lachend.
Ulrike Gantenbein ist kurz vor dem Start verhalten optimistisch. Am Vortag ist es für Talina Gantenbein nicht so gut gelaufen, wie sie gewollt hätte. Somit ist ihre Startposition keine optimale. «Manchmal kann das entscheidend sein», sagt die Mutter. Ausserdem befürchtet sie, dass ihre Tochter für die Piste auf Corviglia zu leicht sein könnte. Sie gehöre zu den leichtesten Athletinnen am Berg.
Das Finale der Männer beginnt. Aus den verschiedenen Fan-Ecken brandet je nach Athlet am Start der Jubel auf. Unter Fans kennt man sich auf dem Platz. Ulrike Gantenbein winkt der Mutter von Fanny Smith zu. «Man hat eine Verbindung zueinander», sagt sie. Einige der Angehörigen gehen nach St. Moritz weiter an die Weltcup-Rennen nach Schweden. 14 Wettkämpfe hat Talina Gantenbein am Ende dieser Wintersaison absolviert. Ist die 26-Jährige gerade nicht als Profisportlerin unterwegs, ist sie Zeitsport- Militärsoldatin und studiert im Fernstudium Betriebsökonomie und Sportmanagement.
Die WM zu Hause ist für die Engadinerin besonders. «Sie kennt die Piste, wurde aber nie warm mit dieser», sagt Ulrike Gantenbein. Talina sei eine Technikerin, ihr würden schwierige Pisten besser liegen.
«Was ist da passiert?»
Dann ist es so weit, Talina Gantenbein startet. «Go, Lina!», ist lautstark zu hören. Die Fans schwenken Fahnen und halten die Schilder hoch, während sie gebannt auf den grossen Monitor im Zielgelände blicken. Die Engadinerin startet zwar gut, macht danach aber Fehler und scheidet nach der ersten K.o.-Runde aus. «Das ist schon lange nicht mehr geschehen», meint ihre Mutter fassungslos. «Was ist da passiert?» Die Stimmung bei den Fans ist gekippt. Zunächst sagt niemand etwas, alle müssen den missglückten Lauf erst verdauen. Dann wird das Rennen untereinander rekapituliert. Wo ist was schiefgegangen? «Eine Runde weiter, das wäre schön gewesen, denn sie hätte das Potenzial, sie war nicht chancenlos», sagt Ulrike Gantenbein.
Auch Vater Arno Gantenbein ist enttäuscht, meint aber: «Das ist halt Skicross.» Diese Saison sei für Talina nicht optimal verlaufen, unter anderem auch wegen des Sturzes mit Gehirnerschütterung im Januar. «Aber sie ist erst 26 Jahre alt, sie hat noch weitere Chancen», meint er.
Für sie da, egal, wie es ausgeht
Freund Gilles Senn ist als Hockey-Goalie beim HC Ambri-Piotta selbst Sportler. Für ihn ist es schwieriger zuzuschauen, als selbst aktiv zu sein. «Wenn Talina fährt, habe ich immer ein komisches Gefühl im Magen», sagt er. Während des ganzen Kurses habe er mehr oder weniger den Atem angehalten, und gehofft, dass alles gutgeht. «Ich weiss, wie sie sich gerade fühlt», sagt er. Wenn Familie und Freunde da seien, wolle man es umso besser machen. Er hofft, dass seine Freundin wenigstens beim Team-Wettkampf am nächsten Tag zeigen kann, was in ihr steckt.
Die drei Freundinnen warten noch, dass Talina kurz zu ihnen kommt. «Wir sind als Support für sie da, egal, wie ein Rennen ausgeht. Das würde sie auch für uns tun», sagt Luana. Und schon taucht die Athletin auf. Enttäuscht, aufgebracht, resigniert. Sie wird von ihren Fans in die Arme genommen und getröstet. Dann gibt es ein gemeinsames Foto, und alle zusammen grinsen in die Kamera.
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