Über die grossen Anstrengungen, welche die beiden Gemeinden Silvaplana und Sils unternehmen, um die Loipen termingerecht zur Verfügung zu stellen, wurde in der Ausgabe vom 1. Februar der «Engadiner Post/Posta Ladina» ausführlich berichtet. Das Problem ist bekannt. Sobald der See zugefroren ist und starke Schneefälle einsetzen, tritt Wasser an die Oberfläche. «Durch das hohe Gewicht des Schnees, der die Eisplatte nach unten drückt, kann das Wasser durch die Risse im Eis an die Oberfläche gelangen und so eine Wasserschicht zwischen der Eisoberfläche und dem Neuschnee bilden», erklärt Loipenexperte Toni Giovanoli aus Silvaplana. Um dem entgegenzuwirken, muss das Wasser in einer unglaublichen Sisyphusarbeit mit dem Neuschnee vermischt werden, der dann wieder gefriert und von den schweren Pistenfahrzeugen zu einer optimalen Loipenunterlage gefräst werden kann.
Machbarkeitsstudie bringt Lösung
Mit einer Machbarkeitsstudie vom Institut für Eisbildung in Mainz, um dieser Situation entgegenzuwirken, hat die Gemeinde Silvaplana beschlossen, ein Pilotprojekt zu starten. «Mit dem sogenannten Eis-Luft-Grenze-Prinzip sollte es möglich sein, in den kalten Monaten November und Dezember ein Zufrieren des Sees zu erreichen», sagt Daniel Bosshard, Gemeindepräsident von Silvaplana. Als idealer Standort für das Projekt wurde das rechte, bergseitige Seeufer im Bereich Ova da Surlej ausgewählt. «Das frühe Zufrieren des Sees an dieser Stelle aufgrund der fehlenden Sonneneinstrahlung bietet hervorragende Möglichkeiten, die für das Projekt erfolgversprechenden baulichen Massnahmen umzusetzen», heisst es im Projektbericht.
Technische Herausforderung
Was auf dem Papier einfach klingt, ist in der Umsetzung nicht ganz einfach. «An einigen Stellen muss der Seegrund um zwei bis vier Meter und auf eine Breite von zwei Pistenraupen aufgeschüttet werden», erklärt Daniel Bosshard auf Anfrage. Die grösste Herausforderung ist jedoch das Betonieren der Stützmauer unter Wasser. «Für diese Arbeiten konnte die bereits beim Hochwasserschutzprojekt ‹Mose› in Venedig beauftragte und im Unterwasserbetonbau erfahrene Firma gewonnen werden», meint Daniel Bosshard weiter. Die ersten Arbeiten beginnen bereits Ende Mai, sobald die Zufahrtsstrasse schneefrei ist. «Damit die Lastwagen das Material zur Baustelle bringen können, muss der Naturweg an einigen Stellen verbreitert werden», erklärt der Gemeindepräsident. Läuft alles nach Plan, sollten die Arbeiten bis Ende Oktober abgeschlossen sein. Für Velofahrer und Wanderer wird während der Bauphase ein provisorischer Fuss- und Fahrradweg erstellt.
Verbände und BAB-Verfahren
Da das Projekt ausserhalb der Bauzone liegt, musste ein BAB-Verfahren eingeleitet werden. Zurzeit laufen die letzten Abklärungen und Gespräche mit den Umweltverbänden und den verschiedenen Interessengemeinschaften. «Das Baugesuch wurde bereits im Januar eingereicht und stimmt uns sehr zuversichtlich, da nur minimale Eingriffe in die Natur nötig sind», zeigt sich Daniel Bosshard optimistisch. «Schliesslich geht es darum, ein einzigartiges Angebot und ein Alleinstellungsmerkmal für unsere Langlaufregion zu sichern», so der Gemeindepräsident weiter.
Nachhaltige Idee
Für das Pilotprojekt werden lokale Materialien verwendet. «Den Beton für die Stützmauer im See beziehen wir von einem einheimischen Lieferanten und das Material für die Aufschüttung erhalten wir von unserer Nachbargemeinde Sils, die froh ist, dass sie das ausgebaggerte und beim Beach Club zwischengelagerte Geschiebe aus dem Fedacla-Bach nicht mehr ins Kieswerk nach Cassacia fahren muss», sagt Daniel Bosshard. Die wegfallenden Transportkosten für die Gemeinde Sils werden übrigens vollumfänglich in das Projekt reinvestiert.
Positive Rückmeldungen
Das Pilotprojekt der Gemeinde Silvaplana in Zusammenarbeit mit Sils und dem Institut für Eisbildung in Mainz ist ein wichtiger Schritt, um den Herausforderungen der Loipenpräparierung im Oberengadin zu begegnen. Dieser innovative Ansatz könnte nicht nur der Loipenpräparierung zugute kommen, sondern auch positive Auswirkungen auf den Tourismussektor in der Region haben. Das Engadin ist für sein Loipennetz weltweit bekannt, und der Langlaufsport spielt eine wichtige Rolle im Wintertourismus. Eine frühzeitige und zuverlässige Loipenspur auf den Oberengadiner Seen ist für den Wintertourismus von zentraler Bedeutung. «Darüber hinaus könnte die neue Aufschüttung im Sommer auch als Radweg genutzt werden», sagt Daniel Bosshard. Auch der Geschäftsführer des Engadin Skimarathons, Menduri Kasper, zeigt sich erfreut über das Projekt. «Für uns als Nutzer der Seeloipen ist es wichtig, dass wir frühzeitig kommunizieren können, dass die Seeloipen offen sind. Das hilft uns enorm bei den Anmeldungen für den Engadin Nachtlauf und den Engadin Skimarathon», sagt Menduri Kasper. Sollte das Projekt in Silvaplana erfolgreich sein, könnte auch der neuralgische Punkt zwischen Isola und Sils von dieser Massnahme zur besseren Loipenpräparierung profitieren, sagt Kasper auf Anfrage.
Silvaplana informiert
Das Projekt «loipa sgüra» und die Auflagen können ab sofort auf der Homepage der Gemeinde Silvaplana eingesehen werden. Da auch bei diesem Projekt mit Einsprachen aus der Bevölkerung zu rechnen ist, hat der Gemeinderat von Silvaplana zusammen mit den Projektverantwortlichen beschlossen, heute Dienstag um 16.30 Uhr eine Medienorientierung durchzuführen, zu der auch Interessierte eingeladen sind. Die Informationsveranstaltung findet im Gemeindehaus statt. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich. «Wir sind uns bewusst, dass dieses Pilotprojekt auch ein Wagnis sein kann, aber die Weichen für die Zukunft müssen heute gestellt werden. Und da sich auch der Kanton Graubünden bereit erklärt hat, sich finanziell an diesem Projekt zu beteiligen, sind die Kosten für Silvaplana und Sils überschaubar. Diese einmalige Chance gilt es zu nutzen», ist Daniel Bosshard überzeugt.
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