Die Kirche ist bis auf den letzten Platz besetzt, das Licht fällt auf den reich verzierten Altarraum, dahinter der Chor: dicht gestaffelt, in Tracht, konzentriert. Schon beim ersten Lied wird klar – dieses Jahreskonzert des Cor masdo Puntraschigna Samedan ist mehr als eine Abfolge von Stücken. Es ist ein Zusammenspiel von Generationen, Stimmen und musika­lischen Welten.

Unter dem Motto «Frühling und Humor» führte der Chor durch einen Abend, der bewusst zweigeteilt war. «Zuerst ein eher ernsthafter Teil, danach ein humorvoller, leichter Frühlingsblock», sagt Co-Präsidentin Christine Fenner Caflisch. Entsprechend vielseitig präsentierte sich das Programm: traditionelle Volkslieder, neu arrangierte Stücke und sogar ein rund 500 Jahre altes Lied fanden ihren Platz. Zwischen getragenen Passagen und leichteren, beschwingten Liedern zeigte der Chor eine grosse stilistische Bandbreite und eine spürbare Freude am gemeinsamen Musizieren.

Ein Chor – mehrere Generationen 
Rund 55 Mitglieder zählt der Cor masdo Puntraschigna Samedan, der seit 2024 aus dem Zusammenschluss der Chöre aus Samedan und Pontresina hervorgegangen ist. Viele Sängerinnen und Sänger sind seit Jahrzehnten dabei, einige sogar seit über 50 Jahren. Gleichzeitig befinden sich auch jüngere Stimmen im Ensemble. Diese Durchmischung ist kein Zufall, sondern Ausdruck einer Entwicklung: Kleinere Dorfchöre tun sich zunehmend schwer, genügend Mitglieder zu finden, weshalb Zusammenschlüsse an Bedeutung gewinnen. Die Mischung ist spürbar – nicht nur im Klang, sondern auch im Auftreten. Während vorne das Publikum dicht gedrängt sitzt, entfaltet sich im Chorraum ein generationenübergreifendes Miteinander, das dem Ensemble eine besondere Tiefe verleiht. Erfahrene Stimmen geben Halt, jüngere bringen neue Impulse. Gerade diese Verbindung macht den Reiz des Chors aus und sorgt für eine lebendige Dynamik. 

Ein junger Gegenpol
Mit Gianni Tschenett trat ein Gastmusiker auf, der für eine andere musikalische Sprache steht. Der junge Engadiner aus Celerina lebt heute in Zürich und absolviert an der Zürcher Hochschule der Künste gerade seinen Master in Pop und Rock. Seine Songs sind persönlich, reduziert und setzen sich mit Fragen des Alltags auseinander – mit Beziehungen, Moral und inneren Spannungen.

Allein mit Gitarre und Stimme stand er im Kontrast zum vielstimmigen Chor. Die Aufmerksamkeit im Raum war greifbar, als er seine zwei Stücke vortrug – ruhig, konzentriert, fast intim inmitten des grossen Kirchenraums. Für einen Moment rückte die grosse Bühne in den Hintergrund, und der Fokus lag ganz auf Stimme, Text und Ausdruck.

Ein gemeinsamer Moment
Der eigentliche Höhepunkt folgte zum Schluss: Gemeinsam mit dem Chor interpretierte Tschenett seinen Song «Tschel blov». Viel Zeit zum Proben blieb nicht – erst am Konzerttag kam es zu einem gemeinsamen Durchlauf. Entstanden ist die Zusammenarbeit auf Initiative des Dirigenten Patrik Würms, der Tschenett noch aus der Schulzeit kennt. Umso eindrücklicher war das Ergebnis. «Es war schön zu sehen, wie alle den Song mittragen und wirklich gerne singen», sagt Tschenett. Seinen eigenen Song in dieser Form zu hören, sei neu gewesen – und habe ihn überrascht. Die Stimmen des Chors verliehen dem Stück eine zusätzliche Tiefe und eröffneten eine neue Perspektive auf das eigene Schaffen.

Was daraus entstand, war mehr als ein Gastauftritt: Es war eine Begegnung zweier musikalischer Welten, die unterschiedlicher kaum sein könnten und sich doch auf Augenhöhe begegneten. Gerade dieser Moment zeigte, welches Potenzial in solchen Kooperationen steckt.

Am Ende bleibt der Eindruck eines Konzerts, das Gegensätze bewusst nebeneinanderstellt – und gerade daraus seine Stärke bezieht. Tradition und Gegenwart, Erfahrung und Aufbruch, Chor und Solokunst verschmelzen zu einem Gesamtbild, das zeigt: Die Chorkultur im Engadin lebt – und entwickelt sich weiter.

Autorin und Fotos: Sina Margadant