Engadiner Post: Am 5. Mai wird in der Schweiz, Österreich und Deutschland der Tag des Lokaljournalismus begangen. Was bedeutet Ihnen Lokaljournalismus – einerseits als Journalist, andererseits als Präsident des Verlegerverbandes?
Andrea Masüger: Sehr viel, ich komme ja ursprünglich aus dem Lokal- respektive Regionaljournalismus. Wobei man sagen muss, dass es in der Schweiz eigentlich gar nichts anderes gibt. Selbst die grossen Zeitungen wie eine «Neue Zürcher Zeitung» oder ein «Tages-Anzeiger» haben stark ausgeprägte Regionalteile.
Für den Verband ist der Regional- und Lokaljournalismus ein sehr wichtiges Thema. Gerade, wenn man schaut, was aktuell passiert – Desinformation, Verunsicherung, KI-generierte Fälschungen –, wird der Lokal- und Regionaljournalismus immer wichtiger. Die Leute sind dort zu Hause und müssen sich auf Informationen verlassen können, die von professionellen Journalistinnen und Journalisten aufbereitet wurden.
Für den Verband ist der Regional- und Lokaljournalismus ein sehr wichtiges Thema. Gerade, wenn man schaut, was aktuell passiert – Desinformation, Verunsicherung, KI-generierte Fälschungen –, wird der Lokal- und Regionaljournalismus immer wichtiger. Die Leute sind dort zu Hause und müssen sich auf Informationen verlassen können, die von professionellen Journalistinnen und Journalisten aufbereitet wurden.
Also hat dieser Journalismus durchaus eine Zukunft?
Ja, ich könnte mir vorstellen, dass es sogar ein Revival gibt: Journalismus, der näher bei den Menschen ist. Was in Afrika oder in Bundesbern passiert, ist oft weit weg. Aber wenn man etwas über St. Moritz oder Uznach liest, ist das für die Leute in diesen Regionen unmittelbar relevant.
Sie waren und sind Vollblutjournalist. Hätten Sie sich vor 20 Jahren vorstellen können, dass Sie dereinst den Verlegerverband präsidieren würden?
(Lacht). Nein, überhaupt nicht. Das ist nicht einmal in meinen kühnsten Träumen aufgetaucht. Der Verlegerverband wird ja klassisch mit Verlegern verbunden. Heute hat sich das etwas verändert – es sind auch Manager vertreten. Aber dass ich einmal in dieser Rolle lande, daran habe ich nie gedacht.
Vor 20 Jahren war das Verhältnis zwischen Journalisten und Verlegern teilweise angespannt. Sind die Grenzen heute fliessender?
Vor 20, 30 Jahren gab es die klassischen Verleger – oft auch Eigentümer – und die Journalisten in den Redaktionen. Das Verhältnis war je nach Haus unterschiedlich. Ab den 1990er-Jahren kam eine Managementebene dazu. Dadurch sind die Verleger etwas weiter von den Redaktionen weggerückt.
Lokaljournalismus gilt als besonders anspruchsvoll. Gleichzeitig wollen viele Berufsschaffende eher zu grossen Medienhäusern. Beobachten Sie das auch?
Ja, das ist ein Widerspruch. Wenn ich in einem Kommentar einen Bundesrat kritisiere, passiert wahrscheinlich wenig. Wenn ich aber den Gemeindepräsidenten kritisiere, habe ich rasch Feuer im Dach. Lokaljournalismus braucht also oft mehr Mut, wenn er kritisch ist und nicht einfach Hofberichterstattung macht.
Vom Prestige her geniessen eine Bundeshausredaktorin oder ein Auslandskorrespondent ein höheres Ansehen. Darum zieht es viele dorthin. Als Chefredaktor der «Bündner Zeitung» habe ich das oft erlebt. Bildlich gesprochen: Wir bilden die jungen Talente aus, schieben die «Teiglinge» in den Ofen, und wenn sie rauskommen und wunderbar knusprig sind, werden sie von grossen Verlagen abgeworben.
Vom Prestige her geniessen eine Bundeshausredaktorin oder ein Auslandskorrespondent ein höheres Ansehen. Darum zieht es viele dorthin. Als Chefredaktor der «Bündner Zeitung» habe ich das oft erlebt. Bildlich gesprochen: Wir bilden die jungen Talente aus, schieben die «Teiglinge» in den Ofen, und wenn sie rauskommen und wunderbar knusprig sind, werden sie von grossen Verlagen abgeworben.
Ringier-CEO Marc Walder sagte kürzlich in einem Interview, dass es in der Schweiz in Zukunft nur noch drei Medienmarken plus SRF geben wird. Sie bezeichnen das als Weltuntergangsszenario. Warum?
Weil diese Aussage sehr stark überspitzt ist. Eine Medien-Konzentration wird es geben, da hat er recht. Aber ich glaube nicht, dass regionale Medien verschwinden. Wie ich schon zu Beginn des Gesprächs gesagt habe: Die Menschen suchen verlässliche Informationen – und die finden sie in ihrer unmittelbaren Umgebung. Ich bin überzeugt, dass das Vertrauen in lokale Medien eher zunehmen wird. Darum bin ich überzeugt, dass der regionale und lokale Journalismus eine Zukunft hat.
In der Form wie heute?
Nicht zwingend. Vielleicht gibt es andere Formen – Plattformen statt klassischer Zeitungen –, aber in einem föderalistisch klein strukturierten Land wie der Schweiz wird es nicht nur drei nationale News-Plattformen geben. Das denke ich nicht.
Wie beurteilen Sie die Medienvielfalt in Graubünden? Somedia hat unbestritten eine gewisse Monopolstellung.
Die Diskussion um Medienvielfalt-ist für mich teilweise in den 1980er-Jahren stecken geblieben. Damals ging es um Konzentration von kleineren Medienhäusern zu grösseren, und es gab Bedenken wegen Medienmonopolen und der sinkenden Meinungsvielfalt. Die Fusionen waren wirtschaftlich notwendig. Gleichzeitig hat sich eine lebendige Konkurrenz entwickelt: verschiedene Medienhäuser, Online- Plattformen, Radio, Fernsehen, SRG-Angebote. Ich mache mir weder schweizweit noch in Graubünden Sorgen um die Medienvielfalt.
Ein Thema, um das man heute nicht herumkommt, ist die künstliche Intelligenz. Kann KI die Journalistinnen und Journalisten verdrängen?
Nein. Am Anfang steht immer der menschliche Geist, der etwas kreiert. Journalismus beginnt mit Ideen, Recherche und Gesprächen – das kann KI nicht ersetzen. Sie hilft bei Automatisierung, Zusammenfassungen, Transkriptionen oder Datenanalyse, aber die eigentliche journalistische Arbeit bleibt beim Menschen.
Bei grossen Verlagen gibt es Bestrebungen, gewisse Standardnachrichten durch KI generieren zu lassen. Doch ein System, das sich nur aus bestehenden Inhalten speist, läuft Gefahr, an Qualität zu verlieren. Der Input muss weiterhin vom Menschen kommen.
Wie steht es um das Vertrauen der Leserinnen und Leser in die KI?
In Umfragen sagen bis zu 80 Prozent der Leute, dass sie vielleicht eine KI-Zusammenfassung von Sportresultaten lesen, nicht aber einen KI-Leitartikel. Auf diese Skepsis müssen wir Rücksicht nehmen – sonst schiessen wir uns ins eigene Knie. Ich plädiere für einen gewissen Realismus. Und wir dürfen nicht vergessen: KI nutzt unsere Inhalte und stellt sie gratis zur Verfügung – das kann unser Geschäftsmodell untergraben.
Und hier ist der Verlegerverband aktiv?
Ja, es geht um das Urheberrecht. Diese Plattformen müssen Inhalte lizenzieren und an die Verlage vergüten. Das Parlament arbeitet derzeit an entsprechenden Lösungen.
Ökonomisch gesehen könnte KI auch Personal sparen helfen.
Ja, bei Standardinhalten wird das passieren. Aber die eigentliche journalistische Arbeit, die das Zeitungslesen ausmacht, wird beim Menschen bleiben müssen.
Das Motto des Lokaljournalismustages lautet: «Raus aus den Redaktionen, rein ins Leben!» Die Nähe zu den Leuten zeichnet den Lokaljournalismus aus. Sehen Sie das auch so?
Das ist zentral. Durch Newsrooms und konvergentes Arbeiten – das bedeutet, es werden mehrere Plattformen bedient – sitzen viele Journalistinnen und Journalisten zu viel im Büro. Aber Journalismus entsteht draussen – im Gespräch, am Stammtisch, vor Ort. Genau dorthin muss man zurück und nicht im Elfenbeinturm der Redaktion versauern …
… was dann aber auch wieder eine Frage der begrenzten Mittel ist. Die Journalistin, die ihre Geschichte telefonisch vom Büro aus recherchiert, ist günstiger als die, die dafür zwei Tage auf Reportage ist?
Ja. Aber die Frage ist, wie gut man die Zeitung machen will. Qualität kostet. Wenn man nur optimiert, leidet das Produkt, und es wird nicht mehr gekauft.
Verschiedene Medien, so auch die «Südostschweiz», arbeiten heute nach dem «User-Needs»-Ansatz. Berichtet wird über das, was die Menschen in der Region wirklich bewegt. Wie wissen Sie, was die Leute bewegt?
Es gibt Tools, die das messen. Man merkt, dass gewisse Inhalte kaum gelesen werden oder wann jemand aussteigt, und erkennt, dass man früher Themen behandelt hat, die kaum jemanden interessierten. Die klassische Parlamentsberichterstattung ist ein Beispiel.
Wie macht man es besser?
Wenn das Parlament ein Handyverbot an den Schulen erlässt, interessieren die Auswirkungen oder die Meinung der Eltern. Also Themen weniger an den Institutionen aufhängen.
Diese Messung des Leseinteresses ist auch wieder ein technisches Tool, das im Büro zum Einsatz kommt. Warum nicht einfach raus zu den Menschen und zuhören, was ihre Freuden und Sorgen sind?
Genau. Aber das hat man ja auch früher nicht immer so gemacht. Ich weiss aus eigener Erfahrung: Früher wurde oft aus dem Bauch heraus an den Redaktionssitzungen entschieden, was interessiert. Heute weiss man dank Technik mehr. Die Gefahr ist, dass Minderheitenthemen verdrängt werden – etwa Kultur. Eine Kulturseite interessiert nicht alle Leserinnen und Leser, aber doch recht viele. Hier gilt es, die richtige Balance zu finden.
Hat Journalismus nicht auch einen Bildungsauftrag?
Doch. Das ist eine der Herausforderung des User-Needs-Ansatzes: Man darf nicht nur das bringen, was interessiert. Man muss auch neue Themen setzen und damit Interesse wecken. Ich komme aus dem klassischen Journalismus, wo die Politik eine zentrale Rolle spielte. Gerade auch mit Blick auf Abstimmungen und Wahlen. Hier gilt es, intelligente Formen zu finden, um auch neue Ansätze, zum Beispiel mit einem bildungspolitischen Hintergrund, einzubringen.
Wir können ja gleich die kantonalen Wahlen vom 14. Juni als Beispiel nehmen. Wie würde man dieses Thema im «User-Needs»-Ansatz abdecken?
Das muss jede Redaktion selbst entscheiden, ich bin gespannt, was unsere Redaktion macht …
… wir beispielsweise werden Kurzinterviews mit allen 73 Kandidierenden aus Südbünden mit gleicher oder ähnlicher Fragestellung bringen. Ein klassisches Format – hat dieses weiterhin seine Berechtigung?
Ja. Es ist ein klassischer, aber aus meiner Sicht guter Ansatz. Ganz grundsätzlich finde ich, dass eine Redaktion die Wahlen vom 14. Juni abdecken muss. Auch wenn sie vielleicht nur eine Minderheit von 40 Prozent interessieren.
Was macht guten Lokaljournalismus aus?
Ein ausgewogener, kritischer Ansatz mit einem guten Themenmix. Mit ausgewogen kritisch meine ich, nicht überall die Nadel im Heuhaufen zu suchen und einen Riesenwirbel um Details zu machen. Themen aufgreifen, die den Menschen unter den Nägeln brennen. Und: sich auf die Region konzentrieren, aber auch Geschichten aufgreifen, die nicht nur im Tal interessieren, sondern zum Beispiel auch Heimweh-Engadiner. Eine Lokalzeitung wie die «Engadiner Post/Posta Ladina» muss nicht täglich internationale Kommentare liefern.
Würde der Gesellschaft etwas fehlen ohne Lokaljournalismus?
Ja, definitiv. Menschen sind lokal verankert, auch emotional. Lokaljournalismus schafft Nähe und Orientierung.
Es gibt Studien, die sagen, dass dort, wo der Lokaljournalismus noch funktioniert, die Leute sich eher an Abstimmungen und Wahlen beteiligen.
Dem stimme ich zu. Diese Studien sagen auch, dass dort, wo kein unabhängiger Journalismus mehr gemacht wird, die Korruption zunimmt. Ohne Lokaljournalismus würden Kontrolle und Transparenz leiden …
Warum sollte man heute noch Journalistin oder Journalist werden?
Es ist ein faszinierender, kreativer und vielseitiger Beruf, in dem man Ideen einbringen kann und recht frei ist. Klar, es braucht Idealismus, reich wird man nicht. Aber es wird auch künftig attraktiven Journalismus geben.
Autor: Reto Stifel
Foto: Südostschweiz
Autor: Reto Stifel
Foto: Südostschweiz




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