Zum internationalen Tag des Lokaljournalismus am 5. Mai berichten die Redaktorinnen und Redaktoren der EP/PL aus ihrem Alltag vor Ort. Ein Besuch im Alterszentrum Promulins in Samedan führte dorthin, wo der Alltag ruhig verläuft – und doch viel erzählt.
12.05.2026Sina Margadant 8 min
Link kopieren
E-Mail
Facebook
Whatsapp
Linkedin
X
Reddit
Beim Singen geht es nicht nur ums Singen, sondern auch darum, Teil der Gruppe zu sein. Foto: Sina Margadant
«Chara lingua da la mamma» – das wohl bekannteste Engadiner-Lied. Foto: Sina Margadant
Das gemeinsam gemalte Bild der Bewohnerinnen und Bewohner der Demenz-Abteilung. Foto: Sina Margadant
Der «Rollator-Parkplatz» vor dem Raum der Aktivierung. Foto: Sina Margadant
Es ist kurz vor 14 Uhr, als ich das Alterszentrum Promulins in Samedan betrete. Ursprünglich war mein Besuch am Vormittag geplant gewesen. Valeria Gut, Leitung Fachstelle Soziales der Alterszentren Oberengadin, erläutert mir aber auch gleich, weshalb sie meinen Besuch auf den Nachmittag verlegt hat. «An den Vormittagen gehen wir es hier eher ruhig an», sagt Valeria Gut, die mich an diesem Nachmittag begleitet. «Nach dem Frühstück sind viele Bewohner bereits wieder müde und machen ein Nickerchen oder setzen sich in Ruhe hin, um beispielsweise Zeitung zu lesen.» Aktivierungen am Vormittag starten daher auch nur selten vor 10 Uhr.
Deshalb bin ich also am Nachmittag hergekommen, und diesen beginnen wir mit einem Rundgang. Dieses Gebäude des Alterszentrum Promulins ist erst im Frühsommer 2024 eröffnet worden und wurde von Grund auf neu gebaut. Vieles wirkt durchdacht, von den Aufenthaltsräumen bis hin zu den Nasszellen in den Zimmern. Was mir sofort auffällt: die kräftigen Farben. Grün zieht sich dabei wie ein roter Faden durch die Gänge und Etagen, dazu grosse Fotografien aus der Region – Seen, Berge, vertraute Landschaften. Die Stationen tragen Namen wie «Piz Padella» oder «Muottas Muragl». Es sind kleine Details, die den Ort weniger als Institution und mehr als Zuhause wirken lassen.
In den Korridoren stehen Rollatoren ordentlich an der Wand, als hätten auch sie ihren festen Platz im Alltag. Einige sind mit kleinen Taschen versehen, andere tragen persönliche Gegenstände. Türen sind angelehnt, dahinter leise Gespräche, manchmal auch Stille. «Wir versuchen, den Alltag möglichst auf die Bewohner zugeschnitten zu gestalten», sagt Gut. «Der Tagesablauf wird individuell angepasst.» Jeder Bewohner habe seinen eigenen Rhythmus – und dem werde man, so weit wie möglich, gerecht.
Wenn Erinnerungen bleiben
Kurz darauf erreichen wir den Raum der Aktivierung. Drinnen sitzen rund 20 Bewohnerinnen und Bewohner auf Stühlen oder in Rollstühlen im Kreis. Eine Gitarristin stimmt die ersten Töne an, Liedblätter werden verteilt. Aktivierung des heutigen Nachmittages: gemeinsames Singen. Noch ist es ruhig, fast zögerlich. Manche blättern in den Liedblättern und versuchen, Schritt zu halten, andere schauen einfach nach vorne und summen etwas vor sich hin. Doch je bekannter die Melodie wird, desto sicherer werden die Stimmen. Fast schon laut und bestimmt wird es dann aber bei dem wohl bekanntesten Lied des Engadins: «Chara lingua da la mamma». Plötzlich stimmen alle ein, ein Liedblatt brauchen sie für dieses Stück nicht. Einige wippen dazu noch im Takt mit. Es ist kein lautes, kein perfektes Singen – aber ein gemeinsames.
«Lieder von früher sind oft tief verankert im Gedächtnis», sagt Valeria Gut leise neben mir. «Was gestern war, ist manchmal schon wieder weg.» Musik funktioniere anders. Sie erreiche Menschen, auch wenn vieles andere verloren gehe. Gerade in der Arbeit mit demenziell erkrankten Bewohnern spiele das eine wichtige Rolle. Nicht alle singen aktiv mit. Einige hören zu, beobachten, sind einfach da. Eine Frau sitzt leicht nach vorne gebeugt, die Hände im Schoss, und bewegt die Lippen kaum sichtbar mit. Eine andere nickt kurz ein. Ein Mann folgt dem Rhythmus mit dem Fuss. «Es geht nicht nur ums Mitmachen», sagt Gut. «Es geht auch darum, dabei zu sein.»
Was ebenfalls auffällt: Es sind deutlich mehr Frauen als Männer im Raum. «Das ist hier so», sagt Gut und schmunzelt. «Im Du Lac in St. Moritz ist es eher umgekehrt.» Eine klare Erklärung dafür gebe es nicht. Vielleicht bleibe man im Alter einfach gerne im gewohnten Umfeld. Der älteste Teilnehmer an diesem Nachmittag ist übrigens 102 Jahre alt. Eine Zahl, die im Raum steht – und doch keine grosse Rolle spielt. Hier zählt der Moment. Das Durchschnittsalter der Bewohner liegt bei etwa 85 Jahren. Viele haben ein langes Leben hinter sich. Mit Geschichten, Erfahrungen, Erinnerungen. Nicht alle können diese noch erzählen. Aber sie sind da – in Gesten, in Blicken, in kleinen Reaktionen.
Ein Alltag ohne Spektakel
Nach gut einer Stunde klingt das Singen langsam aus. Die letzten Töne verstummen, einige bleiben noch sitzen, andere beginnen, sich zu erheben, Valeria Gut und ich stehen bereits wieder draussen im Gang. Manche Bewohner gehen direkt in ihre Zimmer und legen sich nochmals hin. Andere greifen zur Jacke, setzen eine Sonnenbrille auf und gehen nach draussen an die frische Luft. Wieder andere zieht es in die Cafeteria. Dort sitzen sie bei Kaffee oder Rivella, dazu ein paar Kekse. Es wird gesprochen, gelacht – oder einfach geschwiegen. Auch das gehört dazu. «Es muss nicht immer etwas passieren», sagt Gut. «Stille ist ein wichtiger Teil des Alltags hier bei uns.» Dieser Satz passt zu dem, was ich sehe. Niemand wirkt gedrängt, niemand muss irgendwo sein. Alles darf, nichts muss.
Wir gehen weiter durch das Haus. In einem Raum stehen Farbtöpfe und Pinsel bereit. Auf einem Tisch liegt ein Bild, das am selben Tag in der Demenzabteilung entstanden ist. «Das ist noch neu für uns, dass die Bewohnerinnen und Bewohner der Demenzabteilung gemeinsam etwas malen», sagt Gut. «Wir wollen aber versuchen, solche Angebote wenn möglich auch dort einzubauen.» Nicht alle hätten aktiv mitgemacht, manche hätten einfach zugeschaut. «Aber auch das ist Teilhabe.»
Ein Ort, der bleibt
Als ich mich verabschiede, ist es später Nachmittag. Das Haus ist mittlerweile etwas lebendiger geworden. Da und dort hallen ein paar Stimmen durch die Gänge, Türen gehen auf und zu, irgendwo lacht jemand. «Viele haben ihr Zuhause hier gefunden», sagt Gut zum Schluss. Und man spürt, dass das stimmt. Was mir von diesem Besuch bleibt, ist keine einzelne Szene. Es ist ein Gefühl. Dass dieser Ort wichtig ist. Nicht spektakulär, nicht laut – aber notwendig. Und dass das, was hier geschieht, vielleicht genau das ist, was man am Ende sucht: ein Platz, an dem man sein darf. Einfach so, wie man ist.
Wie «Lingua materna» zur Hymne wurde Das Lied «Chara lingua da la mamma», auch bekannt als «Lingua materna», gilt als inoffizielle Hymne der rätoromanischen Bevölkerung im Engadin und in der Val Müstair. Den Text verfasste Gudench Barblan (1860–1916), der als Lehrer im Unterengadin wirkte und sich intensiv mit Sprache und Kultur seiner Heimat beschäftigte. Die Melodie komponierte Robert Cantieni (1873–1954) im Herbst 1913 – unter besonderen Umständen: Während einer Zugfahrt im Unterengadin arbeitete er die Melodie im Kopf aus, trotz Lärm im Abteil. Als ihm die musikalische Idee reif erschien, fehlte ihm jedoch Notenpapier. Kurzerhand stieg er in Ardez aus und schrieb die Komposition im Haus eines befreundeten Lehrers nieder – genau so, wie sie ihm im Zug gekommen war. Das Lied besingt die Muttersprache als identitätsstiftendes Gut und begleitet die Menschen von der Kindheit bis ins Erwachsenenleben. (sm)
Hier hören Sie eine Version des Liedes «Chara lingua da la mamma» des Cor da scolars da Sent.
Autorin und Fotos: Sina Margadant
Hier der Liedtext zum Mitsingen: Chara lingua da la mamma, Tü sonor rumantsch ladin, Tü favella dutscha, lamma, Oh, co t’am eu sainza fin!
In teis suns, cur eir’ in chüna, M’ha la mamma charezzà, E chanzuns dall’Engiadina Nell’ uraglia m’ha chantà.
Tü mossà m’hast nell’ infanzia A nomnar imminch’ ogget, Ad exprimer temm’ e spranza E cordöli e dalet.
M’hast mossà cun viv’ algrezcha Mia patria ad amar, Seis eroes, sa bellezza In chanzuns a dechantar.
Cur in leida giuventüna Culs amis am radunet, Lura la chanzun ladina Pür il vair umur ans det.
Dall’ amur la dutscha brama Hast express tü e guidà, Hast nutri la soncha flamma, Chi’m rendaiv’ usche beà.
Sco il chant da filomela Am parettast tü sunar, Cur allur’ in ma favella Meis infants sentit tschantschar.
Millieras regordanzas Svagl’ in mai teis pled sonor, Svaglia saimper veglias spranzas, Chi ün di han moss meis cour.
Chara lingua della mamma, Tü dilet romantsch ladin, Tü favella dutscha, lamma, Oh, co t’am eu sainza fin!
Deutsche Übersetzung Liebste Muttersprache, du klangvolles Rumantsch Ladin, du sanfte, weiche Sprache, o wie endlos liebe ich dich!
Zu deinen Klängen, noch in der Wiege, hat mich Mutter geliebkost und Lieder des Engadins mir ins Ohr gesungen.
Hast mir gezeigt in der Kindheit, jedes Ding zu benennen, Furcht und Hoffnung auszudrücken, Klage und Glück.
Hast mir gezeigt, mit Freude meine Heimat zu lieben, ihre Helden, ihre Schönheit in Liedern zu besingen.
Als in froher Jugend mit den Freunden mich vereint, hat erst das ladinische Lied uns den wahren Humor gegeben.
Die süsse Sehnsucht der Liebe hast du ausgedrückt und geleitet, hast die heilige Flamme genährt, die mich so glückselig machte.
Wie der Gesang der Nachtigall scheinst du zu klingen, wenn, in der Muttersprache, ich meine Kinder sprechen höre.
Tausende Erinnerungen weckt dein harmonischer Klang in mir, weckt immer alte Hoffnungen, die mir einst mein Herz zeigte.
Liebste Muttersprache, du klangvolles Rumantsch Ladin, du sanfte, weiche Sprache, o wie endlos liebe ich dich!
Diskutieren Sie mit
Login, um Kommentar zu schreiben