Es ist noch eiskalt in Zernez um halb acht. Fast hätte es geschneit über Nacht. Aber kalt macht wach. Gut so, denn für gut 70 Musikantinnen und Musikanten steht an diesem Freitagmorgen eine rund vierstündige Reise an. Es ist die vermutlich grösste aller Gruppen, die dieses Wochenende am Eidgenössischen Musikfest (EMF) in Biel spielen.
Der knallrote Zug der Rhätischen Bahn fährt ein. Bald ist ein ganzer Wagen mit Menschen, Instrumentenkoffern, Ruck- und Schlafsäcken voll gestapelt. Die Passagiere tauen langsam aus ihrer halb gefrorenen Morgenmüdigkeit auf, während der Zug an weiss gezuckerten Arvenwäldern vorbei in Richtung Vereinatunnel zuckelt. Zu hören ist vor allem Rätoromanisch. Hier reisen die, für die es unter Deutsch, Französisch und Italienisch noch einen vierten Schriftzug unter dem EMF-Logo gibt. Er lautet: Festa Federala da Musica.
Die Gruppe hier nennt sich «Uniun Musicala Engiadina» und setzt sich aus Mitgliedern von ganzen 13 Musikgesellschaften aus dem ganzen Engadin zusammen. Aus Sent kommen die Musikantinnen, aus Tschlin, Susch, Scuol oder St. Moritz. Bunt zusammengewürfelt für diesen einen Anlass, den grössten der letzten zehn Jahre.
«Jede einzelne Musiktruppe wäre zu klein für das EMF», sagt Reto Lehner. Er ist der Dirigent der Truppe. Kein Profi, sondern Laie, wie alle anderen in seinem Ensemble. Normalerweise dirigiert er die Jugendmusik von Zernez-La Plaiv, jetzt führt er 70 Frauen und Männer, die sich teilweise kaum kennen, zum rechten Ton.
Vor ziemlich genau einem Jahr, sagt Lehner, kam das Projekt zur Welt. Man wollte den Engadiner Musikanten eine Möglichkeit geben, beim grössten Blasmusikfest der Welt dabei zu sein. Und man wusste, dass das nur funktioniert, wenn man zusammenspannt.
Kein einfaches Unterfangen, sagt Lehner. Er musste Menschen aus zwei ganzen Tälern zusammenbringen, Probelokale und vor allem Termine finden. Ganze drei Mal hat die «Uniun» ihre Stücke bis jetzt gemeinsam geprobt. Und nur noch eine kurzfristige Zusatzübung am Donnerstagabend. Ob das reicht? Lehner verneint, nur halb im Scherz. Seine Mitreisenden im Zugabteil lachen trotzdem. «Als Projektmusik bist du nie gleich eingespielt wie eine Musiktruppe, die rund ums Jahr besteht.»
Schwieriges Pflichtstück, ...
«Cirque au Lac» heisst das Aufgabenstück, das Pflichtstück, das beim Auftritt am Samstagvormittag bewertet wird. Es sorgt für etwas Kopfzerbrechen bei den Engadiner Musikern. Zu schwer sei es für die dritte Stärkeklasse, in der sie spielen, finden sie. Schon vor zehn Jahren, am EMF in Montreux, hatten sich die Engadiner zusammengetan. Damals noch in der zweiten Klasse. Dirigent Lehner: «Das Stück damals war nicht viel schwieriger.»
... passendes Wahlstück
Dafür hat er Freude am zweiten Stück, das er selber auswählen durfte. «The Glacier Express» heisst es, und welcher Name wäre passender für die Truppe, die per Zug aus dem Bündnerland anreist? Das Beste: «Es passt auch musikalisch.» Die bunt zusammengewürfelte Engadiner Truppe deckt nämlich nicht alle Musikinstrumente ab, die in einer voll besetzten Harmonie zu finden sind.
Insbesondere Holzbläser sind im Bündnerland dünn gesät. «Holz brauchen wir bei uns zum Feuern», sagt Lehner und lacht. Hoch im Kurs sind die Blechbläser. So hat die «Uniun» ganze 15 Euphonien zu bieten, aber kein einziges Tenorsaxophon und kein Fagott. Immerhin ist die einzige Oboe im ganzen Engadin mit von der Partie. Ganz eine Brassband ist das Ensemble also nicht, sondern eine sogenannte «Fanfare mixte».
In Landquart hat sich die Truppe komplettiert und den Zug gewechselt. Ein paar Männer haben sich mit Bier eingedeckt, kurz nach Landquart zischt es zum ersten Mal. Zwei Frauen haben im Bahnhofs-Avec eine Flasche Bündner Röteli gefunden. «Den gibt es in Biel bestimmt nicht», sagt eine von ihnen. Aber eigentlich weiss sie schon, dass die Flasche nicht bis Biel verschlossen bleiben wird.
Das Eidg. Musikfest geniessen
«Wir gehen nicht nach Biel, um zu gewinnen», sagt Dirigent Reto Lehner, «sondern, um eine gute Zeit zu haben.» Und die haben sie schon auf der Hinfahrt. Auch für das Zwischenmenschliche reist die Gruppe schon einen Tag vor ihrem grossen Auftritt nach Biel an. Vor zehn Jahren in Montreux war das noch anders. Yvonne Rauch war damals auch schon dabei und erinnert sich: «Wir sind ewig Car gefahren, auf der Autobahnraststätte haben wir noch die Marschmusik geübt.» Dann seien sie verspätet angekommen, hastig durchgeschleust worden, hätten gespielt und seien wieder schlafen gegangen. Am nächsten Morgen ging‘s wieder mit dem Car nach Hause. «Das wollen wir nicht noch einmal erleben.»
Rauch hat dieses Jahr alles rund um Anreise und Unterkunft organisiert. Sie hat auch veranlasst, dass die Gruppe diesmal per Zug anreist. «Das macht alles einfacher», sagt sie. «Mit dem Car tönen die Transfers zum Instrumentendepot und zurück nach ziemlich viel Stress.»
Umsteigen in Zürich. Das Gespräch macht Halt beim Thema Finanzen. Bahnbillett, Übernachtungen, Festkarten: So ein Musikfest kommt für die Teilnehmenden nicht ganz billig. Mit rund 300 Franken pro Person rechnet Dirigent Reto Lehner. Dass die Musikantinnen und Musikanten davon nichts aus der eigenen Tasche bezahlen müssen, ist der fleissigen Sponsorensuche zu verdanken. Und einem grosszügigen Musikanten, der am Ende das, was noch offen war, übernahm.
Krawatten erst auf Fotos gesehen
Als der Zug in Aarau hält, ist allmählich etwas vom EMF in Biel spürbar. Neben dem Waggon, der für die Engadiner reserviert ist, steigt noch eine zweite Musikgesellschaft zu. Die Gruppe aus dem aargauischen Unterentfelden reist in roter Uniform, während die Truppe aus dem Engadin von Weitem nur an ihren Instrumentenkoffern als Musikformation erkennbar ist. Überhaupt ist ihre Uniform eher minimalistisch, weil niemand weiss, ob die Gruppe in dieser Zusammensetzung nach dem Musikfest je wieder zusammen spielen wird. Schwarze Hose, weisses Hemd und eine blaue Krawatte mit Logo. «Die Krawatten haben wir bis jetzt erst auf Fotos gesehen», sagt Dirigent Lehner. Irgendwo im Gepäck seien sie aber mitgereist, versprochen.
Als der Zug am Mittag in Biel einfährt, kommt Musikfest-Atmosphäre hoch. Für die Engadiner ist aber noch nicht Endstation. Sie müssen noch mal umsteigen und mit dem Bummler nach Pieterlen weiterfahren. Dort werden sie die nächsten beiden Nächte verbringen. Einige von ihnen müssen mit einem Massenschlag vorlieb nehmen, andere kommen in Zimmern unter. Das Pflegeheim Schlössli hat ein ganzes Stockwerk für die Gäste aus dem Bündnerland freigehalten. Zum Dank gibt es am frühen Abend ein Ständchen für die Bewohnerinnen und Bewohner. 70 romanischsprechende Männer und Frauen in einem Seeländer Dorf: Pieterlen liegt an diesem Wochenende auch ein bisschen im Engadin.
Danach geht es für die meisten zurück nach Biel, ab ins Festgetümmel, wo noch genug Zeit bleibt, um der einen oder anderen Band auf der Esplanade zuzuhören. Und vielleicht, wer weiss, findet sich ja irgendwo doch noch ein Glas Bündner Röteli.
Autor: Matthias Gräub, Bieler Tagblatt
Matthias Gräub ist Co-Leiter des Regionalressorts beim Bieler Tagblatt. Er wohnt in Bern und hat eine Diplomausbildung Journalismus am MAZ in Luzern absolviert. Für die Geschichte «Pieterlen liegt im Engadin» ist er nach Zernez gereist und hat am Freitagmorgen die «Uniun Musicala Engiadina» auf der Reise nach Biel/Bienne begleitet. Dabei entstand die Idee einer journalistischen Zusammenarbeit. Dieser Artikel ist am Samstag, 16. Mai im «Bieler Tagblatt» erschienen. Der romanische Artikel in dieser Ausgabe wird in den nächsten Tagen ebenfalls im «Bieler Tagblatt» erscheinen.
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