«Welche Geschichten wurden euch über die RS erzählt?» Die Antworten auf diese Frage fallen bei den jungen Männern, die sich an diesem Mittwochmorgen in der Kaserne in S-chanf eingefunden haben, unterschiedlich aus. «Dass es sehr oft Hörnli mit Ghackets zum Essen gibt», sagt jemand und erntet dafür ein Schmunzeln. «Dass man auch mal 50 Kilometer im strömenden Regen marschieren muss», sagt ein anderer junger Mann. «Mein Grossvater und mein Onkel erzählen bei jeder Familienfeier von der Militärzeit», meint ein Anderer. Diego Pérez, der Verantwortliche für die Orientierungstage beim kantonalen Amt für Militär und Zivilschutz, nickt bei jeder Antwort kurz. Er ist für die Rekrutierungen zuständig. 

Jedes Jahr organisiert das Amt für Militär und Zivilschutz in verschiedenen Regionen des Kantons Orientierungstage für angehende Rekruten. In S-chanf findet die Informationsveranstaltung für ganz Südbünden statt. Dieses Jahr sind rund 90 junge Männer aufgeboten worden, eine junge Frau nimmt freiwillig teil. Im ganzen Kanton gibt es jährlich zwischen 15 und 20 Frauen, welche die RS absolvieren.

«Die Armee ist digital geworden»
Bevor sich die Anwesenden über den Ablauf der Rekrutierung, die Truppengattungen der Armee, Zuteilungskriterien oder Rechte und Pflichten beraten und informieren lassen, müssen sie sich über eine App registrieren. «Die Armee ist digital geworden», erklärt Pérez. Sogar das Dienstbüchlein in Papierform hat ab 1. Juni ausgedient. Neu funktioniert alles über die App «Dienstmanager». 

Der Orientierungstag ist nicht nur da, um Fragen zu stellen, sondern auch um das individuelle Rekrutierungsdatum festzulegen. « Zwischen 18 Jahren und 25 Jahren muss die RS gemacht werden», informiert Pérez. Je nach Ausbildung und Einzugsgebiet werde versucht, die ideale Lösung für den Start der RS zu finden. «Für jemanden, der auf dem Bau arbeitet, ist eine Winter-RS besser geeignet, für einen begeisterten Wintersportler empfiehlt sich hingegen die Sommer-RS», erläutert er. 

Das Ziel des flexiblen RS-Starts sei primär, dass der «Stellungspflichtige» mit einer positiven Einstellung die RS beginne. Wer Militärdienst und wer Zivilschutzdienst leistet, oder wer nicht diensttauglich ist, entscheidet der Arzt im Rekrutierungszentrum in Mels. Ein Blick auf die Tauglichkeitsstatistik des Kantons Graubünden für 2025 zeigt, dass 78 Prozent (553 Personen) militärdiensttauglich waren, neun Prozent (61 Personen) waren schutzdiensttauglich und 13 Prozent (86 Personen) nicht diensttauglich.

Die jungen Männer wirken motiviert
Falls die jungen Männer einen harschen Befehlston und militärische Disziplin an diesem Orientierungstag erwartet hatten, so werden sie positiv überrascht. »Wir pflegen an solchen Anlässen eine Du-Kultur», so Pérez - oder eben «Diego». Der Orientierungstag ist für die meisten der erste Kontakt mit der Armee, und dieser erste Eindruck sei entscheidend. Gemeinsam mit vier anderen Angehörigen der Armee, die der Chef als «Moderatoren» vorstellt, werden die jungen Männer in mehreren Blöcken zu verschiedenen Themen informiert. 

Auf dem Tagesprogramm steht unter anderem auch ein kurzer Sporttest, der zwar noch nicht zählt, aber als Einschätzung der Fähigkeiten dienen soll. In einem Block lernen die Teilnehmenden die Armee kennen, in einem anderen den Zivilschutz. Es werden auch die verschiedenen RS-Modelle vorgestellt - Durchdiener oder 18 Wochen plus Wiederholungskurse. 

Die jungen Männer wirken motiviert und interessiert. Aus Erfahrung weiss Pérez, dass die meisten Jungen positiv gegenüber dem Militärdienst eingestellt sind. «Einige sind durch ältere Brüder oder Kollegen bereits gut informiert, aber es gibt auch solche, die sich gar nicht fürs Militär interessieren und es einfach hinter sich bringen wollen», erzählt er. Wer Gebirgsspezialist oder Militärpilot werden wolle, oder eine andere Spezialisierung anstrebe, wisse in der Regel bereits, dass vordienstliche Kurse notwendig seien. 

Über 100 Funktionen in der Armee
Der Orientierungstag ist laut Pérez kein PR-Tag. «Wir machen keine Schönfärberei, aber wir wollen aufzeigen, dass der Militärdienst für beide Seiten ein Mehrwert sein kann und bemühen uns um Sinnvermittlung», sagt Pérez. Es komme durchaus vor, dass jemand, der sich vorher keine Militärdienst vorstellen konnte, sich dann für einen waffenlosen Dienst entscheidet, zum Beispiel im Büro oder in der Küche. «Es gibt über 100 verschiedene Funktionen in der Schweizer Armee und somit sehr viele Optionen». Das Ziel sei, die richtige Person am richtigen Ort einsetzen zu können. 

Nach der ersten Vorstellung in kleineren Gruppen und einem Werbefilm à la «Suchst du die Herausforderung?», beginnt der theoretische Teil. Die jungen Männer sind überrascht, wie viele Tests bei der Aushebung durchgeführt werden, um das Profil des Rekruten zu ermitteln - von der medizinischen Untersuchung über die Persönlichkeitsprüfung bis zum Intelligenztest oder dem Sporttest. Gemäss der Statistik zum Fitnesstest der Armee 2024 liegt die durchschnittliche Punktzahl der angehenden Bündner Rekruten mit 71,2 Punkten etwas höher als der Schweizer Durchschnitt (67,4 Punkte). Die maximale Punktzahl beträgt allerdings 125 Punkte.

Um ein Gefühl für die sportlichen Aufgaben an der Aushebung zu erhalten, gibt es am Orientierungstag einen Sportblock mit Medizinballstossen, Standweitsprung, Rumpfkrafttest und Einbeinstand. Schnell wird den Engadinern klar: Das sieht alles einfacher aus, als es ist. 

EInmal im Panzerfahrzeug sitzen

Den Wow-Effekt des Orientierungstages liefert ein Fahrzeug mit dem Kürzel GMTF DURO IIIP. Das gepanzerte Fahrzeug dient dem Transport der Mannschaft und ist mit ferngelenktem Maschinengewehr und Nebelwerfer ausgerüstet. Mechaniker Gion-Marc Siegenthaler hat es eigens aus Chur nach S-chanf gefahren. Die jungen Männer erhalten die Gelegenheit, in die Fahrerkabine zu steigen, den Waffenturm zu bedienen oder einfach mal hintendrin zu hocken und die Enge hinter den gepanzerten Wänden zu fühlen. 

«Wie teuer schätzt ihr dieses Fahrzeug?», fragt der Mechaniker in die Runde. Als er die Zahl 1,4 Millionen Franken nennt, geht ein Raunen durch die Reihe. Das Fahrzeug ist mit einer Simulationsanlage ausgerüstet und fasziniert die jungen Männer sichtlich. WK-Truppen sind aktuell keine in S-chanf vor Ort, aber so erhalten sie zumindest eine Ahnung vom Equipment.

Gut planen, ist von Vorteil
Nach rund zwei Stunden mit vielen neuen Eindrücken und Informationen gibt es eine erste Pause. Einige der jungen Männer sind bereits mit einer klaren Vorstellung zum Orientierungstag gekommen. Simon aus S-chanf möchte beispielsweise in die Militärmusik. Sein Banknachbar würde gerne Fahrer werden, «weil ich dann immer genug Schlaf bekomme». Andere wollen einfach mal sehen, welche Möglichkeiten es überhaupt gibt und zeigen sich überrascht, dass es bei der Armeee auch so spannende Funktionen wie Cybersoldat oder Hundeführer gibt.

«Wir versuchen den Jungen anhand der Aufträge der Armee aufzuzeigen, dass wir nicht nur für die Verteidigung eingesetzt werden – was allerdings Priorität hat -, sondern auch für die Friedensförderung und für die Unterstützung der zivilen Behörden eingesetzt werden», sagt Pérez.

 Deses Jahr nehmen schweizweit 30 000 Stellungspflichtige des Jahrgangs 2008 an den Orientierungstagen teil. Pérez erteilt den Engadinern noch vor dem Mittagessen einen guten Ratschlag: «Ihr müsst gut planen, euch vorbereiten und früh genug an die Rekrutierung gehen, damit ihr grössere Chancen auf eure Wunschfunktion habt».