Warum die Muschel zum Symbol des Jakobswegs wurde, folgt später im Text. Jetzt geht es erst mal ins Val Müstair, wo die Reise startet. Der Bündner Jakobsweg, von Südtirol herkommend, beginnt in Müstair. Im Kloster St. Johann beziehungsweise bei der Gästeinformation kann man sich für die erste Etappe in der Schweiz den Stempel geben lassen. «Dieses Jahr hatten wir bereits einen Pilger», sagt Karin Niederegger von der Gästeinformation Val Müstair. Aber die Saison habe jetzt auch erst begonnen, meint Niederegger. Das lasse sich unter anderem mit den letzten Schneefeldern am Costainaspass zwischen Lü und S-charl erklären. Im gesamten letzten Jahr waren es gemäss Statistik 51 Pilgerinnen und Pilger, die sich den Stempel in Müstair abholten. In Nordspanien hingegen, wo die Hauptroute des Jakobswegs verläuft, herrscht bereits Hochsaison.
Ein europaweites Netzwerk
Den einen Jakobsweg gibt es im Grunde genommen gar nicht. Es ist vielmehr ein grosses Netzwerk von Pilgerwegen, das sich durch ganz Europa zieht und dessen Ziel Santiago de Compostela im Nordwesten Spaniens ist. Dort soll sich gemäss der Überlieferung das Grab des Apostels Jakobus des Älteren befinden. Er soll einer der engsten Vertrauten Jesu gewesen sein und nach dessen Tod in Spanien gepredigt haben. Später sei Jakobus in Jerusalem hingerichtet worden, und seine Gebeine sollen mit dem Schiff zurück nach Spanien gebracht worden sein. Was dabei Legende und was Tatsache ist, lässt sich nicht vollumfänglich klären.
Die Bedeutung der Jakobsmuschel
Klar hingegen ist, dass die Hauptroute, der Camino Francés, neben den Pilgerwegen nach Rom und Jerusalem sowie den Wegen nach Mekka zu den bekanntesten Pilgerwegen überhaupt gehört. Der Weg nach Rom führt zum Grab Petri. Sein Symbol war das Kreuz. Der zweite wichtige Pilgerweg im Christentum führt zum Heiligen Grab Christi nach Jerusalem. Die Menschen, die dorthin pilgerten, nannte man Palmträger. Das Ende des Jakobswegs an der Atlantikküste in Galicien ist reich an sogenannten Jakobsmuscheln. Pilger nahmen sie als Beweis dafür, dass sie den Weg zu den Reliquien des Jakobus gegangen waren, mit nach Hause, heisst es. Die Muschel wurde aber auch als Gebrauchsgegenstand zum Wasserschöpfen oder als Essschale genutzt.
Geschichten vom Camino
In Saint-Jean-Pied-de-Port, am Fuss der französischen Pyrenäen, steigen jeweils im April die ersten Pilger ein, um über die Bergekette nach Pamplona zu gelangen. Man komme nicht als Pilger hierher, meint Jim, ein 84-jähriger Amerikaner. «Zum Pilger wird man irgendwann auf dem Weg.» Ob er am Ende ankomme, sei ihm nicht so wichtig, erklärt er. Er wolle auf dem Camino seinen letzten grossen Lauf machen. Auch für seine verstorbene Frau. Gemeinsam hätten sie unzählige Langstreckenläufe gemeistert. Ebenso ist der junge Giuseppe aus Neapel unterwegs. Nachdem er seine Eltern verloren hat, will er auf dem Camino wieder Mut und Kraft finden. Esther aus Kanada hingegen will über ihre elfjährige Beziehung hinwegkommen. Und Jenny wurde vor einiger Zeit Opfer einer Vergewaltigung. Der Camino sei ihre Therapie. «Und mein Neuanfang», sagt sie entschlossen. Der Jakobsweg erzählt unzählige Geschichten. Geschichten von Trauer, Wut, Inspiration und Neuanfängen. Die Legenden und Sagen über Apostel und Tempelritter lassen sich ebenso unterwegs entdecken.
Ehrliche Begegnungen
Unterwegs lassen sich die Suchenden und Wandernden bei Herbergen, Klöstern und Kirchen mit einem Stempel im Pilgerpass bestätigen, dass sie vor Ort waren. Der Pass berechtigt zu günstigen Unterkünften und einem reichhaltigen Pilgermenü. Während beim gemeinsamen Laufen selten Smalltalk zu hören ist, wird es in den Herbergen dann auch schnell gesellig. Beim Wandern geht es mehr um die wichtigsten Fragen, die uns beschäftigen: Warum sind wir unterwegs? Warum tun wir, was wir tun? Und was wollen wir in Zukunft ändern? «Ich schätze das sehr», meint die 35-jährige Esther. «Man begegnet sich auf eine ganz ehrliche Weise.» Der Beruf oder andere profane Dinge des Alltags werden zur Nebensache.
Gregori aus Brasilien wurde durch den Schriftsteller Paulo Coelho inspiriert. «Es ist gut, etwas Langsames zu tun, bevor man im Leben eine wichtige Entscheidung trifft», schreibt dieser. Es gibt unzählige Bücher über den Jakobsweg. «Und es gibt ebenso viele, die von der Zeit nach dem Camino handeln», scherzt John aus England. Er und sein Freund haben sich die Pilgerreise zum 50. Geburtstag geschenkt. «Es ist grossartig, wie man Schritt für Schritt Lasten hinter sich lässt», sagt John und meint damit auch unnützes Gepäck. Weder das Alter noch die Herkunft spielen bei den Begegnungen unterwegs eine Rolle. «Der Camino verbindet und trägt durch die Weiten Spaniens», sagt Esther, die nach 30 Tagen bei der grossen Kathedrale in Santiago angekommen sein wird.
Der Jakobsweg erlebt einen Boom
Im Tourismusbüro in Santiago de Compostela erklärt eine Mitarbeiterin, dass das Pilgern einen neuen Boom erlebe. Vor allem nach der Corona-Pandemie seien die Zahlen gestiegen. Waren es Anfang der 1990er-Jahre rund 5000 Pilgerinnen und Pilger pro Jahr, die den Weg begingen, so waren es im vergangenen Jahr mehr als eine halbe Million Menschen. Für dieses Jahr wird ein neuer Rekord erwartet.
Auf der offiziellen Internetseite wird stündlich die Zahl der ankommenden Pilger publiziert. An einem Tag Mitte Mai waren es morgens um acht Uhr bereits mehr als 100 ankommende Pilger. Die Gesamtzahl lag schon bei über 111 000. Ebenso wird eine Statistik nach Nationalitäten geführt. Spanien liegt jedes Jahr mit grossem Abstand an erster Stelle, gefolgt von Pilgerinnen und Pilgern aus den Vereinigten Staaten. Im Jahr 2025 kamen rund 2000 Pilger aus der Schweiz in Santiago an.
Wer vom Engadin aus in Richtung Santiago starten will, dem empfiehlt sich aufgrund der klimatischen Bedingungen, den Weg umgekehrt anzugehen. Die Etappe von Müstair nach Cinous-chel sollte im Sommer zurückgelegt werden. Während es in Spanien dann unerträglich heiss werden kann, sind die Wege im Engadin sicher schneefrei.
Autor und Fotos: Mayk Wendt
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