In gut zwei Wochen entscheidet der Bündner Souverän, wer ab 2027 die nächsten vier Jahre die politischen Fäden auf kantonaler Ebene in den Händen hält, sowohl auf Parlaments- als auch auf Regierungsebene. 346 Männer und 176 Frauen kandidieren für den Grossen Rat. Vier der neun Kandidie­renden für den Regierungsrat sind weiblich. 

Erst drei Frauen in der Exekutive
Frauen sind in der Bündner Politik in der Unterzahl. Mit Eveline Widmer-Schlumpf, Barbara Janom Steiner und Carmelia Maissen waren im Kanton Graubünden bisher nur drei Frauen Teil der Exekutive. Woran liegt das, und auf welche Schwierigkeiten stossen Politikerinnen? Mit diesen Fragen hat sich das wissenschaftliche Projekt «Promo Femina – Politisches Engagement von Frauen in Schweizer Gemeinden» befasst. Die Projekt­leiterin und Dozentin Ruth Nieffer sagt: «Die Einstiegshürde in die Politik auf Gemeindeebene ist sicher für viele gross. Wer mal Gefallen daran gefunden hat, Politik zu machen und sich vielleicht in einer Partei engagiert, jene Frauen entdecken gerade für sich einen politischen Entwicklungs­weg.» 

Kandidatinnen mit Vorbildfunktion
Auf Gemeindeebene können Frauen erste politische Erfahrungen sammeln, sie lernen mit Erfolgen und Niederlagen umzugehen, sie sind mit Führungsthematiken konfrontiert und können im besten Fall schnell etwas für die Gemeinschaft bewirken. Dass das Gemeindepräsidium auch ein Sprungbrett für eine politische Karriere sein kann, beweist Carmelia Maissen. Sie war zunächst Gemeindepräsidentin von Ilanz/Glion und im gleichen Jahr wurde sie auch als Grossrätin gewählt. Seit 2023 ist sie Regierungsrätin. Nun will sie wiedergewählt werden.

Die neuen Kandidatinnen für den Regierungsrat politisieren momentan auf Gemeindeebene und auf kanto­naler Ebene. Nora Saratz Cazin ist Gemeindepräsidentin von Pontresina und GLP-Grossrätin, Aita Zanetti ist Gemeindepräsidentin von Scuol und Mitte-Grossrätin, und Valérie Favre Accola ist Statthalterin von Davos, SVP-Grossrätin und aktuell Standespräsidentin. 

«Diese Frauen sind mit ihrem Werdegang Vorbilder für junge Frauen», meint Ruth Nieffer. Sie kommen aus unterschiedlichen Berufen und Sprachregionen, haben unterschiedliche parteiliche Ausrichtungen, sie sind volksnah und haben den Rückhalt in der Bevölkerung, weil sie bereits auf Gemeindeebene und kantonaler Ebene politisieren. «Es braucht jetzt einfach noch viel mehr Nachahmerinnen», meint die Dozentin der Fachhochschule Graubünden. 

Frauen brauchen Unterstützung
 Ausgangspunkt für das Projekt Promo Femina war die Frage: Warum ist es so schwierig, die Sitze in den Gemein­debehörden zu besetzen? Potenzial gäbe es nämlich bei Frauen, jungen Menschen und Seniorinnen und Senioren. «Wir haben uns auf die Frauen konzentriert, weil sie 50 Prozent der Bevölkerung ausmachen, weil viele Frauen Teilzeit arbeiten und kompetent wären, um ein politisches Amt auszuführen», erklärt die Projektleiterin. Ein zentraler Punkt, warum Frauen nicht kandidie­ren, sei, dass sie nicht einmal in Betracht gezogen werden. Es würden hauptsäch­lich Männer für eine Kandidatur angefragt. In einem zweiten Schritt muss die Frau – sofern sie Kinder hat – die Unterstützung ihrer Familie oder des näheren Umfelds haben. «Dann braucht es auch Unterstützung bei der Bewerbung um ein Amt», erklärt Ruth weiter.

Das Projekt Promo Femina richtet sich direkt an interessierte Frauen, die sich über das politische Engagement in Gemeindebehörden informieren und ihre Eignung sowie die nächsten Schritte abschätzen möchten. Ziel des Projekts ist eine verbesserte Rekrutierung von Frauen, um das Schweizer Milizsystem zu stärken.

Mehr Sichtbarkeit durch Tools
Von 2020 bis 2022 wurden anhand von wissenschaftlichen Daten 120 Massnahmen erarbeitet (siehe Internetseite www.promofemina.fhgr.ch). Aus dem Projekt entstand ein interaktives Online-Tool, das Netzwerke, Parteien, Gemeinden und Frauen praxisnah unterstützt und mögliche Massnahmen aufzeigt. Inzwischen gibt es auch Kurse, in welchen Frauen Kompetenzen erlernen, zum Beispiel souverän aufzutreten, mit Medien und mit Kritik umzugehen, gut zu argumentieren, etc. Die Tageskurse werden gut besucht. Auf die Frage, ob es mitunter auch diesen Tools zu verdanken sei, dass dieses Jahr immerhin 176 Frauen für den Grossen Rat kandidieren und vier Frauen für den Regierungsrat, antwortet Ruth Nieffer: «Da müsste man die Frauen fragen, aber ich denke, wir sorgen sicher für mehr Sichtbarkeit.»