Die RhB verfolgt dabei bewusst nicht das Ziel, die ohnehin stark frequentierten Spitzenzeiten weiter auszubauen. Vielmehr sollen zusätzliche Gäste in jene Monate gelenkt werden, in denen die Auslastung traditionell tiefer ist. Davon profitierten nicht nur die Bahn, sondern auch Hotels, Restaurants und weitere touristische Leistungsträger.
«Unser Ziel ist nicht, dass wir die Spitzenzeiten noch stärker frequentieren. Unser Ziel ist der gesamte Jahrestourismus, dass wir eine bessere Auslastung haben», betont Fasciati. Die Entwicklung der vergangenen Jahre zeige, dass sich dies bereits teilweise bemerkbar mache. Während der Monat Mai früher vielerorts als schwach in der Saison galt, seien heute deutlich mehr Gäste unterwegs als noch vor zehn Jahren.
Fasciati erinnert an die Jahre zwischen 2010 und 2015, als die Zahl europäischer Gäste deutlich zurückging. Auch die Corona-Pandemie habe die Verletzlichkeit des Tourismus vor Augen geführt. Umgekehrt zeigten aktuelle Entwicklungen, dass Destinationen mit einer starken Konzentration auf einzelne Märkte besonders anfällig seien.
«Wir möchten möglichst auf vielen Märkten präsent sein. Wenn einmal der eine Markt eine Krise hat, kann man auf andere Märkte steuern», sagt Fasciati. Ziel sei ein nachhaltiges Wachstum, das der Bahn ebenso zugute komme wie dem Tourismus insgesamt.
Die RhB sieht darin auch einen Beitrag zur wirtschaftlichen Stabilität. Mit touristischen Angeboten wie dem Bernina Express habe sie in den vergangenen Jahren gezeigt, dass attraktive Bahnprodukte nicht nur internationale Gäste anziehen, sondern auch einen finanziellen Beitrag an den öffentlichen Verkehr leisten können.
«Ich bin überzeugt, dass es hier einiges zu lernen gibt», sagt der RhB-Direktor. Die taiwanesische Bahn verkehre teilweise in noch extremeren Höhenlagen als die Berninalinie. Gleichzeitig sei es interessant zu beobachten, wie kleinere Bahnen mit begrenzten Mitteln touristische Angebote entwickelten und mit ihren Partnerregionen zusammenarbeiteten.
Fasciati widerspricht deshalb dem Eindruck, die Partnerschaft sei eine Einbahnstrasse zugunsten der taiwanesischen Seite. Zwar verfüge die RhB über grössere Kapazitäten, höhere Fahrgastzahlen und eine modernere Infrastruktur. Dennoch könnten beide Unternehmen voneinander profitieren. «Gerade bei kleineren Bahnen sieht man vielfach, wie sie viel einfacher mit gewissen Themen umgehen als wir», sagt er.
Dass die neue Zusammenarbeit auch für Taiwan einen hohen Stellenwert besitzt, zeigte sich am Montag in St. Moritz deutlich. Neben dem Generaldirektor der Alishan Forest Railway nahm auch der höchste Vertreter der taiwanesischen Behörde für Forstwirtschaft und Naturschutz an den Feierlichkeiten teil. «Sie sind extrem stolz darauf, dass sie eine Partnerschaft mit einer Schweizer Bahn eingehen dürfen», sagt Fasciati.
Begleitet wurde die Unterzeichnung von der Taufe der erneuerten Lokomotive Ge 4/4 III Nr. 653 auf den Namen «St. Moritz». Als Taufpaten amteten der «General Director of Forestry and Nature Conservation Agency» Taiwans, Dr. Hwa-Ching Lin, und der St. Moritzer Gemeindepräsident Christian Jott Jenny.
Autorin: Sina Margadant
Fotos: Nicola Pitaro
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