Die Delegation aus Taiwan war kaum zu übersehen. Zahlreiche Vertreterinnen und Vertreter der Alishan Forest Railway sowie hochrangige Repräsentan­ten der taiwanesischen Forst- und Naturschutzbehörde waren am Montag nach St. Moritz gereist, um eine neue Partnerschaft mit der Rhätischen Bahn (RhB) offiziell zu besiegeln. Für die Bündner Bahn steht hinter dem feierlichen Akt jedoch weit mehr als Symbolik. Die Zusammenarbeit soll neue Gäste nach Graubünden bringen, den Wissensaustausch fördern und die RhB langfristig breiter aufstellen.

Mit der Alishan Forest Railway gewinnt die RhB nach der Hakone Tozan Railway in Japan und der Mariazellerbahn in Österreich ihre dritte offizielle Partnerbahn. Die Vereinbarung wurde im Rahmen einer Feier im Hotel Reine Victoria unterzeichnet. Ziel der Partnerschaft ist es, die Sichtbarkeit beider Bahnen in ihren jeweiligen Märkten zu erhöhen und den gegenseitigen Austausch zu fördern.

Mehr Gäste abseits der Hochsaison
Für RhB-Direktor Renato Fasciati sind solche Partnerschaften in erster Linie ein wichtiges Instrument zur Marktbearbeitung. Besonders in Asien sieht die RhB Potenzial. «Wir hoffen, dass wir in Zukunft noch mehr Gäste aus dieser Region haben werden. Gerade aus diesen Ländern verreisen die Menschen sehr häufig im Frühling, im April und Mai. Das ist auch für uns sehr gut, weil wir so einen weiteren Schritt in Richtung Ganzjahrestourismus machen können», so Fasciati.
Die RhB verfolgt dabei bewusst nicht das Ziel, die ohnehin stark frequentierten Spitzenzeiten weiter auszubauen. Vielmehr sollen zusätzliche Gäste in jene Monate gelenkt werden, in denen die Auslastung traditionell tiefer ist. Davon profitierten nicht nur die Bahn, sondern auch Hotels, Restaurants und weitere touristische Leistungsträger. 
«Unser Ziel ist nicht, dass wir die Spitzenzeiten noch stärker frequentieren. Unser Ziel ist der gesamte Jahrestourismus, dass wir eine bessere Auslastung haben», betont Fasciati. Die Entwicklung der vergangenen Jahre zeige, dass sich dies bereits teilweise bemerkbar mache. Während der Monat Mai früher vielerorts als schwach in der Saison galt, seien heute deutlich mehr Gäste unterwegs als noch vor zehn Jahren.

Kein Abhängigkeit von Märkten
Die neue Partnerschaft ist zugleich Teil einer langfristigen Strategie der RhB. Das Unternehmen möchte seine Präsenz auf möglichst viele Herkunftsmärkte verteilen, um weniger abhängig von einzelnen Regionen zu sein. Erfahrungen aus der Vergangenheit hätten gezeigt, wie rasch sich Rahmenbedingungen verändern können.
Fasciati erinnert an die Jahre zwischen 2010 und 2015, als die Zahl europäischer Gäste deutlich zurückging. Auch die Corona-Pandemie habe die Verletzlichkeit des Tourismus vor Augen geführt. Umgekehrt zeigten aktuelle Entwicklungen, dass Destinationen mit einer starken Konzentration auf einzelne Märkte besonders anfällig seien.
«Wir möchten möglichst auf vielen Märkten präsent sein. Wenn einmal der eine Markt eine Krise hat, kann man auf andere Märkte steuern», sagt Fasciati. Ziel sei ein nachhaltiges Wachstum, das der Bahn ebenso zugute komme wie dem Tourismus insgesamt. 
Die RhB sieht darin auch einen Beitrag zur wirtschaftlichen Stabilität. Mit touristischen Angeboten wie dem Bernina Express habe sie in den vergan­genen Jahren gezeigt, dass attraktive Bahnprodukte nicht nur internationale Gäste anziehen, sondern auch einen finanziellen Beitrag an den öffentlichen Verkehr leisten können.

Austausch unter Gebirgsbahnen
Neben touristischen Überlegungen soll die Partnerschaft auch den fachlichen Austausch stärken. Die Alishan Forest Railway gilt als eine der bekanntesten Gebirgsbahnen Asiens. Ihre Strecke führt über rund 71 Kilometer durch den Südwesten Taiwans und verbindet verschiedene Klimazonen vom Tiefland bis ins Hochgebirge. Trotz unterschiedlicher Grösse und Infra­struktur sieht Fasciati zahlreiche Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Bahnen. Beide Unternehmen sind in anspruchsvollem Gelände unterwegs und müssen sich mit Themen wie Naturgefahren, Erosion oder den Folgen des Klimawandels auseinandersetzen.
«Ich bin überzeugt, dass es hier einiges zu lernen gibt», sagt der RhB-Direktor. Die taiwanesische Bahn verkehre teilweise in noch extremeren Höhenlagen als die Berninalinie. Gleichzeitig sei es interessant zu beobachten, wie kleinere Bahnen mit begrenzten Mitteln touristische Angebote entwickelten und mit ihren Partnerregionen zusammenarbeite­ten.
Fasciati widerspricht deshalb dem Eindruck, die Partnerschaft sei eine Einbahnstrasse zugunsten der taiwanesischen Seite. Zwar verfüge die RhB über grössere Kapazitäten, höhere Fahrgastzahlen und eine modernere Infrastruktur. Dennoch könnten beide Unternehmen voneinander profitie­ren. «Gerade bei kleineren Bahnen sieht man vielfach, wie sie viel einfacher mit gewissen Themen umgehen als wir», sagt er.
Dass die neue Zusammenarbeit auch für Taiwan einen hohen Stellenwert besitzt, zeigte sich am Montag in St. Moritz deutlich. Neben dem Generaldirektor der Alishan Forest Railway nahm auch der höchste Vertreter der taiwanesischen Behörde für Forstwirtschaft und Naturschutz an den Feierlichkeiten teil. «Sie sind extrem stolz darauf, dass sie eine Partnerschaft mit einer Schweizer Bahn eingehen dürfen», sagt Fasciati.
Begleitet wurde die Unterzeichnung von der Taufe der erneuerten Lokomotive Ge 4/4 III Nr. 653 auf den Namen «St. Moritz». Als Taufpaten amteten der «General Director of Forestry and Nature Conservation Agency» Taiwans, Dr. Hwa-Ching Lin, und der St. Moritzer Gemeindepräsident Christian Jott Jenny. 

Autorin: Sina Margadant
Fotos: Nicola Pitaro