Dabei zeigt sich: Fussball ist weit mehr als ein Spiel. Er ist Projektionsfläche für Geschichten, Emotionen und Erinnerungen. Jede Prognose erzählt auch etwas über die Person, die sie abgibt. Wer auf Frankreich setzt, denkt an spielerische Klasse und Tradition. Wer Norwegen zum Titel traut, setzt auf Mut und Fantasie. Und wer Curaçao, Schweden oder Ägypten ins Rennen schickt, beweist, dass eine Weltmeisterschaft auch Raum für kreative Gedankenspiele bietet. Ob am Ende tatsächlich einer unserer Tipps ins Schwarze trifft, wird sich erst in einigen Wochen zeigen. Die Erfahrung lehrt allerdings, dass selbst die überzeugendste Vorhersage oft schon nach der Gruppenphase Makulatur sein kann. Genau deshalb wagen wir sie trotzdem. Denn ohne Prognosen, Diskussionen und freundschaftliche Neckereien wäre ein grosses Fussballturnier nur halb so spannend.
In diesem Sinne: Möge der Ball rollen, die Überraschungen nicht ausbleiben und wenigstens eine Person aus der Redaktion am Ende sagen dürfen: «Ich habe es doch gewusst.» (sm)
Das Land der Sonne wird es machen
Die Fussball-Weltmeisterschaft steht einmal mehr vor der Tür, und wie immer – die Experten sind sich einig: Sie haben keine Ahnung. Brasilien tanzt, Frankreich zaubert, Argentinien verteidigt den Titel, Deutschland hofft auf bessere Zeiten und England erklärt sich bereits jetzt zum moralischen Weltmeister. Und dann wäre da noch mein Favorit: Méjico.
Warum Mexiko? Erstens trägt die mexikanische Fussballnationalmannschaft das schönste Trikot des Turniers, und zweitens verfügt das Land der scharfen Speisen mit Guillermo «Memo» Ochoa über eine Geheimwaffe. Der Torhüter stand bereits 2006 erstmals in einem WM-Kader und erlebt nun, zwanzig Jahre später, seine sechste Weltmeisterschaft – ein historischer Meilenstein. Mit 40 Jahren bringt er mehr WM-Erfahrung mit als manche Nationaltrainer.
Natürlich sprechen die Statistiken nicht unbedingt für einen mexikanischen Titelgewinn. Aber seit wann interessieren sich Fussballkenner schon für Statistiken? Die schönsten Geschichten schreibt schliesslich nicht der Computer, sondern der Fussball. Deshalb lautet meine persönliche, völlig objektive Prognose: Mexiko marschiert dank Ochoa, Leidenschaft und dem schönsten Trikot der WM bis ins Finale. Und wenn es doch nicht klappt, gewinnt eben wieder irgendein anderer Favorit, der sich während dem Turnier herauskristallisiert.
Andrea Gutgsell
Die Macht der Fjorde
Mein Tipp lautet Norwegen. Nicht wegen irgendwelcher Statistiken. Statistiken werden schliesslich von denselben Leuten erstellt, die jedes Jahr erklären, warum diesmal alles ganz anders wird. Ich tippe auf Norwegen, weil ein Volk, das freiwillig dort lebt, mentale Stärke bewiesen hat. Wer sechs Monate dunklen Winter, Temperaturen unter null und Lebensmittelpreise über dem Gefrierpunkt übersteht, lässt sich von einem WM-Finale nicht aus der Ruhe bringen. Ausserdem stammen die Norweger von den Wikingern ab. Deren Geschäftsmodell bestand darin, ohne Einladung irgendwo aufzutauchen und anschliessend als Sieger nach Hause zu fahren.
Warum sollte das heute nicht auch bei einer Weltmeisterschaft funktionieren? Und ganz ehrlich: Das Land hat bereits Fjorde, Nordlichter, Lachs und einen Staatsfond, der gefühlt die halbe Welt kaufen könnte. Da wäre ein WM-Titel fast schon die bescheidene Variante. Deshalb mein Tipp: Norwegen. Manchmal braucht es keine Analyse – manchmal genügt ein Fjord voller Zuversicht.
Anna Hartmann
Der Ökonom sagt: Oranje gewinnt
Laut dem Simulationsmodell des deutschen Ökonomen Joachim Klement sind die Niederlande der WM-Titelfavorit. Der Stratege einer Investmenbank hat die letzten drei Fussballweltmeister korrekt vorhergesagt. Sein Modell basiert nicht auf Topscorer oder Gegnerstärke, sondern auf Faktoren wie Bevölkerung, Wohlstand, Klima und Fifa-Rangliste. Gemäss dem Simulationsmodell setzen sich die «Oranje» im Viertelfinal gegen Frankreich durch. Im Halbfinal treffen sie dann auf Europameister Spanien und im Final auf Portugal. Was Joachim Klement nicht berücksichtigt hat, sind die Fans. Ich habe selber erlebt, wie bei der Fussball-Europameisterschaft 2008 ganz Bern von einer orangefarbenen Welle überflutet wurde. Die Begeisterung der holländischen Fans ist so ansteckend, dass sogar ich temporär zum Oranje-Fan wurde. Mit so starker Unterstützung und den richtigen Zahlen, kann die niederländische Mannschaft nur gewinnen.
Meine persönlichen Sieger dieser Fussball-WM stehen allerdings schon fest, und das sind nicht die Holländer, sondern die Norweger. Nicht wegen ihres fussballerischen Könnens oder dem sympathischen Underdog-Status, sondern wegen ihres offiziellen Mannschaftsbildes. In Wikingermontur, inklusive Langboot und Kämpfermiene posieren die norwegischen Nationalspieler darauf. Plötzlich interessieren sich auch Leute für die WM, die vorher gerade mal wussten, dass beim Fussball ein Ball im Spiel ist. Schade, gibt es bei diesem Wettkampf keine Punkte für Originalität.
Fadrina Hofmann
Curaçao: schönstes Trikot, kühnster Tipp
Bescheidenes Fussballfachwissen kombiniert mit Sympathie für kleine Nationen führt mich beim WM-Tipp konstant ins Verderben. Kamerun, Marokko und Nordmazedonien sind allesamt – wen wundert’s – nicht Weltmeister geworden. Da ich in den letzten Jahren mit grosser Konstanz an meinem Ruf als Falschtipper gearbeitet habe, und man einen Ruf, auch wenn er zweifelhaft ist, nicht einfach aufs Spiel setzt, wage ich auch in diesem Jahr einen abenteuerlichen Tipp: Curaçao. Mein erstes und bisher einziges Erlebnis mit Curaçao erinnert an einen Barbesuch. Nicht, dass mir der Blue Curaçao wirklich geschmeckt hätte, aber er sah unverschämt gut aus. Die tiefblaue Farbe, Reggae-Musik im Hintergrund – wie cool ist das denn?
Zum Fussball: Die erste WM-Teilnahme überhaupt, das kleinste Teilnehmerland, der älteste Trainer und ein Team, das praktisch nur aus Fussballern besteht, die in den Niederlanden geboren wurden – Curaçao ist ein autonomer Teil der Niederlande – unschlagbar! Einen Titel hat die Karibikinsel bereits gewonnen: In einem Voting einer Schweizer Tageszeitung wurde das Trikot der Curaçaoer zum schönsten gekürt. Prächtige Voraussetzungen also, um am kommenden Sonntag den Deutschen beim ersten Gruppenspiel ein Bein zu stellen. Mein Tipp steht auf einem ähnlich soliden Fundament wie die meisten Expertenprognosen. Und wenn es mit dem WM-Tipp (wieder) nicht klappen sollte: Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern?
Reto Stifel
Egipta cun ostinadezza ed importunità
D’incuort eschan stats la prüma vouta in vacanzas in Egipta. Ün pajais da bellezza cun ün’istorgia fascinanta ed ün svilup turi- stic enorm. Be a Hurghada exi- stan 320 hotels. La gronda part dals hotels sun fich moderns ed il personal es fich amiaivel. Però apaina cha bandunast l’hotel vainst maglià dals cromers indigens. Ils Egiptans sun fich importuns, ostinats e molestus. Lur möd e lur vöglia da tour pel chül ils cliaints es fich seccanta.
Scha’ls giovaders da la squadra da l’Egipta han las medemmas qualitats, schi pensa cha lur squadra da ballapè riva ferm inavant. Sch’Els as preschaintan culla medemma ostinadezza ed importunità eir sülla plazza da ballapè, schi nu riva ingün adversari speravia. Per guadognar stuvarana però eir far ün o tschel gol. Però eu sun persvas, cha cun lur talent rivaran ils Egiptans da schnarrantar il goli. A la fin basta ün gol daplü co l’adversari per guadognar.
Fingià ils Grecs vaivan muossà dal 2004 cha plü o main ün gol per gö basta per gnir champiuns europeans. Perquai sun eu persvas, resguardond mias experienzas in vacanzas, cha la squadra da l’Egipta dvainta chapiuna mundiala.
Nicolo Bass
Schweden ist Favorit
Italien ist keine Option für mich, auch wenn ich in Italien lebe. Die haben der Fussball-WM den Rücken gekehrt. Wie man aus dem Radio mit zorniger Stimme hört: «Le annate di 2014, non anno mai visto giocare l‘italia in una mondiale.» (Die Jahrgänge von 2014 haben Italien noch nie bei einer Fussball-WM gesehen).
Als Kind habe ich mir Fussball noch gerne angesehen. Das Interesse am Fussball ist mir dann doch im Laufe der Zeit verloren gegangen und hat sich verwandelt in ein «Schon wieder?» Inzwischen muss ich sagen, dass ich den Schweden, Bosniern und Südafrikanern dankbar für die angenehme Ruhe im Sommer bin. Also macht mich das zu einem absoluten Schweden-Fan. Die haben das als Erstes geschafft, mir einen ruhigen Sommer in Italien zu bescheren, ohne Autokorso und Gebrüll.
Ausserdem finde ich die schwedische Landschaft und die Unaufgeregtheit der Menschen faszinierend. Schweden vor, noch ein Tor!
Morgan Fouqueau
England trifft im Final auf die ...
Fragen Sie mich nicht, wie viele Male ich an dieser Stelle schon erfolglos auf die Three Lions als nächsten Fussball-Weltmeister getippt habe. Und doch, England wird es im Sommer der ganzen Welt zeigen, die Gruppe L dominieren, Panama erbarmungslos aus dem Turnier werfen und mit Ghana und Kroatien in die Sechzehntel-Finals einziehen. Dann wird es kompliziert: Die Löwen werden nämlich am 1. Juli in Atlanta gegen den Dritten der Gruppen E, H, I, J oder K spielen, werden diese aber – wer immer es ist – mit 3:1 Toren vom Rasen fegen «It’s a matter of honor!»
Am 5. Juli treffen die Engländer dann im Achtelfinal in Mexiko City auf den Sieger der Gruppe A, Mexiko. Ausgerechnet! Aber «It doesn’t matter», wie die Briten sagen, mit einem harzigen 1:0 geht’s weiter in den Viertelfinal. Dort, am 11. Juli in Miami, schaltet England mit 2:0 Toren Norwegen aus (welches zuvor, schau, schau, Brasilien aus dem Turnier warf) und trifft am 15. Juli, dann wieder in Atlanta, im Halbfinal und dem 102. Spiel auf – Achtung – die Schweiz. Diese hat nämlich zuvor mit einem 4:3 nach Penaltyschiessen den amtierenden Weltmeister Argentinien besiegt.
Heisst, Sonntag, 19. Juli, um 21.00 Uhr Mitteleuropäische Zeit, Spiel 104, das Grande Finale im New Yorker New Jersey-Stadion zwischen England und der Schweiz. Weil aber beide Mannschaften Finalspiele nicht gewinnen können, werden sie den Final bis am Vorweihnachtsabend durchspielen, sich dann den Schnee vom Dress klopfen, sich die Hände reichen, endlich mal wieder duschen gehen, um später, im Pub um die Ecke, die Entscheidung am Dartboard auszumachen. So geht Fussball!
Jon Duschletta
Allez les Bleus!
Steht eine Fussball-WM an, bin ich schon Wochen vorher hibbelig. Die Vorfreude auf spannende Spiele, Überraschungen, Underdogs, Dramen und Tränen gehört für mich einfach dazu. Die erste WM, die ich bewusst mitverfolgte, war jene 1994 in den USA. Was war das für ein Drama, als Roberto Baggio im Final den entscheidenden Penalty übers Tor schoss, Brasilien Weltmeister wurde, und ganz Italien in ein Tal der Tränen versank. Solche Emotionen kann nur der Fussball auslösen.
Jahre später, als ich selbst aktiv Fussball spielte, war es ein Franzose, der meine Vorstellung von diesem Sport prägte. Abseits des Platzes bescheiden und zurückhaltend, auf dem Rasen ein Zauberkünstler: Zinedine «Zizou» Zidane. Mit seiner Eleganz, seiner Technik und seiner Spielintelligenz liess er Gegner stehen, setzte Mitspieler mit Zuckerpässen in Szene und erzielte traumhaft schöne Tore. Weltmeister, Europameister, Weltfussballer, Ballon-d’Or-Gewinner – eine Legende.
Frankreich ist eine grosse Fussball-Nation und verfügt auch heute über einen Kader, der zum engsten Favoritenkreis zählt. An der Seitenlinie steht mit Didier Deschamps jener Mann, der als Spieler zusammen mit Zidane Welt- und Europameister wurde und 2018 als Trainer den WM-Titel gewann. Nach dem Turnier wird Deschamps zurücktreten. Es wäre eines dieser besonderen Fussballmärchen, wenn ihm zum Abschied nochmals der grosse Coup gelänge. Und noch schöner wäre die Pointe: Sein wahrscheinlicher Nachfolger heisst Zinedine Zidane. Der Kreis würde sich schliessen, Zizou kehrt heim.
Sina Margadant
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