Kurz nach sieben Uhr morgens herrscht an der Talstation schon reger Betrieb. Schwingfest-Fans scheinen Frühaufsteher zu sein. Gestärkt mit einem Kaffee zum Mitnehmen, welchen Voluntaris ausschenken, geht es mit der Bergbahn hinauf auf 2100 Meter über Meer. Hier findet an diesem Tag das Bündner-Glarner-Schwingfest statt. Dort, wo im Winter das Kinderland für die kleinsten Schneesportler ist, hat das Organisationsteam für ein Wochenende eine Arena mit Tribünen und vier Sägemehl-Ringen sowie dem traditionellen Schwinger-Brunnen aufgestellt. Die ersten Zuschauerinnen und Zuschauer sitzen trotz frischer Temperaturen bereits auf ihren Plätzen. Die Wolkendecke ist noch zäh, und es weht ein leichter Wind. Doch die Wetterprognose sieht gut aus, und die Vorfreude auf den Festtag ist überall zu spüren.

Überraschend ruhiger Sport
Um punkt acht Uhr geht es mit dem ersten von sechs Gängen los. 123 Teilnehmer treten zum Wettkampf an. Einer der Ersten ist Flurin Alesch Felix aus Sent. Angekündigt wird er, wie es beim Schwingen üblich ist, als «Felix Flurin Alesch». Obwohl der Start holprig wirkt, sorgt er an diesem frühen Samstagmorgen für den ersten Jubel in der Arena: Er geht als Sieger aus dem Ring. Im Publikum sind auch seine Eltern. Chasper Alexander Felix verfolgt über einen Link in Echtzeit die Reihenfolge der Paarungen und die Resultate. Regula Felix scheint froh zu sein, dass der erste Gang durch ist. Obwohl sie sich über jeden Erfolg ihres Sohnes freut, gibt sie unumwunden zu: «Ich kann fast nicht zusehen.» Sie sei immer besorgt, dass sich ihr Sohn verletze. Vor allem fürchte sie Verletzungen an der Halswirbelsäule. 

Im Laufe des Wettkampfs wird klar, was es mit dieser Sorge auf sich hat. Tatsächlich werden einige Teilnehmer kopfüber regelrecht ins Sägemehl gedrückt. Und dennoch herrscht im Ring eine überraschende Ruhe. Gebrüll herrscht höchstens vor dem Betreten des Rings, beim Wasserspritzen ins Gesicht, begleitet vom Klopfen mit flacher Hand auf die Oberschenkel. Für Laien hört es sich wie ein Kampfschrei an.

Der Star ist ganz klar Armon Orlik
Warum so viele Fans bereits so früh am Morgen angereist sind, hängt wohl auch damit zusammen, dass eine attraktive Spitzenpaarung schon im ersten Gang stattfindet: «Orlik Armon gegen Schneider Domenic». Der Favorit trifft auf den nominell stärksten Herausforderer. Der Kampf wird mit Spannung verfolgt und der Sieg von Orlik mit grossen Applaus und Jubel begleitet. Er gewinnt auch seine nächsten Gänge gegen die Teilverbandskranzer Patrik Feldmann, Michael Bernold und Janos Bachmann. Nach vier Gängen führt er mit 0,75 Punkten Vorsprung auf seine nächsten Verfolger.

Dass Orlik der erklärte Publikumsliebling ist, zeigt sich bereits im ersten Gang. Doch auch die vier einheimischen Schwinger werden kräftig angefeuert. Nebst Felix steigen noch Claudio Regli aus Tarasp, Loris Beer aus Ftan und Andri Thomas aus Ardez in die Zwilchhosen. Nach zwei erfolgreichen Gängen gesellt sich Felix zu seinen Eltern. Er hat Hunger und die Mutter hat «Kraftfutter» mitgebracht. «Für mich ist es besonders, an einem Schwingfest teilzunehmen, wo ich jede Menge Leute kenne», sagt der junge Schwinger. Es ist das erste Schwingfest des Kantonalverbands im Unterengadin. 

Sein Vereinskollege Claudio Regli, der soeben vorbeischlendert, teilt diese Meinung. «Es ist schön, diesen in der Region noch nicht so bekannten Sport der einheimischen Bevölkerung zeigen zu können», sagt er. Vielleicht lasse sich ja der eine oder andere Bub fürs Schwingen begeistern und trete dem Schwingclub Engiadina bei. So viele Gänge wie möglich zu gewinnen, das ist das Ziel der beiden Engadiner. Und klar würden sie gerne mal einen Kranz gewinnen, obwohl die Konkurrenz gross ist. «In erster Linie muss man den heutigen Tag geniessen», meint Regli. 

Eine familiäre Atmosphäre
Inzwischen hat sich die Sonne durchgesetzt. Anstelle der Schwyzerögelimusik aus dem Lautsprecher sorgt das Bergwaldchörli Enggenhütten in Appenzellertracht für die musikalische Unterhaltung in der Arena. Wer den ersten Hunger verspürt, verpflegt sich bei einem der Stände oder im grossen Festzelt. Jemand hat eine Salsiz und Käse aufgeschnitten und verteilt grosszügig, jemand anderes schenkt Weisswein in kleinen Gläsern aus. Es herrscht eine friedliche, familiäre Stimmung. So ruhig es auf dem Sägemehl zu und her geht, so ruhig verhält sich auch das Publikum. Nur ab und zu brandet bei einem der vier Ringe Applaus auf oder es gibt aufmunternde Zwischenrufe. 

Sogar als der junge Schwinger Niclaas Rungger am Boden bleibt und die Sanität gerufen wird, entstehen weder Hektik noch Voyeurismus. Der Verletzte wird abgeschirmt, versorgt und mit einer Trage abtransportiert. Die anderen Kämpfe gehen derweil weiter. Später wird bekannt, dass sich der Schwinger die Schulter ausgekugelt hatte.

Respekt gegenüber dem Gegner
Nach dem fünften Gang gegen 16.00 Uhr erhält der Anlass noch eine zusätzliche feierliche Note. Der Fahneneinzug wird von der Musikgesellschaft von Sent angeführt, inklusive Organisationskomitee, Vertretern des Kantonalverbands und Nationalrat Roman Hug. Die Kantonsfahne wird feierlich übergeben. In den verschiedenen Ansprachen fallen Worte wie «fair», «bodenständig» und «heimatverbunden». «Wer heute im Sägemehl gestanden ist, weiss: Erfolg kommt nicht von alleine, er verlangt Fleiss, Disziplin und Ausdauer», sagt Roman Hug in seiner Rede. Aber genauso wichtig sei der Respekt gegenüber dem Gegner. «Nach jedem Gang gibt man sich die Hand, wischt einander das Sägemehl von den Schultern und begegnet sich auf Augenhöhe. Diese Haltung macht den Schwingsport vorbildlich für vieles andere in unserer Gesellschaft.»

Der Austragungsort mit Alpenpanorama wird ebenso gelobt wie der herzliche Gastgeber. Das ist Musik in den Ohren von OK-Präsident Reto Rauch, dem mit seinem Team ein logistischer Kraftakt gelungen ist, um das Bündner-Glarner-Schwingfest auf Motta Naluns zu realisieren. «Es ist alles geglückt, das Wetter stimmt, die Rückmeldungen des Verbandes sind nur positiv, die Leute sind zufrieden. Wir hatten sogar noch mehr Zuschauerinnen und Zuschauer, als gedacht», freut sich Rauch. Der Speaker verkündet kurz darauf einen Besucherrekord von 4000 Personen. Erwartet wurden rund 3000.

Ein deutlicher Sieg
Vor dem Schlussgang zieht auch der Präsident des Schwingclubs Engiadina, Michi Beer, eine erste Bilanz: «Der lokale Schwingclub hat nur vier aktive Schwinger, umso schöner ist es, dass wir das ‹Bündner-Glarner› ausrichten durften», sagt er. Als Vater von Jungschwinger Loris Beer bedauert er zwar, dass dieser an diesem Tag nicht so erfolgreich war. Aber ein Heim-Schwingfest sei für alle Teilnehmer etwas einzigartiges, ob mit oder ohne Kranz.

Weiterfeiern bis zur letzten Gondel
Der Höhepunkt steht bevor: der Schlussgang mit Armon Orlik und Mario Schneider. Die finale Begegnung ist allerdings bereits nach einer Minute vorbei. Orlik siegt souverän über den Thurgauer. Das Publikum feiert ihn frenetisch. Siegermuni Muni Alonso steht kurze Zeit später auch bereits neben ihm, nachdem das stattliche Tier den ganzen Tag die schöne Aussicht auf die Unterengadiner Bergwelt geniessen durfte. Die Engadiner Schwinger belegen zwar die hinteren Ränge, haben aber sehr viele Sympathien gewonnen. Und Armon Orlik sagt im Siegerinterview: «Bei dieser Kulisse, auf dieser Höhe zu gewinnen, ist sehr speziell.» 

Weder der frisch gekürte Sieger des «BÜGLA26» noch die Zuschauerinnen und Zuschauer scheinen an diesem sonnigen Nachmittag auf dem Berg grosse Eile zu haben, weiterzuziehen. Das Fest wird von der Arena einfach ins und vor das Festzelt bei der Bergstation verlagert. Die letzte Gondel fährt schliesslich erst um Mitternacht.