/EP/PL: Die portugiesische Gemeinschaft ist schon lange ein wichtiger Teil des Engadins. Welche Branchen sind heute besonders stark auf portugiesische Arbeitskräfte angewiesen?
Besonders stark vertreten sind portugiesische Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer im Baugewerbe, in der Reinigung, in der Hotellerie und Gastronomie sowie in verschiedenen Dienstleistungsberufen. Viele Arbeiten, die für den Alltag der Region und für den internationalen Tourismus unverzichtbar sind, werden von ihnen geleistet. Mein Eindruck während meiner täglichen Arbeit ist, dass ihr Beitrag häufig selbstverständlich geworden ist. Gerade deshalb wird manchmal übersehen, wie wichtig diese Menschen für das Funktionieren der Region sind.
Welche Themen und Sorgen beschäftigen die portugiesische Community derzeit am meisten?
Die Themen unterscheiden sich heute weniger von denen der übrigen Bevölkerung als noch vor zwanzig oder dreissig Jahren. Viele Familien sind längst im Engadin angekommen und beschäftigen sich mit Fragen, die viele Menschen bewegen: Wohnen, steigende Lebenshaltungskosten, Altersvorsorge, die Zukunft der Kinder oder die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Daneben gibt es weiterhin Fragen zu Arbeitsbedingungen, Sozialversicherungen und beruflichen Perspektiven. Viele Menschen möchten verstehen, welche Rechte und Möglichkeiten sie haben und wie sie ihre Zukunft langfristig absichern können.
Worin sehen Sie die grössten Herausforderungen für Portugiesinnen und Portugiesen, die heute im Engadin leben und arbeiten?
Eine der grössten Herausforderungen sind die hohen Wohn- und Lebenshaltungskosten. Gleichzeitig stehen viele Familien vor der Frage, wie sie ihre Zukunft gestalten wollen, ob dauerhaft im Engadin, in einer anderen Region der Schweiz oder vielleicht später wieder in Portugal. Hinzu kommt, dass viele Menschen zwischen verschiedenen kulturellen und sprachlichen Welten leben. Gerade für Kinder und Jugendliche ist dies oft eine Bereicherung, manchmal aber auch eine echte Herausforderung. Entscheidend ist, dass sie gute Bildungs- und Entwicklungsmöglichkeiten erhalten.
Was hat Sie dazu bewogen, in Samedan einen Informations- und Austauschabend zu organisieren?
In meiner täglichen Arbeit bin ich viel auf Baustellen, in Betrieben und im direkten Austausch mit Arbeitnehmenden unterwegs. Dabei stelle ich immer wieder fest, wie wertvoll persönliche Begegnungen sind. Ein solcher Abend bietet die wunderbare Möglichkeit, Menschen ausserhalb des Arbeitsalltags zusammenzubringen, Informationen weiterzugeben und den Austausch zu fördern. Viele Herausforderungen werden leichter, wenn man merkt, dass andere ähnliche Erfahrungen machen und man sich gegenseitig unterstützen kann. Gewerkschaftliche Arbeit beginnt für mich nicht erst bei einem Konflikt. Sie bedeutet auch, zuzuhören, zu informieren und Menschen miteinander zu vernetzen.
Welche Fragen zu Arbeitsbedingungen, Sozialversicherungen oder Altersvorsorge werden am häufigsten gestellt?
Viele Fragen betreffen Arbeitszeiten, die korrekte Erfassung geleisteter Stunden, Wegzeiten, Zuschläge oder die Rechte aus den jeweiligen Gesamtarbeitsverträgen. Daneben beschäftigen sich viele Menschen mit Fragen zur AHV, zur Pensionskasse und zur Altersvorsorge allgemein. Gerade für Personen, die viele Jahre zwischen Portugal und der Schweiz gelebt oder gearbeitet haben, besteht oft ein grosses Interesse daran zu verstehen, welche Ansprüche sie später geltend machen können.
Was wünschen Sie sich, dass die Teilnehmenden nach diesem Abend mit nach Hause genommen haben?
Ich wünsche mir, dass die Menschen mit dem Gefühl nach Hause gehen, gut informiert zu sein und zu wissen, an wen sie sich bei Fragen wenden können. Ebenso wichtig ist mir, aber auch das neue Kontakte entstehen und das Gemeinschaftsgefühl gestärkt wird. Solche Begegnungen schaffen Vertrauen und fördern den Austausch weit über den eigentlichen Anlass hinaus.
Es gibt einen wachsenden Dialog zwischen Arbeitnehmenden, Vereinen, lokalen Akteuren und Gewerkschaften. Woran zeigt sich diese Entwicklung konkret?
In den vergangenen Jahren habe ich erlebt, dass immer mehr Menschen den Austausch suchen. Vereine, Arbeitnehmende, Betriebe und verschiedene Institutionen kommen häufiger miteinander ins Gespräch und arbeiten konstruktiv zusammen. Auch die portugiesische Community nutzt zunehmend die vorhandenen Beratungs- und Informationsangebote. Dieser Dialog schafft Vertrauen und hilft dabei, aktuelle Herausforderungen gemeinsam anzugehen.
Fühlen sich die Mitglieder der portugiesischen Community heute eigentlich ausreichend gehört und vertreten?
Das ist eine gute Frage. Es hat sich in den letzten Jahren vieles positiv entwickelt. Gleichzeitig bleibt es wichtig, weiterhin zuzuhören und den Dialog aktiv zu pflegen. Vertretung und Teilhabe sind keine Zustände, die irgendwann abgeschlossen sind. Sie müssen immer wieder neu gelebt werden. Deshalb ist die Präsenz vor Ort und der direkte Austausch mit den Menschen so wichtig.
Welche Rolle spielen portugiesische Vereine und Treffpunkte für das gesellschaftliche Leben im Engadin?
Sie spielen eine sehr wichtige Rolle. Orte wie der FC Lusitanos sind weit mehr als Vereinslokale. Für viele Menschen sind sie Treffpunkte, Orte der Begegnung und manchmal sogar ein Stück weit ein zweites Zuhause. Dort werden Freundschaften gepflegt, Informationen weitergegeben und kulturelle Traditionen gelebt. Gleichzeitig leisten solche Vereine einen wichtigen Beitrag zur Integration, weil sie Menschen zusammenbringen und gegenseitige Unterstützung fördern. Die Zusammenarbeit mit dem FC Lusitanos schätze ich deshalb sehr. Solche Partnerschaften schaffen Brücken zwischen Gemeinschaft, Vereinen und Gesellschaft.
Wo sehen Sie noch Potenzial, um das gegenseitige Verständnis zwischen der portugiesischen Gemeinschaft und der einheimischen Bevölkerung zu stärken?
Aus meiner Sicht ist das eine der wichtigsten Fragen überhaupt. Integration ist immer eine gemeinsame Aufgabe. Das Potenzial liegt vor allem in Begegnungen, im Dialog und im gegenseitigen Kennenlernen. Schulen, Vereine, Gemeinden und gesellschaftliche Institutionen leisten bereits viel. Gleichzeitig ist es wichtig, Angebote so zu gestalten, dass sie möglichst viele Menschen erreichen und sich an deren Lebensrealität orientieren. Je mehr Gelegenheiten es gibt, miteinander statt übereinander zu sprechen, desto stärker wird das gegenseitige Verständnis.
Die Lebenshaltungskosten im Engadin gehören zu den höchsten der Schweiz. Welche Auswirkungen hat das auf viele portugiesische Familien?
Die hohen Wohn- und Lebenshaltungskosten beschäftigen viele Familien. Das betrifft nicht nur portugiesische Familien, sondern einen grossen Teil der arbeitenden Bevölkerung im Engadin. Viele Menschen stellen sich Fragen zur langfristigen finanziellen Sicherheit, insbesondere mit Blick auf die Pensionierung. Manche planen später eine Rückkehr nach Portugal, andere sehen ihre Zukunft weiterhin in der Schweiz. Es geht dabei weniger um einzelne Situationen als um die grundsätzliche Frage, wie sich ein gutes Leben langfristig finanzieren lässt.
Spüren Sie Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt, etwa in Bezug auf den Fachkräftemangel oder bei der Rekrutierung neuer Arbeitskräfte aus Portugal?
Der Fachkräftemangel ist in verschiedenen Branchen spürbar. Gleichzeitig hat sich die Mobilität verändert. Viele junge Menschen haben heute bessere Ausbildungs- und Karrierechancen als frühere Generationen und können zwischen unterschiedlichen Regionen und Ländern wählen. Dadurch ist die Rekrutierung teilweise anspruchsvoller geworden als früher.
Hand aufs Herz: Ist das Engadin für junge Portugiesinnen und Portugiesen heute noch so attraktiv wie früher?
Das Engadin bleibt eine attraktive Region mit hoher Lebensqualität und guten beruflichen Möglichkeiten. Zugleich beobachten wir, dass sich viele junge Menschen nach ihrer Ausbildung auch für grössere Städte oder andere Regionen interessieren. Das betrifft nicht nur die portugiesische Community, sondern viele junge Menschen allgemein. Das Engadin verfügt jedoch über grosses Potenzial. Wenn es gelingt, weiterhin attraktive Perspektiven für Fachkräfte, Familien und junge Unternehmerinnen und Unternehmer zu schaffen, wird die Region auch künftig interessant bleiben.
Wenn Sie auf die vergangenen Jahre zurückblicken: Was hat sich für die portugiesische Gemeinschaft im Engadin verbessert – und wo besteht weiterhin Handlungsbedarf?
Mein Eindruck ist, dass sich der Austausch und die Vernetzung innerhalb der Community deutlich verstärkt haben. Immer mehr Menschen informieren sich aktiv, suchen Beratung und beteiligen sich am gesellschaftlichen Leben. Positiv ist auch, dass die portugiesische Gemeinschaft heute sichtbarer wahrgenommen wird als früher. Handlungsbedarf sehe ich dort, wo Menschen trotz ihrer wichtigen Arbeit langfristig unter Druck geraten, sei es durch hohe Lebenshaltungskosten oder begrenzte finanzielle Spielräume. Eine starke Region lebt auch davon, dass diejenigen, die sie täglich mittragen, gute Zukunftsperspektiven haben».
Was sollten Einheimische und Zweitheimische im Engadin über die portugiesische Gemeinschaft wissen, das häufig übersehen wird?
Oft wird übersehen, wie tief die portugiesische Gemeinschaft heute mit dem Engadin verbunden ist. Viele Familien leben seit Jahrzehnten hier, ihre Kinder sind hier aufgewachsen und gestalten das gesellschaftliche Leben aktiv mit. Dabei ist die portugiesische Kultur geprägt von Gemeinschaftssinn, Gastfreundschaft und einer grossen Lebensfreude. Man kennt die Portugiesinnen und Portugiesen oft von Baustellen, aus Hotels oder aus der Gastronomie. Dahinter stehen aber auch Familien, Vereine, Traditionen und ein reiches kulturelles Leben. Vielleicht lässt sich das am einfachsten so sagen: Die portugiesische Gemeinschaft ist längst nicht mehr nur Teil der Arbeitswelt des Engadins, sondern Teil seiner Geschichte und seiner Gegenwart.
Bruno Da Costa Palmeira ist Unia Gewerkschaftssekretär und verantwortlich für die Region Ostschweiz-Graubünden.
Autorin: Fadrina Hofmann
Foto: z.Vfg/Bruno Manuel da Costa Palmeira
Autorin: Fadrina Hofmann
Foto: z.Vfg/Bruno Manuel da Costa Palmeira
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