Tourismus führt zu mehr Migration und Migration zu mehr Tourismus. So lautet die Kernthese von Kurt Gritsch. Er hat kürzlich im Rätischen Museum in Chur zum Thema «Die unsichtbaren Unverzichtbaren» referiert. Anhand einzelner Kurzbiografien erläuterte er, wie sich mit dem frühen Alpentourismus zwischen Graubünden, Vorarlberg und dem südlichen Tirol ein neues Wirtschaftsmodell durchsetzte.

Der moderne Tourismus entstand in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Adelige und reiche Bürgerinnen und Bürger reisten für einen mehrwöchigen Aufenthalt an Kurorte, wo sie Natur, medizinische Pflege, Freizeitvergnügungen sowie den gleichen Luxusstandard von Prunkschlössern in Grandhotels geniessen konnten. Doch dafür brauchte es Arbeitskräfte. «Eine ökonomische Entwicklung wurde in Gang gesetzt, die sich aus den Finanzströmen des Tourismus einerseits und aus Arbeitskraft und Unternehmertum der Migranten andererseits speiste», schreibt Kurt Gritsch in seiner Forschungsarbeit mit dem prägnanten Titel «Gastarbeiten». Das Projekt ist am Institut für Kulturforschung Graubünden angesiedelt.

St. Moritz, Vulpera, Meran, Lech ...
Mit seinem rund 450 Seiten starken Buch, das nächstes Jahr erscheinen soll, möchte der Historiker eine Lücke schliessen. «Die Bedingungen, denen die Menschen unterworfen waren, die als «touristischer Unterbau› in den Grandhotels für die Aufrechterhaltung des Betriebs sorgten, sind jenseits einzelner Fallstudien und Museumsausstellungen bisher noch nicht systematisch und geschichtswissenschaftlich untersucht worden», erklärt Kurt Gritsch.

In seinem Werk beschreibt er die Gegebenheiten, Entwicklungen und Besonderheiten der ausgewählten Orte St. Moritz, Vulpera, Meran und Lech ebenso wie die Entstehung spezifischer Infrastrukturen als Voraussetzung für den boomenden Fremdenverkehr im 19. und frühen 20. Jahrhundert. In einem zweiten Teil geht es um die Menschen, die für das Gelingen des touristischen Angebots notwendig waren. Und schliesslich präsentiert der Historiker Migrationsformen, Wanderungsbedin­gungen, Netzwerke oder migrantisches Unternehmertum.

«Ohne Zuwanderung hätte der Fremdenverkehr der Belle Époque nicht funktioniert», lautet das Fazit des Historikers. Auf zugewanderte Fachkräfte angewiesen zu sein, sei kein rein gegenwärtiges Phänomen, sondern eine Grundbedingung seit Beginn des modernen Tourismus. 

In ganz Europa unterwegs
Wann und in welchem Umfang waren aus dem Ausland kommende Arbeitskräfte erforderlich? In welchen Bereiche waren sie tätig und unter welchen Bedingungen sind sie ins Land gekommen? Diesen Fragen ist Kurt Gritsch nachgegangen. «Der scheinbar wie geölt funktionierende Tourismusbetrieb der damaligen Zeit basierte auf zahlreichen Regeln und einer Fülle unsichtbarer Aushandlungsprozesse», hält er fest. Arbeitsverträge, Transport, Unterkunft oder behördliche Bewilligungen waren eng mit den Arbeitsmöglichkeiten verknüpft – Themen, die heute dem Begriff Migration zugeordnet werden. Im Weiteren fiel Gritsch noch ein anderer zentraler Aspekt auf: die Mobilität der Menschen. Um Karriere machen zu können, war nicht nur hohe Mobilität notwendig, sondern auch internationale Erfahrung gefragt. Angestellte von Grandhotels zogen schon vor dem Ersten Weltkrieg durch ganz Europa oder gingen nach Übersee. Saisonal von einem Grandhotel zum nächsten zu ziehen, konnte einen dem ersehnten nächsten Karriereschritt näherbringen. Der Tourismus bot Chancen, sich wirtschaftlich zu verbessern, Sprachen zu erlernen und die Welt zu sehen. 

Sommer Engadin, Winter Cannes
Die Arbeitskräfte im Engadin kamen einerseits aus der Zentral- und Westschweiz und andererseits vor allem aus Italien und Frankreich. Vor 1914 verbrachten viele Angestellte die Sommer im Engadin und die Winter entweder in Nizza, Cannes, Meran oder in Ägypten. 

Daneben war der Anteil saisonal beschäftigter Bündnerinnen und Bündnern mit zwischenzeitlicher Rückkehr ins Heimatdorf hoch. Kleinere Beherbergungsbetriebe waren hingegen oft Familienbetriebe. Die Angestellten waren in der Regel Menschen aus der näheren Umgebung, welche saisonale Zweitjobs ausübten. 

Aber auch Ortsansässige arbeiteten temporär für Grandhotels. Als Beispiel nennt Kurt Gritsch Gian Paul Gross aus S-chanf, der 45 Jahre in Ardez als Lehrer und Schulleiter tätig war. Zwischen 1906 und 1952 arbeitete er insgesamt 48 Saisons als Sekretär im Hotel Waldhaus Vulpera.

Ungleiche Bedingungen für Frauen
«Migrantische Tourismusgeschichten» zu erzählen, ist das Ziel von Gritschs Forschungsprojekt. Hotelgärtner, Führungspersonal, Zimmermädchen, aber auch Kurärzte, Fotografinnen, Strassen- oder Bahnbauer, sie alle gehörten zum Räderwerk dazu. Eine Herausforderung bei den Recherchen der einzelnen Kurzbiografien bestand in den spärlich vorhandenen Dokumente. Hier waren Personal- und Lohnbücher, Arbeitsverträge oder Bewerbungsschreiben hilfreich. 

Der Historiker stellte fest, dass ungleiche Bedingungen für Männer und Frauen herrschten. Das zeigt allein schon der Blick auf die Lohnliste des Hotels Waldhaus Vulpera im Jahr 1900. Verdiente der Chef de Réception 1000 Franken pro Saison, erhielt ein Zimmermädchen gerade mal zehn Franken pro Monat, und eine «Saaltochter» 20 Franken. Eine Frau an der Réception kam damals natürlich nicht infrage, dasselbe galt für den Küchenchefposten. Frauen wurden auf den niederen, schlecht bezahlten Stellen beschäftigt. «Dazu kamen häufig sexuelle Übergriffe und Belästigung durch männliche Gäste. Wehrte sich eine Angestellte, so wurde sie entlassen», sagt der Historiker.

Vom Hilfskoch bis zum Bademeister
Auf der Basis von Kurt Gritschs Forschungsprojekt ist die aktuelle Sonderausstellung im Rätischen Museum «Addio-Willkommen-A revair» entstanden. Die Ausstellung rückt die Lebensgeschichten der im Tourismus arbei­tenden Menschen ins Zentrum. Zu Wort kommen sechs Stimmen, vom Hilfskoch aus Siena, der sich durch zwanzig Hotels in ganz Europa zum Chefkoch hocharbeitet bis zum Bademeisterehepaar aus Meran, dem der Ausbruch den Ersten Weltkrieges die Sommersaison im Engadin verun­möglichte. «Ihre Lebenswege zeigen, wie grenzüberschreitende Mobilität den Alpenraum prägte, ihn vernetzte und in die Moderne führte», heisst es in der Beschreibung der Ausstellung.

Eine zentrale Erkenntnis, die Kurt Gritsch gewonnen hat ist: «Die Möglichkeit reisen zu dürfen, bestimmt die Migration und damit auch den Tourismus.» Was vor 150 Jahren galt, sei heute so aktuell wie eh und je.

Autorin: Fadrina Hofmann
Fotos: Archiv culturel d’Engiadin’Ota, Zuoz / Dokumentationsbibliothek St. Moritz / Rätisches Museum, Chur