«Stell dir einen roten Apfel vor.» Für viele Menschen ist das eine einfache Aufgabe. Sie sehen vor ihrem inneren Auge die Form des Apfels, seine rote Farbe oder vielleicht sogar kleine Unebenheiten auf der Schale. Ich hingegen sehe nichts. Ich weiss genau, wie ein Apfel aussieht, kann ihn beschreiben und erkenne ihn sofort. Doch in meinem Kopf entsteht kein Bild. Lange dachte ich, das sei normal. Erst als ich erfuhr, dass andere Menschen tatsächlich Bilder vor ihrem inneren Auge sehen können, wurde mir bewusst, dass ich die Welt anders wahrnehme. Für dieses Phänomen gibt es heute einen wissenschaftlichen Begriff: Aphantasie.
Ein Begriff aus Exeter
Geprägt wurde der Begriff im Jahr 2015 vom britischen Neurologen Adam Zeman von der University of Exeter Medical School. Gemeinsam mit Forschenden der Heriot-Watt University in Edinburgh und der University of Edinburgh veröffentlichte er die Studie «Lives without imagery – Congenital aphantasia», die den Begriff erstmals wissenschaftlich etablierte.
Aphantasie beschreibt das fehlende oder stark eingeschränkte Vermögen, bewusst innere Bilder zu erzeugen. Betroffene wissen zwar, wie ein Gesicht, ein Ort oder ein Gegenstand aussieht, können diese Informationen jedoch nicht visuell vor ihrem geistigen Auge erscheinen lassen. Das Wissen ist vorhanden – die Bilder fehlen.
Aphantasie beschreibt das fehlende oder stark eingeschränkte Vermögen, bewusst innere Bilder zu erzeugen. Betroffene wissen zwar, wie ein Gesicht, ein Ort oder ein Gegenstand aussieht, können diese Informationen jedoch nicht visuell vor ihrem geistigen Auge erscheinen lassen. Das Wissen ist vorhanden – die Bilder fehlen.
Keine Krankheit
Die Forschung betrachtet Aphantasie heute überwiegend nicht als Krankheit. Vielmehr wird sie als besondere Ausprägung menschlicher Vorstellungskraft verstanden. Forschende betonen, dass Aphantasie eher ein Punkt auf einem Spektrum ist. Am anderen Ende dieses Spektrums steht die sogenannte Hyperphantasie – Menschen mit aussergewöhnlich lebhaften inneren Bildern. Während manche Leute kaum etwas visualisieren können, erleben andere ihre Vorstellungen fast so intensiv wie tatsächliche Wahrnehmungen.
Wie häufig kommt Aphantasie vor?
Über die genaue Häufigkeit herrscht in der Wissenschaft noch keine vollständige Einigkeit. Verschiedene Studien kommen zu unterschiedlichen Ergebnissen, je nachdem, wie Aphantasie definiert und gemessen wird. Die Forschenden weisen deshalb darauf hin, dass es keine abschliessend gesicherte Zahl gibt. Klar ist jedoch: Aphantasie ist selten, aber keineswegs eine medizinische Kuriosität. Weltweit dürften Millionen Menschen betroffen sein.
Kann man Aphantasie messen?
Lange stützte sich die Forschung hauptsächlich auf Fragebögen. Kritiker fragten deshalb, ob Menschen mit Aphantasie ihre Erfahrungen vielleicht einfach anders beschreiben würden als andere. Einen wichtigen Durchbruch brachte eine Studie der University of New South Wales in Sydney. Der Psychologe Joel Pearson und sein Team untersuchten die Pupillenreaktion von Menschen mit und ohne Aphantasie.
Die Forschenden stellten fest, dass sich die Pupillen gewöhnlich nicht nur bei tatsächlichem Licht verändern, sondern auch dann, wenn Menschen sich Helligkeit oder Dunkelheit vorstellen. Bei Personen mit Aphantasie blieb diese Reaktion aus. Gleichzeitig reagierten ihre Pupillen völlig normal auf echte Lichtreize.
Ein wichtiger Hinweis darauf, dass Aphantasie nicht bloss auf unterschiedlichen Beschreibungen innerer Erfahrungen beruht, sondern mit messbaren physiologischen Unterschieden verbunden ist.
Erinnerungen ohne Bilder
Besonders interessant finde ich die Frage, wie Erinnerungen funktionieren, wenn innere Bilder fehlen. Genau damit beschäftigte sich 2024 ein Forschungsteam der Universität Bonn, des Universitätsklinikums Bonn und des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE). Ihre Ergebnisse zeigen, dass Betroffene häufig weniger bildhafte Details aus vergangenen Erlebnissen berichten. Gleichzeitig fanden die Forschenden Unterschiede in der Zusammenarbeit zwischen dem Hippocampus – einer wichtigen Gedächtnisstruktur – und visuellen Hirnregionen. Das bedeutet jedoch nicht, dass Menschen mit Aphantasie ein schlechteres Gedächtnis besitzen. Vielmehr scheinen viele Informationen anders gespeichert und abgerufen zu werden – stärker über Sprache, Faktenwissen oder logische Zusammenhänge als über innere Bilder.
Träume, Kreativität und Denken
Viele Menschen fragen mich, ob ich überhaupt träume. Die Antwort lautet: Ja. Allerdings kann die Erfahrung von Träumen bei Menschen mit Aphantasie sehr unterschiedlich sein. Bei mir ist es wie ein innerer Podcast. Studien deuten darauf hin, dass Betroffene im Durchschnitt seltener von lebhaften Träumen berichten. Die Forschenden betonen jedoch, dass dies kein allgemeingültiges Merkmal ist.
Ebenso widerlegt die Forschung die Vorstellung, Menschen mit Aphantasie seien weniger kreativ. Viele entwickeln andere Denkstrategien und arbeiten stärker mit Konzepten, Sprache, räumlichen Beziehungen oder abstrakten Zusammenhängen. Kreativität ist also keineswegs an innere Bilder gebunden.
Ebenso widerlegt die Forschung die Vorstellung, Menschen mit Aphantasie seien weniger kreativ. Viele entwickeln andere Denkstrategien und arbeiten stärker mit Konzepten, Sprache, räumlichen Beziehungen oder abstrakten Zusammenhängen. Kreativität ist also keineswegs an innere Bilder gebunden.
Eine andere Art, die Welt zu sehen
Für mich persönlich fühlt sich Aphantasie nicht wie ein Mangel an. Sie ist vielmehr eine andere Art des Denkens. Auch ich erinnere ich mich an Menschen, Orte und Erlebnisse. Ich tue dies einfach auf eine andere Weise. Die Forschung der vergangenen Jahre zeigt immer deutlicher, dass Aphantasie keine Krankheit ist, sondern eine besondere Form menschlicher Wahrnehmung. Manche Menschen denken in Bildern. Andere, wie ich, denken ohne sie.
Wie ich Erinnerungen erlebe
Wie sich Aphantasie anfühlt, lässt sich für mich am einfachsten so beschreiben: Wenn ich die Augen schliesse, ist da nichts. Kein Gesicht, keine Landschaft, keine Erinnerung als Bild. Einfach schwarz. Nicht ein trauriges oder bedrückendes Schwarz – vielmehr die Abwesenheit von Bildern.
Das bedeutet allerdings nicht, dass mir Erinnerungen fehlen. Ich weiss genau, wie Menschen aussehen, die mir wichtig sind. Ich kenne Orte, an denen ich viele Jahre verbracht habe, und kann sie oft erstaunlich detailliert beschreiben. Der Unterschied ist, dass ich sie nicht vor mir sehe. Zwischen Wissen und Bild scheint bei mir eine Verbindung zu fehlen, die für viele andere selbstverständlich ist.
Besonders deutlich wird das, wenn ich versuche, mich in einen vergangenen Moment hineinzuversetzen. Ich erinnere mich daran, was passiert ist, wer dabei war oder wie ich mich gefühlt habe. Doch die Szene selbst erscheint nicht vor meinem geistigen Auge. Sie bleibt eine Erinnerung ohne Bild. Auch meine Träume sind schwer mit den Beschreibungen vieler anderer Menschen zu vergleichen. Wenn ich träume, erlebe ich eher eine Art innere Erzählung oder Audiobegleitung. Es gibt Gespräche, Gedanken und Handlungen, aber keine visuellen Szenen, die vor mir ablaufen würden.
Vielleicht fotografiere ich deshalb so gerne. Fotos helfen mir, Erinnerungen festzuhalten und später leichter wieder aufzurufen. Während andere Menschen vielleicht ein Bild aus ihrer Erinnerung abrufen können, greife ich oft auf ein tatsächliches Bild zurück. Die Kamera wird damit zu einer Art externem Gedächtnis für Momente, die ich zwar nicht vergessen habe, aber nicht vor mir sehen kann.
Autorin: Anna Hartmann
Voll krass und schlicht unvorstellbar
Als ich von meiner Kollegin Anna Hartmann hörte, dass sie mit Aphantasie lebt, musste ich mich zuerst einmal hinsetzen. Sie erklärte mir, was sich hinter diesem Begriff verbirgt und wie sie die Welt wahrnimmt – oder genauer gesagt: wie sie eben keine Bilder vor ihrem inneren Auge sieht. Für mich war das zunächst schlicht unvorstellbar. Anna erzählte, dass sie zwar genau weiss, wie ein Apfel aussieht, ihn aber nicht vor ihrem geistigen Auge erscheinen lassen kann. Als sie das beschrieb, begann ich darüber nachzudenken, wie sehr mein eigenes Denken von Bildern geprägt ist.
Ich schreibe Romane. Wenn ich an einer Geschichte arbeite, sehe ich die Figuren vor mir. Ich sehe die Täler, durch die sie streifen, Plätze, wo sie sich aufhalten, die Häuser, in denen sie wohnen, und die Tatorte, an denen sich ein Verbrechen ereignet. Die Szenen entstehen wie ein Film in meinem Kopf. Würde ich all das nicht sehen können, wäre mein Schreiben wohl ein völlig anderes.
Auch Erinnerungen funktionieren bei mir über Bilder. Wenn ich an Ferien denke, sehe ich das blaue Meer. Ich sehe die grüne Wiese, die Berge am Horizont und die Menschen, mit denen ich unterwegs war. Natürlich weiss ich, dass Anna ebenfalls weiss, dass das Meer blau und die Wiese grün ist. Doch sie sieht diese Bilder nicht. Allein dieser Gedanke erscheint mir noch immer fast unglaublich. Und trotzdem brachte mich ihre Schilderung zum Nachdenken. Vielleicht wäre es manchmal gar nicht so schlecht, weniger Bilder im Kopf zu haben. Es gibt Erinnerungen und Eindrücke, die man lieber nicht ständig vor sich sieht. Vielleicht wäre die Welt für mich gelegentlich sogar farbiger, wenn ich sie innerlich nicht ständig in Bildern betrachten würde.
Das soll keineswegs pessimistisch klingen. Aber die Vorstellung, dass Erinnerungen und Gedanken ohne visuelle Bilder existieren können, eröffnet eine ganz andere Perspektive. Wenn ich an einen Apfel denke, sehe ich vielleicht einen besonders schönen roten Apfel mit einer kleinen Delle auf der Schale, die verhindert, dass er im Ladenregal landet. Anna hingegen weiss einfach, dass ein Apfel ein Apfel ist, dass er gut schmeckt und wie er aussieht – ohne ihn zu sehen. Vielleicht betrachtet sie die Welt deshalb auf eine andere, vielleicht sogar positivere Weise als ich. Menschen mit Aphantasie denken oft eher konzeptionell, abstrakt oder logisch als bildhaft. Das hat durchaus seine Vorteile: Wer keine inneren Kinofilme abspielt, wird seltener von Tagträumen oder spontanen Bildsequenzen abgelenkt.
Letztlich nützt alles Philosophieren wenig: Ich sehe Bilder, Anna nicht. So einfach ist das. Trotzdem bleibt die Frage spannend, wie es wäre, je nach Situation zwischen ihrer Gedankenwelt und meiner wechseln zu können. Mal mit innerem Kopfkino, mal ohne. Das würde wohl einige neue Perspektiven eröffnen – und vermutlich auch die eine oder andere überraschende Erkenntnis mit sich bringen.
Autor: Andrea Gutgsell
Soundtrack im Kopf
Wie wahrscheinlich viele andere Menschen auch, hatte ich bis vor Kurzem noch nie etwas von Aphantasie gehört. Als mir meine Kollegin Anna Hartmann erklärte, was das ist und wie sich das bei ihr zeigt – oder eben nicht –, kam ich ins Grübeln. Nicht, weil ich mir das besonders schrecklich oder langweilig vorstelle, sondern weil auch ich manchmal Mühe habe, Dinge exakt vor meinem inneren Auge zu sehen. Wenn ich an frühere Erlebnisse denke, die mir damals wichtig oder wegweisend erschienen, sehe ich vieles leicht verschwommen. Ich weiss noch, wie, wo und wann etwas passiert ist, aber eben nicht so detailreich wie in einem Film. Anstatt mich intensiver damit auseinanderzusetzen, habe ich das bisher einfach aufs Älterwerden geschoben. Es stört mich ja auch nicht.
Mir ist allerdings etwas anderes aufgefallen: Wenn ich versuche, mich an etwas zu erinnern, erscheinen bei mir oft keine Bilder, sondern Songs. Bekannte Songs, tausendfach gehörte Songs, Lieder, die ich liebe – oder solche, die ich lieber nie wieder hören würde. Denke ich an etwas Schönes, läuft meist auch ein Song, den ich mag. Grüble ich über etwas Unangenehmes nach, meldet sich sehr zuverlässig ein musikalisches Pendant dazu. Denke ich etwa an unseren Urlaub in einem traumhaften Château in Südfrankreich, spielen in meinem Kopf immer dieselben drei oder vier Lieder. Songs, die wir damals dort am Pool mit einem Glas Rosé in der Hand gehört haben. Wenn ich an Pontresina denke, sehe ich kein Bild vor mir. Stattdessen höre ich Roger Hodgsons markante Stimme, wie er «The Logical Song» singt – so wie damals vor zwölf Jahren im prall gefüllten Rondo am Festival «Voices on Top».
Oft passiert das nicht einmal bewusst. Ich schaue aus dem Fenster, sehe einen Velofahrer vorbeifahren, und der imaginäre Plattenteller in meinem Kopf beginnt sich zu drehen. In der Kaffeepause fällt ein bestimmtes Wort, und schon wirft jemand die Münze in die Jukebox meines Gehirns. Meist passt der Song entweder textlich zum Thema oder einfach von Stimmung, Tempo oder Melodie her. So oder so: Wirklich ruhig ist es in meinem Kopf selten. Aber das stört mich nicht. Ich mag es nicht besonders, wenn es zu lange still ist.
Autorin: Sina Margadant
Foto: ChatGPT
Autorin: Anna Hartmann
Voll krass und schlicht unvorstellbar
Als ich von meiner Kollegin Anna Hartmann hörte, dass sie mit Aphantasie lebt, musste ich mich zuerst einmal hinsetzen. Sie erklärte mir, was sich hinter diesem Begriff verbirgt und wie sie die Welt wahrnimmt – oder genauer gesagt: wie sie eben keine Bilder vor ihrem inneren Auge sieht. Für mich war das zunächst schlicht unvorstellbar. Anna erzählte, dass sie zwar genau weiss, wie ein Apfel aussieht, ihn aber nicht vor ihrem geistigen Auge erscheinen lassen kann. Als sie das beschrieb, begann ich darüber nachzudenken, wie sehr mein eigenes Denken von Bildern geprägt ist.
Ich schreibe Romane. Wenn ich an einer Geschichte arbeite, sehe ich die Figuren vor mir. Ich sehe die Täler, durch die sie streifen, Plätze, wo sie sich aufhalten, die Häuser, in denen sie wohnen, und die Tatorte, an denen sich ein Verbrechen ereignet. Die Szenen entstehen wie ein Film in meinem Kopf. Würde ich all das nicht sehen können, wäre mein Schreiben wohl ein völlig anderes.
Auch Erinnerungen funktionieren bei mir über Bilder. Wenn ich an Ferien denke, sehe ich das blaue Meer. Ich sehe die grüne Wiese, die Berge am Horizont und die Menschen, mit denen ich unterwegs war. Natürlich weiss ich, dass Anna ebenfalls weiss, dass das Meer blau und die Wiese grün ist. Doch sie sieht diese Bilder nicht. Allein dieser Gedanke erscheint mir noch immer fast unglaublich. Und trotzdem brachte mich ihre Schilderung zum Nachdenken. Vielleicht wäre es manchmal gar nicht so schlecht, weniger Bilder im Kopf zu haben. Es gibt Erinnerungen und Eindrücke, die man lieber nicht ständig vor sich sieht. Vielleicht wäre die Welt für mich gelegentlich sogar farbiger, wenn ich sie innerlich nicht ständig in Bildern betrachten würde.
Das soll keineswegs pessimistisch klingen. Aber die Vorstellung, dass Erinnerungen und Gedanken ohne visuelle Bilder existieren können, eröffnet eine ganz andere Perspektive. Wenn ich an einen Apfel denke, sehe ich vielleicht einen besonders schönen roten Apfel mit einer kleinen Delle auf der Schale, die verhindert, dass er im Ladenregal landet. Anna hingegen weiss einfach, dass ein Apfel ein Apfel ist, dass er gut schmeckt und wie er aussieht – ohne ihn zu sehen. Vielleicht betrachtet sie die Welt deshalb auf eine andere, vielleicht sogar positivere Weise als ich. Menschen mit Aphantasie denken oft eher konzeptionell, abstrakt oder logisch als bildhaft. Das hat durchaus seine Vorteile: Wer keine inneren Kinofilme abspielt, wird seltener von Tagträumen oder spontanen Bildsequenzen abgelenkt.
Letztlich nützt alles Philosophieren wenig: Ich sehe Bilder, Anna nicht. So einfach ist das. Trotzdem bleibt die Frage spannend, wie es wäre, je nach Situation zwischen ihrer Gedankenwelt und meiner wechseln zu können. Mal mit innerem Kopfkino, mal ohne. Das würde wohl einige neue Perspektiven eröffnen – und vermutlich auch die eine oder andere überraschende Erkenntnis mit sich bringen.
Autor: Andrea Gutgsell
Soundtrack im Kopf
Wie wahrscheinlich viele andere Menschen auch, hatte ich bis vor Kurzem noch nie etwas von Aphantasie gehört. Als mir meine Kollegin Anna Hartmann erklärte, was das ist und wie sich das bei ihr zeigt – oder eben nicht –, kam ich ins Grübeln. Nicht, weil ich mir das besonders schrecklich oder langweilig vorstelle, sondern weil auch ich manchmal Mühe habe, Dinge exakt vor meinem inneren Auge zu sehen. Wenn ich an frühere Erlebnisse denke, die mir damals wichtig oder wegweisend erschienen, sehe ich vieles leicht verschwommen. Ich weiss noch, wie, wo und wann etwas passiert ist, aber eben nicht so detailreich wie in einem Film. Anstatt mich intensiver damit auseinanderzusetzen, habe ich das bisher einfach aufs Älterwerden geschoben. Es stört mich ja auch nicht.
Mir ist allerdings etwas anderes aufgefallen: Wenn ich versuche, mich an etwas zu erinnern, erscheinen bei mir oft keine Bilder, sondern Songs. Bekannte Songs, tausendfach gehörte Songs, Lieder, die ich liebe – oder solche, die ich lieber nie wieder hören würde. Denke ich an etwas Schönes, läuft meist auch ein Song, den ich mag. Grüble ich über etwas Unangenehmes nach, meldet sich sehr zuverlässig ein musikalisches Pendant dazu. Denke ich etwa an unseren Urlaub in einem traumhaften Château in Südfrankreich, spielen in meinem Kopf immer dieselben drei oder vier Lieder. Songs, die wir damals dort am Pool mit einem Glas Rosé in der Hand gehört haben. Wenn ich an Pontresina denke, sehe ich kein Bild vor mir. Stattdessen höre ich Roger Hodgsons markante Stimme, wie er «The Logical Song» singt – so wie damals vor zwölf Jahren im prall gefüllten Rondo am Festival «Voices on Top».
Oft passiert das nicht einmal bewusst. Ich schaue aus dem Fenster, sehe einen Velofahrer vorbeifahren, und der imaginäre Plattenteller in meinem Kopf beginnt sich zu drehen. In der Kaffeepause fällt ein bestimmtes Wort, und schon wirft jemand die Münze in die Jukebox meines Gehirns. Meist passt der Song entweder textlich zum Thema oder einfach von Stimmung, Tempo oder Melodie her. So oder so: Wirklich ruhig ist es in meinem Kopf selten. Aber das stört mich nicht. Ich mag es nicht besonders, wenn es zu lange still ist.
Autorin: Sina Margadant
Foto: ChatGPT
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