Die Türe geöffnet hat die Hauseigen­tü­merin Bettina Hedinger. Sie ist im Unterland aufgewachsen, verbrachte aber fast jeden Sommer ihre Ferien im Engadin. Die Liegenschaft befindet sich seit 230 Jahren im Familienbesitz. «Cinuos-chel wurde bereits in den 1860ern umfahren, was wohl dazu geführt hat, dass das Dorf architektonisch nicht gross verändert wurde», sagt sie. Viele der mit Sgrafits verzierten Engadiner Häuser an der Hauptstrasse stammen aus dem 16. Jahrhundert, und bei den meisten haben die wesentlichen Elemente der historischen Raumstruktur und Ausstattung die Jahrhunderte überdauert. Auch die Bänke vor jedem Haus sind noch da. «In Cinuos-chel haben wir noch diese Bänklikultur. Wenn jemand vor dem Haus sitzt, ist er für Gespräche offen», sagt Bettina Hedinger. Auf der Bank vor dem Haus habe sie auch die ganze Familiengeschichte gehört, jeden Sommer, bis sie alle Generationen des Hauses auswendig kannte.

Noch ein ursprüngliches Haus
Die Chesa Giorgio wurde 1937 zuletzt umfassend renoviert. Erst zu diesem Zeitpunkt wurde der elektrische Strom in das Haus geführt. Bereits 1912 stürzte die Scheune unter der Schneelast ein und wurde nicht mehr aufgebaut. Das Haus wird seit 150 Jahren nicht mehr landwirtschaftlich genutzt. Erst in den letzten vier Jahren wurden unter der Leitung der Architektin Mengia Mathis punktuelle Auffrischungen an der Hülle und kleinere Eingriffe im Innern durchgeführt – alles mit grossem Respekt vor der historischen Bausubstanz.

«Spannend an diesem Gebäude ist, dass es wirklich noch ein ursprüngliches Haus ist», sagt Mengia Mathis zu der Gruppe von Besuchenden von Open Doors Engadin. Das Dach sei nicht isoliert und im Sommer leben Fledermäuse im Dachstock. Es gebe keine Zentralheizung, dafür noch eine offene Feuerstelle, einen Brotbackofen in der Küche und sogar einen Ausguss in der Fensterleibung. Das Haus hat eine typische Engadiner Arvenstube und den grossen Sulèr – einen multifunktionalen Raum, wo das Heu zum Heustall transportiert wurde, wo im Winter Werkzeuge hergestellt wurden, wo geschlachtet wurde und so weiter. Im riesigen Sulèr wurden später noch zwei Räume eingefügt, zuletzt ein neues Bad.

Im Winter ist das Haus zu
Der Grundriss entspricht einem typischen Engadinerhaus mit stüva (Stube), chadafö (Küche), chamineda (Vorratskammer). Die Stube von 1750 ist flachgedeckt, dahinter versteckt sich der Strick (eine Holzkonstruktion, die die Stube und die darüberliegende Schlafkammer umfasst). Die anderen beiden Räume und auch die Keller haben steinerne Gewölbe als Decken. Die chamineda ist heute ein Zimmer mit Bad. Die drei Räume – von der Architektin «die Wohnzeile» genannt – sind heute über Durchgänge miteinander verbunden.

«Wir haben lange überlegt, wie man mit so einem Haus umgehen soll», erzählt Mengia Mathis. Isolieren oder nicht? Und wenn ja, wie? Die Bauherrin und ihre Familie haben entschie­den, dass sie keine Zentralheizung möchten. Das Sommerhaus soll ein Sommerhaus mit Holzheizung bleiben. In den Übergangszeiten wird der Wohnraum auf die Wohnzeile reduziert, im Winter ist das Haus nicht bewohnt. So braucht das Gebäude keine Innen- und Aussendämmung und keine Dachveränderung.

 «Früher wurde so gebaut, dass jeder Raum die Temperatur hatte, die man dort brauchte», sagt die Architektin. Jeder Kellerraum hatte zum Beispiel die ideale Temperatur und Feuchtigkeit, um Kartoffeln oder Weizen aufzu­be­wah­ren. «Das wichtigste waren weder die Aussicht noch 22 Grad Raumtemperatur.» Sie vergleicht das Engadiner Haus mit einer «Kiste, die einen umschliesst und Geborgenheit gibt». 

Überraschungen im Gebälk
Der Rundgang durchs Haus zeigt, dass die Eingriffe der Architektin kaum zu sehen sind. So sind die Elektrolei­tun­gen zwar erneuert worden, aber nicht alle sind unter Putz gelegt. Die Holzdecke des Sulèrs ist immer noch mit Kalk übertüncht statt freigelegt. Die Strickkonstruktion – Schlafstube für die ganze Familie – und das sogenannte Bergamaskerzimmer, in dem die Heuerntehelfer schliefen, sind noch original im Dachstock erhalten. 

Im Gebälk wurden Kinderschuhe in verschiedenen Grössen gefunden. «In katholischen Gebieten findet man Weihwasser im Gebälk, in protes­tan­ti­schen Kinderschuhe», so die Hausbesitzerin. Ob die Schuhe unheilabwehrend waren oder eine andere Funktion hatten, ist unklar. 

Auch in den Kellerräumen hat die Familie Entdeckungen gemacht. Bei Drainagearbeiten 1992 sind die Eltern der heutigen Besitzerin auf einen zuge­mauerten Käsekeller gestossen. Dieser war mit Schutt, Geschirr und weiterem Hausrat aus dem 19. Jahrhundert gefüllt. «Ich studierte Archäologie und habe sehr lange als Denkmalpflegerin gearbeitet, entsprechend habe ich eine persönliche Affinität zur Geschichte», sagt Bettina Hedinger. Ein altes Engadiner Haus müsse man so, wie es ist, gerne haben, sonst mache es keinen Sinn, es zu besitzen.