Feldbäume haben im Kanton Graubünden eine lange Tradition. Ihre Bedeutung für die Biodiversität und unser Wohlbefinden wird zusehends erkannt. Und doch sprechen Luftaufnahmen derselben Landschaftsausschnitte eine deutliche Sprache: Den Landschaften gehen die Feldbäume aus. Der Kanton Graubünden will mit einer Baumpflanzaktion diesem negativen Trend entgegenwirken und die einmaligen Feldbaum-Landschaften stärken, sodass sie auch noch kommenden Generationen zur Verfügung stehen.

Feldbäume schaffen Wohlfühlorte
Uns alle zieht es zu den knorrigen, alten Baumriesen an Wegkreuzungen, neben Kapellen, auf Hügelkuppen, entlang historischer Wege oder in Alpweiden. Feldbäume können mehrere hundert Jahre alt werden, besitzen Höhlen und Risse, sind mit Moosen und Flechten bewachsen und beeindrucken durch ihre ausladenden Kronen. Nicht umsonst werden halboffene Landschaften mit einzelnen Bäumen als parkartige Erholungsräume wahrgenommen. Sie prägen einen Ort, schaffen Identität für Einheimische und Gäste und machen Landschaften unverwechselbar. 

Ihr Wert geht jedoch weit über das Landschaftsbild hinaus. Feldbäume, Baumreihen und Baumhecken senken im Sommer die Umgebungstemperatur um mehrere Grad, bremsen den Wind und helfen, die Bodenfeuchtigkeit zu erhalten. Studien zeigen zudem, dass Hecken und Feldbäume den Raum visuell gliedern, den Blick lenken und als Orientierungspunkte dienen. Dadurch wirken sie kognitiver Erschöpfung entgegen und tragen wesentlich zum psychischen Wohlbefinden bei.

Fünf-Sterne-Hotel für Biodiversität
Auch in ökologischer Hinsicht sind Feldbäume etwas Besonderes. Anders als im Wald können sich freistehende Bäume ungehindert entwickeln, erreichen ihre volle Grösse und werden oft sehr alt. Viele gefährdete Arten sind auf diese Baum-Monumente als Lebensraum und Nahrungsquelle angewiesen. Besonders der besonnte Stamm bietet zahlreichen Insekten- und Käferarten sowie Algen, Moosen, Flechten und Pilzen Lebensraum. In den Kronen finden zudem viele Kleinsäuger und Vögel Unterschlupf.

Mit zunehmendem Alter entstehen besonders wertvolle Strukturen: rissige Rinde, Totholz, Rindentaschen oder Höhlen, oft mit einem Boden aus abgestorbenem Material. Solche Biotopbäume sind für viele spezialisierte, im Mulm lebende Insekten unverzichtbar. 

Feldbäume sind damit eine Art Fünf-Sterne-Hotels für die Biodiversität. Davon profitieren auch die landwirtschaftlichen Kulturen, da Bestäuber, natürliche Feinde von Pflanzenschädlingen und bodenverbessernde Organismen wie Regenwürmer gefördert werden. Gleichzeitig wirken Feldbäume als Inseln im Landwirtschaftsgebiet und verbinden Wälder und Hecken miteinander. Dies ermöglicht den genetischen Austausch zwischen Populationen. Vor dem Hintergrund des Klimawandels gewinnen solche Trittsteine zusätzlich an Bedeutung, da sie Tier- und Pflanzenarten das Ausweichen in andere Lebensräume erleichtern und damit zu ihrem Überleben beitragen können.

Landwirtschaft hinterlässt Spuren
Die Feldbäume sind eng mit dem ländlichen Leben verknüpft. Früher wurden sie nicht nur als Schattenbäume entlang von Verkehrswegen und bei Ställen gepflanzt, sondern je nach Baumart auch vielfältig genutzt. Die Früchte der Streuobstwiesen in tieferen Lagen sowie der Kastanienselven in den Südtälern dienten der menschlichen Ernährung. 

In Lärchen-Weidwäldern sowie auf Wiesen mit einzelnen Eichen, Linden und Bergahornen spielten Laub und Nadeln als Einstreu oder Notfutter eine wichtige Rolle. Dafür wurden Laubbäume regelmässig geschneitelt. Die jungen Triebe rund um den Stamm waren zudem eine geschätzte Ergänzungsnahrung für Gross- und Kleinvieh; in Notzeiten dienten auch junge Zweige als Futter. Eicheln und Bucheckern wurden zur Schweinemast genutzt, und das Sammeln von Bettlaub war in einfachen Haushalten verbreitet. 

Heute greift der moderne Agroforst diese Tradition teilweise wieder auf. Laubbäume werden erneut als mineralienreiches Ergänzungsfutter genutzt, das dem Gras ebenbürtig oder – je nach Baumart – sogar überlegen sein kann. Solche Baum-Weide-Systeme fördern nachweislich das Wohlbefinden der Tiere, verlängern die Weidedauer, verbessern die Milchqualität und reduzieren Treibhausgasemissionen. Trotz dieser Vorteile sind viele alte Feldbäume in der heutigen Landschaft zunehmend gefährdet und drohen zu verschwinden.

Pflanzaktion des Kantons 
Hier setzt die Pflanzaktion des Amtes für Natur und Umwelt an, sie läuft über mehrere Jahre, beginnend 2026 mit den Südtälern. Die Projektleitung liegt bei der ARGE Egger/Schaub, Landschaftsarchitekt und Baumpflege­spe­zi­alist in Chur. Angesprochen sind Landbesitzerinnen und Landbesitzer und Bewirtschafterinnen und Bewirtschaf­ter der Regionen Val Müstair, Puschlav und Bergell, welche junge Laubbäume und Esskastanien im Landwirtschaftsgebiet pflanzen möchten. Obst- und Walnussbäume werden bereits mit den Ökoqualitätsbeiträgen unterstützt und sind von dieser Aktion ausgenommen. 

Das Projekt basiert auf der kanto­na­len Biodiversitätsstrategie und füllt eine Lücke im Beitragssystem. Es deckt einmalig die Pflanzkosten ab und schüttet wiederkehrend Landschaftsqualitätsbeiträge für die Pflege sowie den Ertragsausfall auf der vom Baum beanspruchten Fläche aus. Auf diese Weise, so die Hoffnung, sollen die einzigartigen Baumlandschaften als Zeugnisse der Kulturgeschichte, als Wohlfühl- und Sehnsuchtsorte gepflegt und ihre Bedeutung für die Biodiversität gestärkt werden. Nur wer heute pflanzt, wird morgen reich beschenkt. Die kommenden Generationen werden uns dieses Geschenk mit Sicherheit danken.

Anmeldung unter feldbaum.ch

Autoren: Andreas Egger und Regula Waldner
Fotos: Andreas Egger/Klaus Ewald