Als sich der goldene Güggel wieder im Wind drehte, brandete kurz Applaus auf. Kontrolliert und langsam hatte ihn der Helikopter wenige Minuten zuvor vom Dach des Parkhauses Quadrellas zur reformierten Dorfkirche geflogen. Zentimetergenau setzte der Pilot den frisch restaurierten Wetterhahn auf die Turmspitze, wo ihn die Monteure von der Hebebühne aus befestigten. Unter strahlend blauem Himmel war die spektakuläre Rückkehr des Güggels nach fast sechs Monaten Restau­rie­rungszeit geglückt.

Dabei kehrte nicht einfach ein vergoldeter Wetterhahn an seinen Platz zurück. Der Güggel ist seit mehr als einem Jahrhundert ein stiller Begleiter des Dorfes. Er hat Stürme erlebt, politische Umbrüche, den Aufstieg von St. Moritz zum weltbekannten Ferienort und Generationen von Einwohnerinnen und Einwohnern kommen und gehen sehen. Nun trägt er erneut ein Stück Gegenwart in die Zukunft.

Ein Wächter über dem Dorf
Wetterhähne gehören seit Jahrhun­der­ten zu reformierten Kirchen. Sie erin­nern an die biblische Geschichte des Apostels Petrus, der Jesus dreimal verleugnete, bevor der Hahn krähte. Gleichzeitig zeigen sie als Wetterfahnen die Windrichtung an und gelten als Sinnbild für Wachsamkeit und Orientierung.

Der St. Moritzer Güggel wacht seit 1897 über das Dorf. Damals erhielt der Kirchturm seine heutige Spitze, und erstmals wurden Dokumente in der Kugel unter dem Hahn hinterlegt. Als der Wetterhahn 1990 restauriert wurde, öffnete man die Kapsel, sicherte die historischen Unterlagen und ergänzte sie mit neuen Dokumenten jener Zeit. Nun wurde die Geschichte ein weiteres Mal fortgeschrieben.

Die Originale aus den Jahren 1897 und 1990 werden heute im Gemeindearchiv und in der Dokumentationsbib­liothek St. Moritz aufbewahrt. Im Güggel befinden sich Kopien sowie neue Dokumente, welche die Gegenwart festhalten.

Drei Botschaften für die Zukunft
Neu ruhen gleich drei Kapseln im Innern des Güggels. Eine stammt von der Gemeinde und enthält unter anderem aktuelle Dokumente, Münzen sowie Unterlagen zur Restaurierung. Eine zweite wurde von der Restaurierungsfirma Gregor Nani GmbH verfasst – als Brief an jene Berufskollegen, die den Güggel vielleicht in vier oder fünf Jahrzehnten erneut öffnen werden. Darin wünschen sie ihren Nachfolgern Freude an der Arbeit und hoffen, dass der Hahn noch lange über St. Moritz wachen möge.

Besonders berührend ist jedoch die dritte Botschaft. Schülerinnen und Schüler der 3. Sekundarklasse von St. Moritz richteten sich mit einem Brief direkt an Kinder und Jugendliche der Zukunft. Sie schreiben über ihre Hoffnungen, ihre Sorgen angesichts von Kriegen und Klimawandel, über ihren Schulalltag und ihre Wünsche für die Welt von morgen. Ihr Schluss ist ebenso schlicht wie zeitlos: «Lebt, lernt, habt Freude und bleibt Mensch.» Ob die Verfasserinnen und Verfasser den Brief je wieder zu Gesicht bekom­men werden, ist unwahrscheinlich. Wahrscheinlich werden andere Kinder ihn lesen – Jahrzehnte später.

Ein Hahn mit Geschichte
Auch der Güggel selbst hat im Laufe seines langen Lebens einiges erlebt. Als er Ende der 1980er-Jahre für Restau­rie­rungsarbeiten vom Turm geholt wurde, entdeckte man mehrere Einschusslöcher. Der Überlieferung nach hatten Jäger den Wetterhahn einst als Zielscheibe genutzt. Die Schäden wurden damals behoben.

Bei der jüngsten Restaurierung standen andere Arbeiten im Vordergrund. Das Tragwerk wurde instand gesetzt, ein beschädigter Fuss neu angelötet, die Mechanik vollständig zerlegt, gereinigt und neu gelagert. Anschlies­send erhielt der Hahn eine neue Vergoldung mit Blattgold. Nun kann er sich wieder frei im Wind drehen und dürfte der nächsten Generation noch viele Jahrzehnte erhalten bleiben.

Geschichte wird weitergeschrieben
Mit dem Einsetzen des Güggels endet eine Restaurierung – und zugleich beginnt ein neues Kapitel seiner Geschichte. Während die Menschen unten auf dem Platz ihren Alltag weiterleben, wird sich der goldene Hahn auch künftig hoch über den Dächern von St. Moritz mit dem Wind drehen.

Und tief in seiner Kugel wird er drei Botschaften bewahren: Erinnerungen an das Jahr 2026, Gedanken einer Schulklasse und den Wunsch der Restauratoren, dass auch ihre Nachfolger den Güggel eines Tages mit derselben Sorgfalt behandeln werden. Wann das sein wird, weiss heute niemand. Sicher ist nur: Bis dahin bleibt der Güggel das, was er seit Generationen ist – ein stiller Zeitzeuge über St. Moritz.

Autorin: Sina Margadant
Fotos: Jean-Marie Delnon