«Was für ein Line-up», schwärmt ein Herr im beigen Leinenanzug, und seine Begleiterin im weissen Tennisrock pflichtet ihm bei. Das elegante Paar steht auf dem neuen Rasen des Suvretta House und bewundert die ausgestellten Autos – vom MG Baujahr 1935 bis zum McLaren GT 2021. Kenner geraten ins Schwärmen und Fachsimpeln, Laien fotografieren sich selbst vor den Fahrzeugen und der perfekten Kulisse der Seen und Berge. Wer gerade nicht im strahlenden Sonnenschein von Fahrzeug zu Fahrzeug schlendert – 110 gibt es zu bewundern – schaut den Tennisspielenden auf dem hoteleigenen Tennisplatz zu. Schliesslich lautet das diesjährige Motto der 32. Ausgabe des British Classic Car Meeting St. Moritz (BCCM): Tennis.

Speisesaal wird zum Tennis Court
Das Motto zieht sich durch den ganzen Anlass. So wurde zum Beispiel der Speisesaal des Suvretta House temporär mit Tennisrasen ausgelegt und für eine kurze Zeit sogar zum Tennis Court umfunktioniert. Im Garten erwartet die Besucherinnen und Besucher an diesem Sonntag ein Glas Pimm’s Cup, eine Portion Strawberries & Cream oder eine Schale Eton Mess - seit Jahrzehnten klassische kulinarische Begleiter beim Wimbledon-Turnier. Riesige Tennisschläger und Bälle auf dem Rasen ziehen die Blicke auf sich. Sogar in den Blumenarrangements sind Tennisbälle integriert. 

«Es gehört alles zusammen»
Zwei Herren fallen durch originale Tennisbekleidung aus den Siebzigerjahren auf: Kollektion Björn Borg und FILA «Settanta». Die beiden Herren heissen Niklas Thierfelder und Sebastian Fath und sind mit einem grünen Aston Martin V8 Drophead Coupé 1973 da. Sie nehmen bereits zum dritten Mal am BCCM teil. «Wir versuchen sowohl bei der Rallye gut abzuschneiden als auch eine Bella Figura zu machen», scherzt Sebastian Fath. Und Niklas Thierfelder ergänzt: «Es gehört ja alles zusammen, und es macht schon im Vorfeld Spass, zu überlegen, was zum Motto passt und wie wir uns anziehen.» Um es vorwegzunehmen: Die beiden werden am Mittag desselben Tages den Preis für die bestgekleideten Teilnehmer erhalten.

Ein paar Schritte weiter posiert eine junge Frau inklusive Hündchen Lotta vor einem «Old English White» MGB GT 1967 mit rotem Interieur. Ihr Traumauto ist ein «Scheunenfund», wie die 27-Jährige Julia Gut aus Zürich erzählt. Jahrelang sei das Fahrzeug abgestellt und vergessen worden. Erst durch Freunde ihrer Eltern habe sie es entdeckt und erwerben können. Es sei aus monetärer Sicht wohl eines der billigsten Modelle auf dem Platz. «Es ist ein Understatement-Auto, das aber viel Charme hat», sagt Julia Gut. 

Ein Anlass mit grossem Publikum
Peter Egli ist Chairman des BCCM und Direktor des Suvretta House. Die 32. Ausgabe des BCCM beschreibt er als «Ansammlung britisch-eleganter Autos» und zwar Classic Cars aber auch eine kleine Sequenz von modernen Autos. «Diese Kombination spricht ein grosses Publikum an», erzählt er. Hat sich das Event früher auf wenige Marken konzentriert, ist heute jedes Auto mit britischer Herkunft zugelassen. Ob ein passionierter Autofan einen Mini Cooper S hat oder einen Rolls Royce - beide können teilnehmen. «Der Anlass findet in einer Region statt, die hervorragend ist: wunderschöne Natur, die Rallye-Strecke führt über Pässe und durchs Engadin, die Community kommt hier zusammen und geniesst den Aufenthalt», so der Chairman. Schön sei, dass der Anlass bei der Rallye-Ankunft oder beim Concours d’Elégance auch für die einheimische Bevölkerung zugänglich ist. Teilnehmende, Sponsoren und Locals können die Atmosphäre gemeinsam erleben. 

Ein Symbol für die Tradition
 Im Garten sind mehrere Fotografen unterwegs, unter ihnen Patrick Blarer. Der Architekt aus Samedan fotografiert jedes Jahr für das BCCM. Sein Markenzeichen sind Schwarz-Weiss-Bilder. Die Ästhetik der Fahrzeuge fasziniert ihn. «Die Classic Cars sind ein Symbol für die Tradition, die Grossbritannien und das Engadin miteinander verbindet», meint er. Neben Blarer steht Fabrizio D’Aloisio, der Creative Director des BCCM. «Die Engländer, die hier teilnehmen, sagen, das BCCM sei sogar britischer als vergleichbare Anlässe in England», sagt er augenzwinkernd. Dieses Jahr setzt eine Dudelsack-Gruppe noch einen schottischen Akzent, was bei den Anwesenden sehr gut ankommt.

Rund 50 Prozent der Teilnehmenden kommen aus dem Raum Zürich und Umgebung. 20 Prozent reisen aus Grossbritannien an, die anderen kommen aus aller Herren Länder, wie an den verschiedenen Sprachen erkennbar ist, die im Garten und auf der Terrasse des Suvretta House zu hören sind. «Etwa die Hälfte der Teilnehmenden sind ‹Wiederholungstäter› », informiert D‘Aloi­sio. Da jedes Jahr ein anderes Motto gelte und immer wieder Special Guests eingeladen würden, sei der Event auch für langjährige Teilnehmende immer ein Erlebnis. Für Sponsoren ist der Anlass hingegen interessant, weil hier die potenzielle Kundschaft zusammenkommt.

Der Kopf hinter der Rallye
Die Voluntaris sind zum Teil schon seit Jahrzehnten am BCCM. Die meisten von ihnen sind Einheimische, für einige ist das BCCM zur Familienange­legenheit geworden. Schon der Vater von Andrea Klainguti aus Zuoz hat während 25 Jahren beim Event mitgewirkt. Nun ist der Sohn für die Rallye zuständig. «Es geht darum, jedes Jahr eine neue, attraktive Route zu finden», erklärt er. Natürlich gebe es Kombi­nationen mit Strecken der vorherigen Jahre, aber auch mal einen neuen Streckenabschnitt oder sogar eine Durchfahrt durch ein Dorf. 

Bei der Rallye gehe es einerseits darum, die Route möglichst souverän zu navigieren, andererseits eine gewisse Geschwindigkeitsvorgabe einzuhalten, und schliesslich müssen Stempel gesammelt werden, um zu gewährleisten, dass die Strecke komplett abgefahren wurde. «Die Teilnehmenden lieben unsere Bergstrassen», sagt Klainguti. Sein Anspruch sei, eine abwechslungsreiche Rallye zu realisieren. «Die Rückmeldungen sind immer positiv.»

Für jede Panne vorbereitet
Auch Familie Camenisch gehört zum BCCB fast schon dazu. Die Familie besitzt eine Autowerkstatt in Pontresina. Gemeinsam mit einigen Mitarbeitern macht Nico Camenisch die Assistance während der Rallye. Sie begleiten gleichzeitig auch eigene Kunden, die bei der Rallye mitmachen. Zwei Teams sind vor Ort, wenn jemand eine Panne hat. Dieses Jahr herrschten hohe Temperaturen, was bei der Fahrt über zwei Pässe bei einigen Fahrzeugen zu Überhitzung oder zum Ausfall geführt hat. «Es gibt sehr gut gewartete historische Autos, die bedenkenlos bei einer solchen Rallye mitmachen können, aber es gibt leider auch andere», meint Camenisch. Da sei dann «Technik alter Schule» gefragt, die sein Team gut beherrsche. Im Worst Case werden die Autos abgeschleppt.

Authentizität ist das Kriterium
Carl Gustav Magnusson ist Designer und Jury-Mitglied. Während des ganzen Wochenendes hat er mit anderen Jury-Mitgliedern die Autos begutachtet. An diesem letzten Vormittag möchte die Jury noch mit den Eigentümern einiger ausgewählter Wagen sprechen, um dann die Sieger der verschiedenen Kategorien zu küren. «Wir haben viele Kriterien, zum Beispiel die Korrektheit bezüglich der entsprechenden Periode, die Ästhetik, die mechanische Verfassung des Fahrzeugs, aber Authentizität ist das wichtigste Kriterium», sagt der Juror. Der Preis des Autos sei hingegen irrelevant. 

Neu ist dieses Jahr die Kids Jury mit acht Kindern, welche die Autos aus ihrer Sicht bewerten und ihren Sieger küren. Es ist übrigens ein Rolls Royce «mit zwei süssen Hündchen im Wagen, Flachmann und eleganten Gläsern, schön glänzenden Rädern und einer coolen Form».

Mit 88 Jahren Rallye fahren
Den ältesten Wagen des diesjährigen BCCM hat Urs Barmettler. Er ist mit seinem Rolls Royce New Phantom, Baujahr 1926, von Unteraegeri ins Engadin gefahren. «Ich habe es in England entdeckt», erzählt er. Das BCCM findet er wegen der Gegend und den Pässen grossartig. .«Ich bin beeindruckt, was dieses 100-jährige Auto alles mitmacht», sagt er lachend. Es sei ein Auto mit Geschichte, das sogar in Kenia fuhr. 

Viele Geschichten hat auch Rauno Aaltonen zu erzählen. Der ehemalige finnische Rallye-Weltklassefahrer ist eine Legende im Motorsport. Er war einer der erfolgreichsten Rallye-Piloten der Sechzigerjahre und hat spektakuläre Siege mit dem Mini Cooper gewonnen. Aaltonen hat sich ein Plätzchen im Schatten gesucht. Hier erzählt er, wie er als Flachländer während 50 Jahren Berufskarriere überwiegend in den Bergen unterwegs war, vor allem in Frankreich. Dass er mit 88 Jahren noch mit einem Austin Mini Cooper von 1969 am BCCM teilnimmt, verwundert niemanden, der ihn kennt.«Dieses Meeting ist nicht nur zum Autofahren da, das ist ein zentraler Ort, an dem sich Interessierte treffen und austauschen können», sagt Aaltonen.