An diesem Nationalfeiertag scheint in Samedan die Sonne. Es ist Mittagszeit, die Menschen sitzen in einem der Festzelte oder im Freien und lassen sich Pizzocheri oder Fleischspiesse schmecken. In der Sela cumünela ist es gerade etwas ruhiger. Der ganze Raum ist mit Bananenschachteln vollgestellt. Darin sind Bücher: Romane, Krimis, Kinderbücher, Sachbücher, Bildbände ... Zwei einheimische Frauen stöbern in der «romanischen Ecke» und freuen sich darüber, Bücher zu entdecken, die sie mal vor vielen Jahren in der Schule gelesen haben. La Tabletta, zum Beispiel.
In einer anderen Ecke blättert ein älterer Herr mit Käppi in einem französischen Taschenbuch. Eine Familie mit zwei Kindern stöbert bei den Bilderbüchern. Eine junge Frau schlendert von Kiste zu Kiste – die riesige Auswahl an Romanen und Krimis scheint sie regelrecht zu überwältigen.
Büchermarkt seit 35 Jahren
Claudia Niggli ist soeben aus der Mittagspause zurückgekommen. Gemeinsam mit Catharina Rühl und Ruth Bezzola organisiert und betreut sie den Büchermarkt für den Turnverein Samedan. Dieser hat Tradition. Angefangen hatte alles bei der 700 Jahre-Bundesfeier 1991. Damals hatte Uschi Arnet am 1. August einen Flohmarkt auf die Beine gestellt hat. Dieser wurde zum Büchermarkt umgewandelt, und seither wird er jedes Jahr anlässlich des Dorffestes und der 1.-August-Feierlichkeiten durchgeführt. «Zu Beginn fand dieser Markt auf der Strasse statt», erzählt Claudia Niggli. Bei Regen eine Herausforderung. Seit 1997 findet der Markt im Gemeindesaal statt. «Somit konnte er immer weiter ausgebaut werden, da wir nicht mehr vom Wetter abhängig waren», erzählt sie. Seit 26 Jahren gibt es auch noch einen kleineren Büchermarkt vor den Maiferien. «Da kann man sich mit Ferienlektüre eindecken», so Claudia Niggli.
Doch woher kommen diese vielen Bücher? «Von überall her», sagt Claudia Niggli lachend. Sie ist bereits seit 25 Jahren verantwortlich für die Organisation des Büchermarktes und die erste Anlaufstelle im Tal, wenn es darum geht, Bücher weiter zu verschenken. So kommt während des Jahres eine grosse Menge an Lesestoff zusammen. Auf die Frage, wie viele Bananenschachteln voller Bücher dieses Jahr im Gemeindesaal stehen, läuft Ruth Bezzola, die ebenfalls seit Jahrzehnten den Büchermarkt mitorganisiert, gleich los, um zu zählen. Es sind knapp 800 Schachteln.
Viele helfende Hände
Die Bücher konnten in den ersten Jahren in einem Kellerabteil der Chesa Planta gelagert werden. Ab dem Jahr 1995 stellte die Gemeinde einen Kellerraum im Gemeindehaus zur Verfügung, sechs Jahre später das Dachgeschoss über dem Gemeindesaal. Aber wie bringt man die ganzen Bücherkartons am einfachsten ins Dachgeschoss? «Bevor bevor wir den Personenlift nutzen durften, half eine Liftkonstruktion, bestehend aus einer Leiter und einer Elektroseilwinde», erzählt Claudia Niggli. Der Personenlift brachte zwar eine Erleichterung, aber um die Schachteln von A nach B zu transportieren, braucht es aber immer noch viele helfende Hände. Rund 15 Personen sind dieses Jahr beim Tragen, Aufstellen und Abbauen dabei.
Jeder bestimmt selbst den Preis
«Schau dir das an, Heike!», ruft ein deutscher Tourist quer durch den Gemeindesaal. «Heike», offensichtlich seine Frau, eilt durch den Raum und bewundert eine alte Ausgabe von «Der König der Bernina» von Jakob Christoph Heer, die ihr man ihr hinhält. Dieser Roman wurde 1957 sogar erfolgreich verfilmt. Der Mann ist ganz angetan von seinem Fund, für den er wenig später einen Batzen in die Kasse am Eingang wirft. «Jeder und jede entscheidet selber, wie viel er oder sie für die Bücher bezahlen möchte», erklärt Claudia Niggli. Einige füllen die Einkaufskörbe, die ebenfalls am Eingang stehen, andere holen nur ein einzelnes Buch.
Besonders viele Bücher hat es aus dem Unterhaltungsbereich: Liebesromane und Krimis. Es sind zugleich jene Taschenbücher, die am häufigsten mitgenommen werden. Beliebt sind auch Bücher mit regionalem Bezug. «Die Menschen lesen immer noch gerne richtige Bücher, also nicht nur E-Books.»
Ein etablierter Markt
Der Büchermarkt von Samedan hat inzwischen eine regelrechte Fangemeinde. «Öffnen wir um 16.00 Uhr die Tür, stehen immer schon viele Leute davor», erzählt Claudia Niggli. Es gebe sogar Gäste, die ihre Ferien absichtlich so planen, dass sie rund um den Nationalfeiertag in der Region sind, um den Büchermarkt zu besuchen. Da dieser im Rahmen des Dorfmarktes durchgeführt wird, finden auch sehr viele Passanten den Weg in den Gemeindesaal. Oder es erscheinen Leute mit weiteren Schachteln voller Bücher, die sie loswerden möchten. Das einzige Kriterium: «Das Buch soll in einem solchen Zustand sein, dass man es auch mit ins Bett nehmen kann.»
Am Büchermarkt von Samedan findet sich jedenfalls Bettlektüre für jeden Geschmack. Übrigens: Claudia Niggli ist erst durch die Organisation des Marktes zur Leserin geworden.
Diskutieren Sie mit
Login, um Kommentar zu schreiben