Freitagmorgen, acht Uhr beim Bootshaus am St. Moritzersee. Dicke Wolken hängen über den Bergen, es nieselt. Davon zeigen sich Maria und Fritz Fahrni unbeeindruckt. Das Ehepaar – beide über 80 Jahre – transportiert gemeinsam das elegante Stämpfli-Ruderboot «Quintin» zum Steg und lässt den Zweisitzer mit St. Moritzer Sonnen-Signet ins Wasser gleiten. «Ich rudere schon seit 50 Jahren», erzählt Maria Steiner Fahrni. Dieses Jahr habe sie Jubiläum als Mitglied des Damenruderklubs Zürich gefeiert. Auch beim Ruderclub St. Moritz sind sie und ihr Mann Mitglied – seit 40 Jahren besitzen sie eine Wohnung in Champfèr. Mit dem Engadin ist Maria Steiner Fahrni schon ihr Leben lang verbunden. Ihr Grossvater war der Fotograf Gustav Sommer.
Drei Runden für den guten Zweck
An diesem feuchten Morgen ist Maria Steiner Fahrni nicht nur wegen des gemeinsamen Hobbys mit ihrem Mann auf dem St. Moritzersee unterwegs. Das Paar hat Startgeld bezahlt, um bei der Cuorsa Mascha Rösa mitzumachen. Normalerweise wird dieser Benefizlauf auf zwei Beinen absolviert, joggend oder spazierend, 4,3 Kilometer rund um den St. Moritzersee. Maria und Fritz Fahrni haben sich für drei Runden auf dem Wasser entschieden. «Rennen können wir nicht mehr, aber rudern kann man bis ins hohe Alter», sagt Maria Steiner Fahrni. Keine zwei Minuten später ist das Ruderboot nur noch als Pünktchen vom Seeufer aus zu sehen.
Ein wertvolles Vermächtnis
«Cuorsa Mascha Rösa» ist ein Benefizlauf zugunsten der Brustkrebsversorgung im Engadin. Der Anlass geht aus «Race for the Cure Suisse» hervor und ist seit diesem Jahr enger an das St. Moritz Running Festival und somit an den Engadin Skimarathon sowie an «Mascha Rösa» des Engadin Frauenlaufes angebunden. «Wir wollten schon lange eine engere Zusammenarbeit mit einem Sommer- und Winteranlass im Engadin, dies ist jetzt gelungen», sagt Vorstandsmitglied Claudia Meuli, die das Ruderteam gemeinsam mit Vorstandsmitglied Cristina Cerutti vom Ufer aus unterstützt.
Die Basis für den Verein legte die sportlich engagierte Cristina Cavalli. Sie lebte und arbeitete im Engadin, erkrankte an Brustkrebs und verstarb 2021. Mit der Gründung des Vereins «Race for the Cure Swiss» hat sie ein Vermächtnis für die Region hinterlassen: die Brustkrebsversorgung im Engadin zu stärken und Menschen jeden Alters zu mehr Bewegung, Solidarität und Hoffnung zu motivieren.
Neben dem Benefizlauf organisiert der Verein auch Randevents, um auf das Thema aufmerksam zu machen, zum Beispiel gemeinsam mit den Frauenorganisationen BPW, Zonta oder Soroptimist.
Prävention ist zentral
Am Seelauf selbst ist das pinkfarbene Zelt die Informationsstelle des Vereins. «Vielen Leuten ist das Thema unangenehm, sie hoffen einfach, nie betroffen zu sein», sagt Claudia Meuli. Doch Sensibilisierung und Prävention seien wichtig. Brustkrebs ist die häufigste Krebserkrankung in der Schweiz. Laut Swiss Cancer Screening erkranken jährlich etwa 6000 Frauen an Brustkrebs. Eine frühzeitige Erkennung erhöht die Heilungschancen und ermöglichte eine schonendere Therapie.
Im ersten Jahr des Benefizlaufs nahmen 120 Personen teil, im Folgejahr 240, und im vergangenen Jahr 320 Personen. Diese Zahlen zeigen, dass sich der Anlass langsam etabliert. «Die jüngste Teilnehmerin war neun Jahre alt, der älteste Teilnehmer über 80 Jahre alt», erzählt Claudia Meuli. Eine Rangliste gibt es nicht. Es geht um die Sache, nicht um Zeit.
Unterstützung in drei Sprachen
Der Erlös des Laufes und zusätzliche Spenden werden direkt vor Ort eingesetzt und zwar in die Unterstützung einer dreisprachigen Engadiner Pflegefachfrau für ihre zweijährige Zusatzausbildung zur Breast Care Nurse. Wenn sie im Frühling 2027 die Ausbildung abschliesst, kann sie als spezialisierte Fachperson Brustkrebsbetroffene von der Diagnose an begleiten und bei jeglichen Fragen zur Seite stehen.
Maria Steiner Fahrni hat als junge Frau in der Onkologie des Universitätsspitals Zürich gearbeitet. «Dort habe ich gesehen, wie notwendig die Betreuung der Betroffenen ist», sagt sie, nachdem sie schwungvoll und keineswegs ausser Atem nach zehn Kilometer auf dem See wieder Boden unter den Füssen hat. «Beim Rudern geht es darum, die Balance zu halten – wie im Leben auch», sagt die Psychotherapeutin Maria Steiner Fahrni.
Wohltuend und bedeutungsvoll
Die Idee, als Brustkrebsbetroffene zu rudern, stammt aus Kanada und verbreitete sich in den letzten Jahren auch in der Schweiz. So konnte die Initiantin, Marina de Rosa, zusammen mit zahlreichen krebsbetroffenen Frauen, die meist eine Operation und anspruchsvolle Chemotherapien hinter sich haben, den Ruderclub «Ramer en Rose Zürich» gründen. Diese Frauen können dort zweimal wöchentlich zusammen rudern, sich austauschen und gegenseitig stärken. «Sie erleben dies als unvergleichlich wohltuend und bedeutungsvoll» so Maria Steiner Fahrni. Es sei besonders dieser Gedanke gewesen, welcher sie und ihren Mann Fritz motivierte, die Cuorsa Mascha Rösa rudernd mitzumachen.
Weitere Informationen: www.mascha-rosa.ch/cuorsa
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