Über dem Stazersee zeigt sich der Himmel noch milchig. Die Wiesen sind noch nass. Der Regen hat die Luft gereinigt. Die ersten Besucherinnen und Besucher entspannen auf den Holzliegen und Holzplatten. Und so langsam drückt die Sonne durch die Wolken. Gian Schmid macht sich auf den Weg. Als Ranger der Ranger Team GmbH kennt er die Runde um den See gut. Die Ranger Team GmbH ist dabei im Auftrag der Gemeinde Celerina im Einsatz, die für den Ranger-Dienst rund um den Stazersee verantwortlich ist. Immer wieder bleibt er stehen und richtet sein Fernglas auf die andere Seeseite. Aufmerksam beobachtet er, wer unterwegs ist und welche Bereiche die Menschen betreten. Mit seinem Handy zählt er während der Runde die Besuchenden und hält fest, wo sie sich aufhalten. So bekommt er einen Überblick darüber, wie stark das Gebiet rund um den See genutzt wird.

Am Stazersee treffen viele Interessen aufeinander. Menschen wollen baden, spazieren gehen, mit dem Velo eine Runde drehen, fischen oder mit ihrem Hund Gassi gehen. Gleichzeitig ist die Landschaft empfindlich. Der See liegt in einem Moorgebiet von nationaler Bedeutung und gehört zum europaweit vernetzten Smaragdgebiet. Gian Schmid bewegt sich deshalb ständig zwischen den Menschen und der Natur. Mal reicht ein kurzer Blick, mal bleibt er stehen und spricht jemanden an. Denn seine Aufgabe besteht nicht nur darin, zu kontrollieren, ob die Regeln eingehalten werden, sondern auch Verstösse anzusprechen. Immer wieder erklärt er, warum es diese Regeln überhaupt gibt – nämlich zum Schutz des Gebietes.

Die Stimme der Natur
Während Schmid weitergeht, erzählt er, dass Ranger häufig mit Förstern oder Wildhütern verwechselt werden. Die Aufgaben sind jedoch recht unterschiedlich. Der Förster kümmert sich vor allem um den Wald, der Wildhüter um die Tiere.  «Wir übernehmen eigentlich die Stimme der Natur gegenüber den Menschen», sagt Schmid. Tiere und Pflanzen können nicht selbst darauf aufmerksam machen, wenn ihr Lebensraum bedroht ist. Deshalb sprechen Ranger die Besuchenden an und erklären, weshalb bestimmte Bereiche nicht betreten werden dürfen.

Am Stazersee betrifft das unter anderem die Moorflächen. Ranger dürfen in Graubünden keine Bussen verteilen. Sie setzen deshalb auf Gespräche und Aufklärung. «Wenn die Leute verstehen, welche Folgen ihr Verhalten hat, bringt das langfristig mehr.» Schmid bleibt auf seiner Runde immer wieder stehen. Seine Aufmerksamkeit gilt einem harmlosen, schmalen Weg. Doch genau solche Wege können zum Problem werden.

Kleine Schritte, grosse Folgen
Ein einzelner Besucher hinterlässt kaum sichtbare Spuren. Doch wenn immer mehr Menschen denselben Weg benutzen, wird der empfindliche Moorboden zunehmend verdichtet. «Aus einer Abkürzung kann so mit der Zeit ein Trampelpfad entstehen», sagt Schmid. Was zunächst harmlos erscheint, kann mittel- bis langfristig zu einem breiten Pfad anwachsen. Dadurch entstehen erhebliche Störungen für und Fauna und Flora wertvolle Lebensräume werden zerschnitten.

Ein Moor ist dabei weit mehr als eine feuchte Wiese. Es speichert Wasser und bietet seltenen Tier- und Pflanzenarten einen wichtigen Lebensraum. Gleichzeitig speichern Moore grosse Mengen CO2 und gehören zu den besonders wertvollen, aber empfindlichen Lebensräumen in der Schweiz - und in der Natur allgemein. Wird der Boden durch viele Besuchende verdichtet, kann er weniger Wasser aufnehmen und speichern, gleichzeitig sterben sensible Pflanzen wie Torfmoos ab. Die Fläche verliert dadurch einen Teil ihrer natürlichen Funktion. Bis sich ein solches Gebiet wieder erholt, können viele Jahre vergehen. Für Schmid ist deshalb wichtig, dass Besuchende verstehen, was hinter den Regeln steckt. Seine Erfahrung zeigt: Viele reagieren positiv, wenn man ihnen den Grund erklärt. «Die meisten sagen, sie hätten es nicht gewusst und entschuldigen sich», sagt er. Doch nicht jede Begegnung verläuft so unkompliziert.

Wenn Erklären nicht reicht
Auf seiner Runde gibt es auch seltene Situationen, in denen andere Personen weniger Verständnis haben. Manche Menschen fühlen sich bevormundet, wenn sie auf Regeln aufmerksam gemacht werden. Besonders heikel wird es, wenn jemand nicht einsieht, warum er einen bestimmten Ort verlassen soll. Schmid versucht dann, ruhig zu bleiben. «Ich sage nicht einfach: Bitte verlassen Sie diesen Platz. Ich erkläre, warum es problematisch ist.» Manchmal reicht auch das nicht. Gian Schmid erzählt von einem Auto, das direkt im Schutzgebiet abgestellt wurde. Gleich mehrere Verstösse kamen zusammen: ein Fahrverbot, ein Parkverbot und die Gefahr, dass Öl oder andere Flüssigkeiten ins Moor gelangen.

In solchen Situationen gibt es Grenzen. Bei solch groben Verstössen oder wenn jemand trotz Erklärung nicht reagiert, kann die Polizei eingeschaltet werden. Die meisten Verstösse entstehen allerdings nicht aus böser Absicht. Oft wissen die Besuchenden schlicht nicht, was sie mit ihrem Verhalten auslösen können. Genau deshalb spielt Kommunikation für Schmid eine so grosse Rolle.

Reden gehört zum Beruf
Neben dem Wissen über Pflanzen, Tiere und Lebensräume lernen angehende Ranger Gesprächsführung, Psycholo­gie, Konfliktmanagement und den Umgang mit schwierigen Situationen. Sogar Rollenspiele gehören in der Ausbildung zum Ranger dazu. Ein Teilnehmer spielt den Ranger, ein anderer einen Besucher, der gegen Regeln verstösst. So wird geübt, wie man in einer angespannten Situation ruhig bleibt und trotzdem klar auftritt. Während er weiter am See entlanggeht, wird deutlich, dass seine Arbeit genau diese Mischung braucht: Wissen über die Natur, Aufmerksamkeit für die Umgebung und den richtigen Umgang mit den Leuten.

Vom Schreiner zum Ranger
Dass Gian Schmid heute diese Runden als Ranger macht, war nicht von Anfang an so geplant. Auf den Beruf aufmerksam wurde er während seines Zivildienstes. Damals durfte er einen Ranger bei einem Einsatz um einen See begleiten. Die Arbeit draussen und der Kontakt mit den Menschen in der Natur gefielen ihm sofort. Heute verbindet Schmid beide Welten. Zu 60 Prozent arbeitet er als Schreiner, zu 40 Prozent als Ranger.

«Als Schreiner bin ich viel in der Werkstatt. Draussen zu sein und gleichzeitig etwas für die Natur zu tun, war meine Motivation.» Man muss nicht zwingend aus einem «grünen Beruf» kommen, um Ranger oder Rangerin zu werden. In seiner Klasse kamen Menschen aus ganz unterschiedlichen Berufen zusammen. Entscheidend seien vor allem das Interesse an der Natur und die Freude an Kommunikation.

Mehr als nur unterwegs
Für einen Ranger gehört mehr zum Arbeitsalltag als nur die Runde um den See. Im Winter gehören Büroarbeiten, Jahresberichte und die Auswertung von Besucherzahlen dazu. Parallel zum Rangerdienst leitet und unterstützt die Ranger Team GmbH einige Projekte, wie beispielsweise die Sträucher-Tauschaktion. Nicht einheimische Sträucher können von Gartenbesitzern kostenlos gegen heimische Sträucher ersetzt werden.

Der Einsatz neigt sich dem Ende zu. Besuchende sitzen auf den Holzliegen, Velofahrer fahren über die Wege. Für viele ist der Stazersee ein schöner Ausflugsort. Schmid sieht darin gleichzeitig ein empfindliches Moor, das geschützt werden muss. Das Gleichgewicht zwischen Tourismus und Naturschutz zu finden, ist dabei die grosse Kunst.

Autorin: Fabia Niggli
Fotos: Fabia Niggli/Reto Stifel