Es dürfte ein ungewöhnliches Bild werden, wenn sich am Freitagabend Menschen vom Kulm Country Club aus in Bewegung setzen. Um 19.00 Uhr beginnt dort ein festlicher Umzug, angeführt von der Musikgesellschaft St. Moritz. Über die Via Maistra führt der Weg durch den Ort, vorbei an mehreren Stationen mit Musik und Performances. Mehr als 100 Menschen aus lokalen Vereinen und Gruppierungen wirken mit. Das Ziel ist der Schulhausplatz – und dort wartet um 20.30 Uhr das eigentliche Finale: Zum ersten Mal werden die Lichtinstallationen der italienischen Künstlerin Marinella Senatore eingeschaltet.
Was dann zu sehen sein wird, lässt sich anhand ihrer früherer Arbeiten zumindest erahnen. Ihre sogenannten «Luminarie» erinnern an prächtig illuminierte Festarchitekturen, an Torbögen, Fassaden oder riesige Rosetten. Hunderte und tausende Lichtpunkte zeichnen Ornamente in die Dunkelheit. Dazwischen erscheinen Worte und Sätze in leuchtenden Lettern. Mal strahlen die Konstruktionen fast filigran in Weiss, mal entfalten sie ein Feuerwerk aus Rot, Grün und Blau. Es ist Kunst, die kaum unbemerkt bleiben kann.
Sätze aus St. Moritz
Für St. Moritz hat Senatore neue Arbeiten unter dem Titel «I Contain Multitudes» geschaffen. Zu sehen sind sie bis Ende Oktober auf dem Schulhausplatz und im Forum Paracelsus. Doch das Werk begann lange vor dem Einschalten der ersten Lampe. Bereits Anfang Jahr lud die Künstlerin Interessierte aus St. Moritz zu einer Schreibwerkstatt ein. Gedanken und Zitate aus der Bevölkerung flossen in ihre Arbeit ein und sollen nun im wörtlichen Sinne zum Leuchten gebracht werden.
Das ist typisch für Senatores künstlerischen Ansatz. Nicht das fertige Objekt allein steht im Zentrum, sondern der Prozess, der Menschen miteinander verbindet. Wer mitmacht, wird vom Betrachter zum Teil des Werks. Entsprechend ist auch der Umzug am Freitag mehr als ein Begleitprogramm zur Ausstellungseröffnung. Er gehört zur Arbeit dazu: Menschen tragen das Projekt durch den Ort, ehe sich die Luminarie auf dem Schulhausplatz einschalten.
Dass dies gerade in St. Moritz geschieht, erhält eine zusätzliche historische Dimension. 1878 brachte Johannes Badrutt im Kulm Hotel erstmals elektrisches Licht in der Schweiz zum Leuchten. Fast 150 Jahre später greift Senatore diese Erinnerung auf. Wo Elektrizität einst Staunen und Feststimmung auslöste, soll Licht erneut Menschen zusammenbringen.
Kunst für den öffentlichen Raum
Senatore, 1977 in Italien geboren, ist international längst keine Unbekannte mehr. Ihre Arbeiten wurden unter anderem im Centre Pompidou in Paris, im Kunsthaus Zürich, im Palais de Tokyo, in der Serpentine Gallery in London und im Palazzo Grassi in Venedig gezeigt. Auch Biennalen von São Paulo bis Venedig finden sich in ihrem umfangreichen Werkverzeichnis. Wiederholt verlässt ihre Kunst dabei die geschützten Museumsräume und sucht Plätze und Strassen auf.
Ihre Luminarie haben ihren Ursprung in der süditalienischen Tradition festlicher Lichtarchitekturen. Senatore übernimmt deren Formen, verbindet sie aber mit Sprache und gesellschaftlichen Fragen. «We Rise by Lifting Others» ist etwa auf einer ihrer früheren monumentalen Lichtarbeiten zu lesen – wir wachsen, indem wir andere emporheben. Eine andere fordert schlicht dazu auf, sich zu erinnern: «Remember the first time you saw your name.» So wird aus dekorativem Licht eine Botschaft, die sich direkt an die Menschen davor richtet.
Genau darin liegt die besondere Wirkung dieser Arbeiten. Man kann vor ihnen stehen und Formen, Farben und Licht betrachten. Gleichzeitig sprechen sie zurück. Und weil sie den öffentlichen Raum besetzen, muss niemand erst die Schwelle eines Museums überschreiten, um ihnen zu begegnen.
Am Samstag folgt die Vernissage
Nach dem bewegten Auftakt am Freitag rückt am Samstag die Künstlerin selbst stärker in den Mittelpunkt. Um 17.00 Uhr findet im Forum Paracelsus die Vernissage von «I Contain Multitudes» statt. Senatore spricht dort mit der Kuratorin und künstlerischen Leiterin des neuen Kunstprogramms «Reflection», Mareike Dittmer, über ihr Werk, ihre Arbeitsweise und die eigens für St. Moritz entstandenen Installationen.
«Reflection» ist das erste grosse, von der neu gegründeten Kulturstiftung St. Moritz selbst initiierte Projekt. Künftig sollen im Zweijahresrhythmus Kunstschaffende eingeladen werden, Zeit im Ort zu verbringen und aus ihren Begegnungen und Beobachtungen Arbeiten für St. Moritz zu entwickeln.
Den Anfang macht nun Senatore – allerdings nicht still und diskret. Am Freitag wird musiziert, performt und gemeinsam durch die Strassen gezogen. Dann geht auf dem Schulhausplatz das Licht an. Und vielleicht zeigt sich gerade in diesem Moment am deutlichsten, worum es der Künstlerin geht: Ein Kunstwerk steht nicht einfach irgendwo. Es entsteht zwischen den Menschen, die sich darum versammeln.
Die Ausstellung «Reflection» im Forum Paracelsus ist bis zum 31. Oktober zu sehen.
Autorin: Sina Margadant
Foto: A. Garofalo / Courtesy The Artist and Dior
Autorin: Sina Margadant
Foto: A. Garofalo / Courtesy The Artist and Dior
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