Das Problem: Wir kaufen mehr, tragen Kleidung aber weniger lang. Weltweit werden heute etwa fünfmal so viele Kleidungsstücke verkauft wie vor 20 Jahren – das sind 400 Prozent mehr. Gleichzeitig besitzen Menschen in Europa durchschnittlich über 100 Kleidungsstücke, von denen viele nur selten oder nie getragen werden.
Fast Fashion verändert unseren Blick auf Kleidung: Diese hat oft weniger Wert, weil es so viel davon gibt und sie günstig zu ersetzen ist. Neue Trends führen immer wieder zu neuen Käufen und verstärken den Kreislauf von Überproduktion und Abfall.
Zusätzlich verstärken soziale Medien diesen Einfluss. Auf Instagram und TikTok werden ständig neue Trends, Outfits und Empfehlungen präsentiert. Dadurch entsteht schnell das Gefühl, der eigene Kleiderschrank reiche nicht mehr aus. Besonders Jugendliche sind davon betroffen. Bei sogenannten Hauls zeigen Influencer in Videos grosse Mengen neu gekaufter Kleidung von günstigen Anbietern wie Shein oder Temu und teilen oft Rabattcodes. Solche Inhalte beeinflussen, was viele als normal oder notwendig wahrnehmen. Dadurch wird mehr gekauft, ohne die Folgen zu hinterfragen.
Ausserdem werden grosse Mengen an Chemikalien eingesetzt, die Flüsse verschmutzen können. Kunstfasern gelangen später als Mikroplastik in die Umwelt. Das Ausmass ist enorm: Die Textilindustrie verursacht heute mehr CO2 als der internationale Flugverkehr und die Schifffahrt zusammen. Diese Zahlen zeigen, welchen Preis billige Kleidung tatsächlich hat.
Viele Marken werben mit «Nachhaltigkeit», obwohl sich an ihrer Produktion wenig ändert. Dieses sogenannte Greenwashing sollte kritisch hinterfragt werden.
Besonders schlimm ist die Situation für Kinder. Weltweit müssen rund 160 Millionen Kinder arbeiten, einige davon auch in der Textilindustrie. Ein Beispiel zeigt diese Ungleichheit: Ein T-Shirt kostet bei uns 20 Franken – genau so viel, wie manche Kinder trotz langer Arbeitstage und Überstunden in einem ganzen Monat verdienen. Während wir den Preis eines einzigen Kleidungsstücks bezahlen, entspricht dieser Betrag für manche Menschen einem Monatslohn. Verrückt, oder?
Das zeigt: Auch wenn wir unsere Kleidung spenden, verschwindet das Problem nicht einfach – oft wird es nur an einen anderen Ort verlagert. Auch Rücksendungen belasten die Umwelt: Viele retournierte Kleidungsstücke werden entsorgt oder verbrannt, weil eine Aufbereitung oft teurer ist, als eine neue Produktion. Deshalb sollte man sich vor dem Kauf fragen: Brauche ich es wirklich?
Neue Technologien allein reichen jedoch nicht aus. Veränderungen sind möglich – aber nur durch klare Regeln, politischen Druck und gemeinsames Handeln.
Nachhaltig und hochwertig produzierte Kleidung ist zudem oft teurer. Gerade für Jugendliche ist günstige Mode oft die beste Möglichkeit, sich neue Kleidung leisten zu können.
Langfristig lohnt sich Qualität jedoch häufig mehr: Wer ein hochwertiges Kleidungsstück viele Jahre trägt, gibt oft weniger aus als mit ständig neuen Billigkäufen.
Forschende gehen davon aus, dass ein Kleidungsstück erst dann als nachhaltig gilt, wenn es mindestens 30-mal getragen wird. Genau daran scheitert Fast Fashion häufig: Viele Billigkleider verlieren schon nach wenigen Waschgängen ihre Form oder Qualität und werden ersetzt. Wer Kleidung länger trägt, verbessert ihren ökologischen Fussabdruck deutlich: Schon eine neun Monate längere Nutzung kann ihn um 20 bis 30 Prozent reduzieren.
Gerade im Engadin stellt sich zudem die Frage, wohin gut erhaltene Kleidung gebracht werden kann. Zwar gibt es Kleiderbörsen und Brockenstuben, doch viele junge Menschen kennen diese Möglichkeiten kaum.
Im Engadin stellt sich deshalb die Frage: Könnten Flohmärkte, Walk-in Closets oder andere Möglichkeiten zum Weitergeben von Kleidung dazu beitragen, dass Kleidungsstücke länger genutzt werden? Solche Angebote verdienen mehr Aufmerksamkeit, denn gerade in einer kleinen Gemeinschaft wie dem Engadin können sich Ideen schnell verbreiten.
Denn am Ende geht es nicht nur um Mode, sondern um Verantwortung. Liebe Gen Z und alle anderen: Stellt euch vor, ihr müsstet unter schlechten Bedingungen arbeiten, damit Kleidung billig verkauft werden kann. Wäre ein günstiges Kleidungsstück dann wirklich wichtiger als eure Gesundheit und euer Leben? Denkt darüber nach.
Autorin: Fabia Niggli
Fotos: Fabia Niggli / shutterstock.com/nito/Algi Febri Sugita
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