Engadiner Post: Martina Hänzi, Sie waren 18 Jahre lang Generalsekretärin des Nationalpark Bike-Marathon und von der ersten Ausgabe an dabei. Was war die ursprüngliche Idee dieses Events?
Martina Hänzi: Die Idee kam von Christen Baumann, dem damaligen Direktor der Bergbahnen Scuol, von Martin Nydegger und Corsina Feuerstein. Das Ziel war, den Biketourismus im Unterengadin zu fördern. Es gab zuerst einen Prolog, der sich Drei-Länder-Bike-Marathon nannte, doch die Organisation gestaltete sich schwierig. Und so schafften die drei Initianten eine Strecke mit den Startorten Scuol, Fuldera und S-chanf. Später kam Livigno in Italien dazu.
Wie funktionierte die Organisation des Events bei der ersten Ausgabe?
Hänzi: Ich glaube, wir hatten nicht einmal Streckenposten (lacht). Wir waren zu dritt in der Startnummernausgabe, damals noch in einer Garderobe der Eishalle Gurlaina in Scuol. Wir hatten mit 600 Teilnehmenden gerechnet, gekommen waren 900. Irgendwann gingen uns die Startnummern für Scuol aus, später für Fuldera. Es war ein riesiges Durcheinander. Datasport wurde immer nervöser. Aber am Ende ist es aufgegangen. Es gab nur eine Dusche für 600 Teilnehmende. Als Restauration diente ein Wurstgrill.
Chantal Mayor, Sie haben von Martina Hänzi das Generalsekretariat übernommen und sind seit zwei Jahren OK-Präsidentin. Wie sieht die Organisation heute aus?
Chantal Mayor: Wir sind zehn Personen im Kern-OK, rund 20 Personen im erweiterten OK und haben 500 Voluntaris im Einsatz. Rund 1700 Fahrerinnen und Fahrer werden zur 25. Austragung erwartet. Es gibt zwei Festwirtschaften. Pro Startort gibt es eine verantwortliche Person mit eigenen Helfenden, die vor Ort alles organisieren.
Die Streckenführung ist in 25 Jahren immer gleich geblieben?
Hänzi: Es gab nur minimale Veränderungen. Am Anfang verlief die Strecke in Ftan noch weiter hoch. In Scuol haben wir jahrelang den Zieleinlauf über die Gurlaina-Brücke gemacht, was wir dann aus Sicherheitsgründen geändert haben.
Mayor: Zum 20. Jubiläum haben wir mit Zernez noch einen neuen Startort geschaffen. Somit haben wir jetzt eine Einsteigerstrecke mit 33 Kilometern.
Was hat sich in den vergangenen 25 Jahren beim Anlass am stärksten verändert?
Mayor: Die Ansprüche der Teilnehmenden sind gestiegen. Man muss immer mehr bieten für das Startgeld, das sie bezahlen.
Hänzi: Eine Zeit lang gab es sehr viele Bike-Marathons in der Schweiz. Genug attraktiv zu sein, damit die Teilnehmenden sich für den Nationalpark Bike-Marathon entscheiden, war zeitweise eine Herausforderung. Heute hat es wieder weniger Mountainbike-Anlässe. Heute gibt es mit E-Bike und Gravel und so weiter aber auch viele neue Formen des Velofahrens. Damit fahren viel weniger Leute nur Mountainbike.
Ist der Nationalpark Bike-Marathon nie auf der Kippe gestanden?
Mayor: Nicht, dass ich wüsste.
Hänzi: Nicht mal während Corona. Da war die Teilnehmerzahl einfach auf 1000 limitiert. Das Rennen fand nur in der Schweiz statt. Und die Schutzbestimmungen mussten eingehalten werden.
Wer fährt beim Nationalpark Bike-Marathon mit?
Mayor: Wir haben zwar immer wieder neue Teilnehmende, aber viele sind «Wiederholungstäter». Wir dürfen dieses Jahr wieder 30 Jubilare auszeichnen, davon fünf, die es bei jeder Ausgabe ins Ziel geschafft haben.
Hänzi: Bei unseren Auswertungen haben wir damals festgestellt, dass 50 Prozent neue Teilnehmende und 50 Prozent «Wiederholungstäter» sind. Ich kann mir vorstellen, dass es heute noch mehr wiederkehrende Teilnehmende hat. Wenn man bedenkt, wie viele Leute durch diesen Event die Region neu kennengelernt und vielleicht für Ferien zurückgekommen sind, kann man so einen Event für eine Tourismusregion nicht unterschätzen.
Wie wichtig ist die Unterstützung von der Region, von den Gemeinden?
Mayor: Sehr wichtig. Ohne Gemeinden geht es nicht. Erstens müssen sie die Durchfahrtsbewilligungen erteilen. Zweitens helfen die Werkgruppen sehr stark beim Auf- und Abbau der Infrastruktur mit. Es braucht in jeder Gemeinde das Commitment und die Unterstützung für diesen Anlass, sowohl finanziell als auch mit Arbeitsstunden vom Werkdienst.
Hänzi: Am Anfang war die Unterstützung noch nicht so institutionalisiert, wie das jetzt der Fall ist. Aber nach der dritten Ausgabe war das Commitment da. In dieser Region und bei einem Anlass dieser Grösse könnte man nicht nur mit Sponsoren existieren.
Gibt es Zahlen oder Erfahrungswerte, was die Wertschöpfung für die Region durch den Nationalpark Bike-Marathon betrifft?
Mayor: Nach dem Event machen wir immer eine Teilnehmerumfrage, um auch die Übernachtungszahlen zu ermitteln. Wer diesen Freitag durch Scuol geht, wird vor den Hotels und Ferienwohnungen fast kein Auto ohne Veloträger sehen. Die Hotels sind während des Bike-Marathons voll. Viele Teilnehmende kommen bereits im Vorfeld und verbinden ihre Ferien mit dem Rennen. Urs Huber war zum Beispiel vor zwei Wochen hier im Training.
Hänzi: Die Teilnehmerumfrage machten wir bereits zu unserer Zeit. Wir haben mal ausgerechnet, dass der Bike-Marathon eine Million Franken Wertschöpfung für die Region generiert, rein am Wochenende.
Was unterscheidet die Jubiläumsausgabe von anderen Ausgaben?
Mayor: Wir hatten bis 2019 La Stafetta. Zum Jubiläum führen wir sie wieder ein. Aufgehört hatten wir, weil es wenig Interesse dafür gab. Jetzt haben wir acht Vierer-Stafetten und 14 Zweier-Stafetten. Beim Rahmenprogramm gibt es ein Kinderkonzert der Singvögel am Freitag und von Rümli Gäng und Stubete Gäng am Samstagabend.
Dieses Jahr seid ihr auch wieder Teil der Rennserie Bike Marathon Classics.
Mayor: Genau. Das ist aber nicht auf das Jubiläum bezogen. Wir wurden angefragt, nachdem das Grand Raid im Wallis, das letztes Wochenende stattgefunden hat, auch zugesagt hat.
Welchen Stellenwert hat der Nationalpark Bike-Marathon in der Schweizer Bike-Marathon-Szene?
Hänzi: Mein Ziel war immer, der grösste Bike-Marathon der Schweiz zu sein. Während meiner Zeit konkurrierten wir mit dem Bike Masters in Küblis und dem Grand Raid im Wallis viele Jahre darum, wer denn gerade der Grösste ist.
Mayor: Das sind wir jetzt. Der Grand Raid hatte nur 1400 Teilnehmende, bei uns sind jetzt schon mehr angemeldet. Die Anmeldung ist bis Samstag geöffnet.
Das Wetter ist entscheidend bei einem Anlass wie dem Nationalpark Bike-Marathon. Welche Ausgabe der letzten 25 Jahre ist wettertechnisch als schlimmste in Erinnerung geblieben?
Hänzi: Das war 2011 mit dem plötzlichen Temperatursturz, als es wegen Unterkühlungen wirklich auch für die Gesundheit der Teilnehmenden gefährlich wurde.
Diesen Sommer hat es bereits mehrmals wegen Starkregen Murgänge gegeben, vor allem in S-charl. Wie bereitet man sich auf solche möglichen Ereignisse vor?
Mayor: Letztes Jahr mussten wir bereits auf eine Alternativstrecke ausweichen. 2020 mussten alle auf die Putèr-Strecke ausweichen. 2018 war so viel Schnee auf dem Chaschauna-Pass, dass alle nur ab S-chanf gefahren sind. In solchen Fällen erhalten wir schon Kritik von den Teilnehmenden, denn wenn jemand für 141 Kilometer bezahlt und ins Engadin kommt, will er nicht nur 47 Kilometer fahren. Deswegen haben wir auch die 110-Kilometer- Alternativstrecke entwickelt, die auch bei Schlechtwetter machbar ist.
Gibt es Ausgaben, die Sie aus anderen Gründen als dem Wetter nie vergessen werden?
Hänzi: 2017 haben wir eine andere Zeitmessung als Datasport gehabt, die dann überhaupt nicht gestimmt hat. Damals haben wir in akribischer Arbeit am Sonntagmorgen ab sieben Uhr die Startlisten und Zeiten selber zusammengesucht, mithilfe von Fotos. Das Jahr darauf haben wir wieder zu Datasport gewechselt.
Seit zehn Jahren gibt es das Kids Race. Was war die Idee dahinter?
Hänzi: Wir wollten den Anlass so attraktiv machen, dass die ganze Familie in die Region reist und nicht nur der Papa. 80 Prozent der Teilnehmenden sind immer noch männlich. Das Kids Race ist auch für die Nachwuchsförderung wichtig.
Der Nationalpark Bike-Marathon hat sich in 25 Jahren etabliert. Wo gibt es noch Entwicklungspotenzial?
Mayor: Wir bleiben bei unseren Kernkompetenzen und machen nur punktuelle Anpassungen. Dieses Jahr testen wir den Start der Vallader-Strecke in Gurlaina. In Zernez haben wir auch einen neuen Startort. Es gibt jedes Jahr Unvorhergesehenes, aber wir bleiben flexibel und haben noch immer eine Lösung gefunden.
Was ist für Sie persönlich ein Highlight dieses Events?
Hänzi: Die sensationelle Strecke, die Landschaft und die Einheimischen tragen den Bike-Marathon mit. Die Stimmung ist jedes Jahr ein Highlight. Das ist der Hauptgrund, warum der Anlass immer noch funktioniert. Ich habe den Bike-Marathon immer gerne organisiert.
Mayor: Für mich ist die Zusammenarbeit im OK ein Highlight. Alle ziehen am gleichen Strick. Der Zusammenhalt ist da, und wenn es darauf ankommt, funktioniert das Räderwerk.
Und was ist die grösste Sorge einer OK-Präsidentin wenige Tage vor dem Start?
Mayor: Das Wetter. Die Wetterprognose besagt, dass am Freitag noch Regen kommt. Da stellt sich die Frage, ob die Strecke hält. Während des Rennens hoffe ich, dass es keine schweren Unfälle gibt.
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