Nicht einmal ein Kilometer trennt die Wiese beim Kulm Country Club vom Schulhausplatz. An diesem Freitagabend reicht die Strecke trotzdem für einen dichten Streifzug durch St. Moritz. Kaum ist eine Darbietung vorbei, wartet ein paar Schritte weiter die nächste. Manchmal geht das so schnell, dass kaum Zeit bleibt, sich zu orientieren, was gerade wo passiert. Vielleicht passt aber gerade das zu einem Umzug, bei dem das Mitmachen im Vordergrund steht.

Ein Dorf auf den Beinen
Rund 130 Personen aus lokalen Vereinen und Gruppierungen hat die Kulturstiftung für die Eröffnung ihres neuen Kunstprogramms «Reflection» zusammengebracht. Die Choreografie verantwortete Myriam Gurini, die Projektleitung Bettina Erni. Den roten Faden liefert die Musikgesellschaft St. Moritz: Sie setzt sich beim Kulm an die Spitze und begleitet den Zug bis zum Schulhausplatz.

Dazwischen wird es bunt. Kindergar­ten- und Schulkinder sind ebenso dabei wie Tanzgruppen und Musiker. Vor dem Schulhaus singt Sopranistin Maura Wesseling vom Balkon, während Teenager der Fresk Freestyle and Snowboard Academy darunter auf Inline-Skates ihre Figuren zeigen. Das Alphorn Ensemble Engiadina steuert jene Klänge bei, die in St. Moritz fast schon dazugehören. Die Ukulele Grupa português bringt wiederum ganz andere Töne auf die Strasse – und ein Junge stiehlt ihr für einen Moment beinahe die Show, als er Michael-Jackson-Moves zum Besten gibt.

Später sorgen die Beats des einheimi­schen DJs Massimo Gurini für gute Stimmung. Rund 600 Menschen verfolgen das Geschehen trotz kühlem, feuchtem Wetter. Beachtlich, zumal das für denselben Abend fast am gleichen Ort geplante Dorffest des Handels- und Gewerbeverbands wegen des Wetters bereits am Vortag abgesagt worden war.

Wenn aus Weiss plötzlich Licht wird
Am Schulhausplatz steht der Hauptdarsteller des Abends zunächst auffällig unauffällig da. Rund eine Woche dauerte der Aufbau der grossen weissen Konstruktion. Bei Tageslicht erinnert sie an ein filigranes Gerüst aus Torbögen, Rauten, Sternen und Ornamenten. Dann wird es dunkel – und aus dem Gerüst wird eine «Luminaria».

Hunderte Lichtpunkte zeichnen die Architektur nach, weisse Flächen strahlen, darüber leuchten Sätze in roten Lettern. Man muss kein Museum betre­ten und keine Kunstkenntnisse mitbringen. Die Installation steht mitten im Dorf, direkt an der Strasse, und spricht zu allen, die vorbeikommen. Und sie spricht wortwörtlich. Romanische, deutsche, italienische und portugiesische Sätze ziehen sich um die Installation. Bereits Anfang Jahr hatte die italienische Künstlerin Marinella Senatore Menschen aus St. Moritz zu einer Schreibwerkstatt eingeladen. Gedanken, Erinnerungen und persönliche Worte aus diesen Gesprächen sind in «I Contain Multitudes» eingeflossen.

Besonders treffend wirkt der portugiesische Satz «Viva, eu quero partici­par. Eu quero estar presente»: Ich will teilnehmen, ich will dabei sein. Vor der Installation stehen Hunderte Menschen, nachdem zuvor Kinder, Jugendliche, Vereine, Musiker und Tänzerin­nen gemeinsam durch den Ort gezogen sind. Ein Satz über das Dabeisein leuchtet über einem Abend, der genau davon gelebt hat.

Licht mit St. Moritzer Geschichte
Dass Senatore ausgerechnet Licht zum zentralen Material macht, hat in St. Moritz eine weitere Ebene. 1878 brachte Johannes Badrutt im Kulm Hotel erstmals elektrisches Licht in der Schweiz zum Leuchten. Fast 150 Jahre später wird Licht erneut zum Ereignis – diesmal als Kunst und als Anlass, Menschen zusammenzubringen.

«Die grosse Beteiligung und die Energie des Abends haben ‹Reflection› auf besondere Weise zum Leben erweckt», sagt Mareike Dittmer, künstlerische Leiterin des Kunstprogramms. Christoph Bürge, Geschäftsführer der Kulturstiftung, spricht von einem «Fest der Gemeinschaft». Die vielen Einheimi­schen hätten der Lichtinstallation «eine Seele» gegeben.

Vom Dorfplatz ins Forum Paracelsus
Einen Tag später wurde «I Contain Multitudes» mit einer Vernissage im Forum Paracelsus offiziell eröffnet. Dort sprach Senatore mit Dittmer über ihr Werk, ihre Arbeitsweise und die für St. Moritz entstandenen Arbeiten. Anders als die monumentale Luminaria auf dem Schulhausplatz steht im histo­rischen Innenraum des Forums eine einzelne, schlanke Lichtinstallation. Spiralförmig windet sie sich nach oben, zwischen weissen, orangefarbenen und rötlichen Lichtstäben tauchen florale Formen auf; den Abschluss bildet jenes strahlenförmige Motiv, das auch draussen wiederkehrt.

Beide Installationen bleiben bis zum 31. Oktober zu sehen. Draussen dürfte die Arbeit Abend für Abend ihre stärkste Wirkung entfalten, wenn aus der weissen Konstruktion wieder Licht wird. Der Umzug ist dann längst vorbei. Seine zentrale Idee leuchtet aber weiter: dabei sein, teilnehmen, Teil von etwas sein.

Ein Stück Senatore für zuhause
Begleitend zu «I Contain Multitudes» hat Marinella Senatore eigens für St. Moritz eine limitierte Siebdruck-Edition mit drei Motiven geschaffen. Die Sujets greifen Elemente der volkstümlichen Festkultur, des Jugendstils und historischer Grafik auf. Auch die Texte sind von Senatores Austausch mit der St. Moritzer Bevölkerung inspiriert. Jedes Motiv erscheint in einer Auflage von 100 Exemplaren sowie zehn Künstlerexemplaren. Die signierten, sechs- beziehungsweise siebenfarbigen Siebdrucke im A3-Format wurden vom Siebdruckstudio Lorenz Boegli in Müntschemier gefertigt und kosten je 250 Franken. Erhältlich sind sie am Infopoint von Tourismus St. Moritz. Senatore verzichtet auf eine Gage; der Erlös fliesst in das Kunstprogramm «Reflection» und unterstützt damit die Lichtinstallationen in St. Moritz.

Autorin: Sina Margadant
Fotos: Marinella Senatore ‘I Contain Multitudes’ (2026); commissioned by Kulturstiftung St. Moritz / Mazen Jannoun und Henry Schulz