«Liebesgeschichten brechen viel zu häufig vor ihrem eigentlichen Beginn ab. Auch im Film. Das Happyend tritt so unverhofft wie unvermittelt ein (...) Das gute Ende ist da und wird nie mehr enden. Nur weiss leider niemand, warum». Diese Sätze sagt Marie gleich zu Beginn des Buches «Ausser mir». Ihre Liebesgeschichte mit Mattia ist alles andere als eine Schnulze. Da wird gestritten, verlassen, versöhnt - und viel geschwiegen. «Schweigen ist eine äusserst effiziente Kampftechnik», stellt die Protagonistin fest. Bei diesem Liebespaar existiert eine ungeheure Anziehungskraft, eine tiefe Verbundenheit – und dann verbeissen sich Mattia und Marie wieder ineinander, zerfleischen sich, «als gäbe es am Ende nur ihn oder mich».
Plötzlich rastet sie aus
«Ausser mir» ist nicht nur eine Liebesgeschichte, die den Status «Es ist kompliziert» tragen könnte. Es ist auch die Geschichte einer Frau, die eines Tages komplett ausrastet, vor den Augen ihrer vierjährigen Tochter. Sie reist daraufhin nach Vals, in das Tiny House eines Freundes, wo sie sich abschottet und in Gedanken Gespräche führt: mit ihrem Mann, mit ihrem Therapeuten, mit der Affäre ihres Mannes und mit Parzival, dieser Figur aus dem Mittelalter, über die Mattia schreibt. Marie lässt ihre Kindheit und ihre Beziehung Revue passieren, sie verliert sich und findet sich wieder.
In diesem Roman geht es um Traumata und um die Auseinandersetzung mit inneren Verletzungen. Dabei schafft es die Autorin, eine Leichtigkeit in die Geschichte zu bringen, die einen regelrechten Sog entwickelt. «Das ist harte Arbeit», gibt sie unumwunden zu.
Über Fragen zu einer Geschichte
Micha Friemel studierte Geschichte und Germanistik in Basel sowie literarisches Schreiben in Biel. 16 Jahre lang hat sie an «Ausser mir» gearbeitet. Dazwischen kamen ein Umzug nach Sta. Maria, insgesamt vier Kinder, die Pension Chasa Parli und zwei hochgelobte Kinderbücher. «Ich dachte immer, die Lebensumstände hätten mich so lange daran gehindert, zu schreiben, aber dann habe ich erkannt, dass ich einfach so lange gebraucht habe, um genau diese Geschichte zu schreiben», sagt die Autorin.
Zu ihren Geschichten kommt Micha Friemel über Fragen, die sie persönlich interessieren. «Bei diesem Roman haben sich diese Fragen allerdings über die Jahre immer wieder verändert» erklärt sie. Am Anfang sei es eher der Versuch gewesen, verschiedene Zustände möglichst präzise zu fassen. «Zustände, die ich kannte oder die mich beschäftigt haben und für die ich eine Sprache und Bilder finden wollte.»
Ein Beispiel dafür sei das Gefühl, im All verloren zu sein – losgelöst von anderen Menschen, ohne Verbindung zu ihnen. Dieses Gefühl spielt im Buch eine wichtige Rolle. «Ich dachte lange, das sei eine sehr individuelle Erfahrung. Inzwischen habe ich gemerkt: Leider sind es viele Menschen, die sich immer wieder oder gar ständig so fühlen», erzählt die Autorin.
Warum ist Beziehung so schwierig?
Im Laufe der Arbeit am Buch wurden die Fragen immer konkreter. Zum Beispiel: Warum ist es so schwierig, eine gute Beziehung zu führen? Warum können Menschen, die sich nahestehen, einander verletzen? Wie wirken frühere Verletzungen in eine Beziehung hinein? Und was geschieht mit einem Menschen, wenn Angst und Misstrauen so stark werden, dass er irgendwann auch der eigenen Wahrnehmung nicht mehr trauen kann?
Die verschiedenen Themen des Romans – Gewalt in der Ehe, Kindheitstraumata, Psychosen – haben sich so nach und nach miteinander verbunden. «Ich gehe dabei aber nicht von dem Gedanken aus, meine eigene Geschichte erzählen zu wollen», betont Micha Friemel. Sie interessiere vielmehr, aus einem persönlichen Erleben einen Zustand zu machen, der auch für andere erfahrbar werden kann. «Im Buch geht es eigentlich darum zu lernen, besser zu lieben.»
Über Orte schreiben, die sie kennt
Auf den ersten Blick scheinen die Parallelen zwischen der Autorin und der Protagonistin offensichtlich zu sein: sie haben das Gleiche studiert, kommen ursprünglich beide aus der Ostschweiz, haben einen Bezug zu Vals und Basel, Marie verbrachte die Ferien in der Kindheit in der Val Müstair. «Ich musste Orte wählen, die ich gut kenne, um nicht Dinge zu behaupten, die von den Örtlichkeiten her nicht plausibel sind», erklärt Micha Friemel. Der Versuch, die Geschichte in London anzusiedeln, sei gescheitert. «Ich merkte, dass ich sehr viel hätte recherchieren müssen, damit alle Details stimmen. Dazu fehlte mir die Zeit.»
Ihre Auseinandersetzung mit einem psychischen Ausnahmezustand speist sich unter anderem aus der Lektüre von Fachliteratur, Erfahrungsberichten und Blogs sowie aus persönlichen Erfahrungen und Gesprächen. Solche Zustände in Worte zu fassen, war ein wichtiger Antrieb für sie beim Schreiben. «Im Buch geht es mir aber weniger um die Frage, welche Schmerzen Marie erlitten hat, sondern darum, wie sie damit umgeht und wie sie sich anderen gegenüber verhält.»
Micha Friemel: Ausser Mir. Dörlemann Verlag 2026. 263 Seiten
Diskutieren Sie mit
Login, um Kommentar zu schreiben