Die Giuventünas – Rätoromanisch für Jugendvereine – gehören seit Generationen zum Dorfleben in Graubünden. Besonders im Engadin tragen sie dazu bei, romanische Bräuche, Sprache und Gemeinschaft lebendig zu halten. Entstanden sind sie ursprünglich aus Zusammenschlüssen der jungen, ledigen Dorfbevölkerung. In einer Zeit, in der es wenig Freizeitangebote gab und sich das soziale Leben stärker innerhalb des Dorfes abspielte, war die Giuventüna Treffpunkt, Freizeitgemeinschaft und Trägerin von Traditionen zugleich.
Dabei geht es längst nicht nur um das Bewahren von Bräuchen. Die Giuventünas tragen auch zur Weitergabe der rätoromanischen Sprache und Kultur bei. In einigen Vereinen ist das Beherrschen des Romanischen deshalb Voraussetzung für eine Mitgliedschaft. Früher galten vielerorts klare Regeln: Wer heiratete, schied automatisch aus dem Verein aus, da die Giuventüna der ledigen Dorfbevölkerung vorbehalten war. Heute sind die Strukturen offener. In einigen Dörfern können auch Personen aufgenommen werden, die nicht dort aufgewachsen sind oder nicht mehr im Dorf wohnen. Die Giuventüna ist damit vielerorts nicht mehr nur ein Jugendverein im ursprünglichen Sinn, sondern eine Gemeinschaft, die das Dorfleben mitgestaltet – und dabei vor der Aufgabe steht, alte Kultur mit den Interessen einer neuen Generation zu verbinden.
Die Entwicklung der Giuventünas
Wie unterschiedlich die Giuventünas heute funktionieren, zeigt sich bereits an ihrer Grösse und an der Art, wie sie im jeweiligen Dorf verankert sind. Die Gruppengrössen in den befragten Vereine reichen von kleinen Gruppen mit 15 bis 20 Mitgliedern bis zu Giuventünas, die bis zu 100 Mitglieder zählen. Im Oberengadin gehören dazu: Samedan, Bever, Celerina, Pontresina, S-chanf und Zuoz. Die Grösse der Vereine unterscheidet sich deutlich: Bever zählt etwa 20 Mitglieder, Zuoz etwa 30 und S-chanf etwa 50. Celerina kommt auf 85 Mitglieder, Samedan auf etwa 60 und Pontresina auf 108. Gerade bei den grösseren Vereinen zeigt sich jedoch, dass die Mitgliederzahl nicht automatisch mit einer hohen Beteiligung gleichzusetzen ist.
Im Unterengadin zeigt sich ein ähnlich vielfältiges Bild. Zu den befragten Giuventünas gehören Guarda, Ftan, Tschlin, Zernez, Lavin, Sent, Scuol und Ardez. Auch hier reicht die Spannweite von kleineren Vereinen wie Lavin mit rund 15 Mitgliedern und Ardez mit etwa 20 bis hin zu grösseren Gruppen wie Zernez mit über 80 und Sent mit 78 Mitgliedern. Guarda zählt 23 Mitglieder, Ftan etwa 50, Tschlin etwa 40 und Scuol um die 30. Zernez nimmt dabei eine besondere Stellung ein, da auch Mitglieder aus Susch und Brail in der Giuventüna vertreten sind. Die GCCS in S-chanf – die Giuventüna Cinuos-chel Chapella Susauna – verbindet wiederum mehrere Dörfer und zählt rund 50 Mitglieder.
Vielfalt im Vereinsleben
In manchen Dörfern stehen überlieferte Bräuche weiterhin stark im Zentrum. In Ftan, Tschlin oder Ardez sind beispielsweise verschiedene traditionelle Anlässe und Bräuche eng mit dem Vereinsjahr verbunden. Andere Giuventünas verbinden diese Traditionen stärker mit modernen Aktivitäten. In Scuol gehören etwa Sport, Reisen und gemeinsame Freizeitaktivitäten ebenso zum Vereinsleben wie traditionelle Anlässe. Auch im Oberengadin zeigt sich diese Verbindung: In Samedan werden auf Überlieferung basierende Veranstaltungen weiterhin durchgeführt, gleichzeitig werden neue Aktivitäten und Reisen ausprobiert.
Die Unterschiede lassen sich deshalb weniger als klare Trennung zwischen Ober- und Unterengadin verstehen. Vielmehr zeigt sich, dass sich jede Giuventüna entsprechend der Grösse des Dorfes, der Zusammensetzung ihrer Mitglieder und der lokalen Traditionen entwickelt hat. Gerade diese Unterschiede machen sichtbar, wie vielfältig die Giuventünas heute sind.
Wenn immer dieselben anpacken
Eine Herausforderung bleibt die aktive Beteiligung. Oft sind es nur wenige Mitglieder, die regelmässig organisieren, helfen und anpacken. Ein Beispiel dafür zeigt sich in Samedan: Von rund 60 Mitgliedern engagieren sich bei den verschiedenen Aktivitäten häufig dieselben 20 Personen. Ähnliche Erfahrungen werden auch aus anderen Dörfern berichtet. Die Zahl der Mitglieder sagt deshalb nur bedingt etwas über die tatsächliche Aktivität innerhalb einer Giuventüna aus. Ein möglicher Grund dafür ist der Wandel der Freizeit. Junge Menschen haben heute mehr Möglichkeiten, ihre Zeit zu verbringen. Ausbildung und Arbeit führen zudem dazu, dass viele auswärts wohnen oder pendeln. Gleichzeitig gibt es zahlreiche andere individuelle Freizeitangebote. Eine Mitgliedschaft in der Giuventüna ist deshalb nicht mehr automatisch der wichtigste soziale Treffpunkt. Auch die Vorstellungen von Freizeit haben sich verändert. In Ardez wird beispielsweise beobachtet, dass Themen wie Gesundheit und Work-Life-Balance heute stärker gewichtet werden und weniger lange und häufig gefeiert wird als früher. Was einst selbstverständlich war, muss heute bewusst in den eigenen Alltag eingeplant werden.
Tradition und Moderne
Trotz dieser Herausforderungen verschwinden die Giuventünas nicht, sondern passen sich den veränderten Lebensbedingungen und Interessen ihrer Mitglieder an. Traditionelle Anlässe bleiben vielerorts bestehen, werden jedoch zunehmend durch neue Formen des gemeinsamen Erlebens ergänzt. Dazu gehören beispielsweise Reisen, Sport, Ausflüge und andere gemeinsame Unternehmungen, die in beispielsweise Scuol neben den traditionellen Anlässen Teil des Vereinslebens sind.
Dabei geht es weniger darum, alte Bräuche durch neue Aktivitäten zu ersetzen, sondern vielmehr darum, beides miteinander zu verbinden. Tradition und moderne Freizeitgestaltung können innerhalb einer Giuventüna nebeneinander bestehen und sich gegenseitig ergänzen. Auch der Tourismus trägt teilweise dazu bei, dass überlieferte Bräuche weiterhin sichtbar und erhalten bleiben. Gleichzeitig übernehmen Giuventünas bei öffentlichen oder touristisch geprägten Anlässen verschiedene Aufgaben und bleiben dadurch eng mit dem gesellschaftlichen Leben im Dorf verbunden.
Die Zukunft der Giuventünas
Die ursprüngliche Motivtion für die Gründung einer Giuventüna hat sich verändert. Junge Menschen brauchen heute keinen Verein mehr, um überhaupt soziale Kontakte ausserhalb der Familie zu haben. Und doch scheint ein Bedürfnis geblieben zu sein: gemeinsam etwas zu erleben und Teil einer Gemeinschaft zu sein. Gerade der persönliche Austausch könnte heute wieder wichtiger werden. In einer Zeit, in der vieles über soziale Medien und digitale Plattformen läuft, schaffen die Giuventünas reale Begegnungen. Man organisiert gemeinsam einen Anlass, hilft bei einem Fest, sitzt zusammen oder fährt miteinander in die Ferien. Ihre Zukunft hängt deshalb weniger davon ab, ob jeder alte Brauch unverändert weitergeführt wird. Entscheidend dürfte vielmehr sein, ob es gelingt, junge Menschen wieder für die Gemeinschaft zu begeistern. Die Formen können sich verändern – der Grundgedanke bleibt: gemeinsam etwas unternehmen, Verantwortung übernehmen, Freundschaften pflegen und das Dorfleben mitgestalten. Vielleicht ist genau das die eigentliche Stärke der Giuventünas. Sie bewahren nicht einfach die Vergangenheit. Sie geben jeder Generation die Möglichkeit, selbst zu entscheiden, welche Traditionen sie weiterträgt – und welche neuen daraus entstehen.
Autorin: Fabia Niggli
Fotos: Luca Dieguez / Janina Käslin / Giuventüna da Ftan
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