Ludwig Berger, Sie nehmen seit 2016 Klänge am Morteratschgletscher auf. Wie hat sich sein Klang in den zehn Jahren verändert?

Das ist schwierig zu beantworten, da ich am Anfang mit ganz anderen Methoden gearbeitet und an anderen Stellen Aufnahmen gemacht habe. Aber natürlich hat sich die Position des Morteratschgletschers in den letzten zehn Jahren total verändert. Am Anfang lag er noch im Tal, und je höher er sich zurückgezogen hat, desto dramatischer wurden die Klänge. Man hat viel mehr Wasser gehört, das im Innern durchgeflossen ist.

Also kann man das Sterben eines Gletschers tatsächlich hören?

Ja, vor allem an den ganz heissen Tagen. Da hört man sofort, dass viel mehr Aktivität im Innern stattfindet. Man hört, wie es im Gletscher unglaublich viele Schmelzprozesse gibt und alles in sich zusammenbricht. Von aussen ist das kaum wahrnehmbar, sondern nur über meine Unterwassermikrofone in den Gletscherspalten. Dass man die momentane Aktivität hört, fasziniert mich am meisten. Also, was in genau diesem Moment passiert.

Sie haben kürzlich eine Minute Gletscher-DNA im Fels des Morteratschgletschers deponiert. Wenn Sie einem Laien erklären müssten, wie aus einer Minute Gletscherklang-DNA wird – wie würden Sie das beschreiben?

Die Minute Klang ist eine digitale Datei. Diese ist als binärer Code in Nullen und Einsen archiviert. Den binären Code kann man umwandeln in DNA-Code. Statt Nullen und Einsen hat man dann die vier DNA-Basen A,C, T und G. Diese Kombination kann man in einem Labor synthetisieren. Dann hat man die Information als DNA-Mole­küle gespeichert. Diese wiederum kann man in mikroskopisch kleine Glaskügelchen einschliessen, wodurch die DNA-Moleküle vor Umwelteinflüs­sen geschützt sind. So können sie tausende von Jahren überleben. Es sind eigentlich künstliche Fossilien. Diese hat Robert Grass von der ETH Zürich hergestellt.

Worin lagern diese künstlichen Fossilien?

Die Glaskügelchen befinden sich in einer Titankapsel, die etwa so gross wie eine grössere Pille ist. In den Fels wurde ein Loch gebohrt und die Titankapsel hineingelegt. Obendrauf ist eine Titanplakette. 

Sie haben Aufnahmen aus zehn Jahren – warum haben Sie ausgerechnet diese eine Minute aus dem Sommer 2023 ausgewählt?

Ich habe einfach nach einer Minute gesucht, in der möglichst viele Klänge im Innern des Gletschers zu hören sind. Es gibt eine unheimlich grosse Klangpalette: tiefe Schläge von den tieferen Bewegungen des Eises, zerplatzende Luftblasen, das Gurgeln des Schmelzwassers. Es entstehen auf diese Weise ganz unterschiedliche Melodien. Im Sommer 2023 war es sehr warm und damit herrschte viel Aktivität im Gletscher. Die ausgewählte Minute Klang ist ungeschnit­ten. Ich habe nur Anfang und Ende gekürzt und sonst ist es die Stimme des Gletschers, die im Originalton überliefert wird. 

Warum nur eine Minute und nicht zehn Minuten oder eine Stunde?

Das ist tatsächlich eine Kostenfrage. Das Projekt ist sehr teuer und das Ganze sehr aufwendig zu produzieren. Es ist noch keine alltägliche Speichermethode. Eine Minute unkomprimierter Klang, das sind sehr viele Daten. Gleichzeitig spielt diese eine Minute auch mit der Zeit. Es ist eine Minute, die 2000 Jahre halten wird. Und es ist das ganz kleine Pulver eines riesigen Eiskörpers. Mir geht es auch um das Spiel mit der Flüchtigkeit, die wir nur begrenzt bewahren können.

Im Projekt ist von einer Haltbarkeit von Jahrtausenden die Rede. Worauf beruht diese Einschätzung?

Das wurde im Labor von Robert Grass getestet. Man setzt die eingekapselte DNA über einen kurzen Zeitraum starker Hitze aus. Dadurch altert sie im Zeitraffer, und aus dem Zerfall rechnet man hoch, wie lange sie bei normaler Lagerung überdauert. 

Ist der Fels unter dem ehemaligen Gletscher ein besonders guter Speicherort?

Das resistente, versiegelte DNA-Material in der Titankapsel im Fels - das müsste sehr sicher sein. Die Frage ist: Wird man sie in hundert Jahren noch einfach finden können? Relativ bald werden dort, wo heute das Gletschervorfeld ist, schon Bäume wachsen. Aber wir haben die Koordinaten in der Schweizerischen Nationalphonothek hinterlegt. 

Dieses Projekt wurde von Wissenschaftlern umgesetzt. Dabei hat alles als ein Kunstprojekt angefangen?

Ja, genau. Meine Rolle in diesem Projekt ist nur jene, dass ich das Werk konzipiert und die Klänge geliefert habe. Als Klangkünstler geht es mir darum, die Klänge aus dem Innern des Gletschers für die Zukunft zu bewahren und auf die Schönheit der Melodien aufmerksam zu machen, die dabei sind zu verschwinden. Es geht mir auch darum, sich weitere Zeithorizonte vorzustellen. Noch sind unterschiedliche Zukunftsszenarien möglich. 

 Wie meinen Sie das?

Stand heute ist klar, dass die Gletscher in den Alpen in den nächsten hundert Jahren fast komplett verschwunden sind. Würden wir aber die CO2-Emissionen radikal reduzieren, dann hätten die Gletscher noch eine Chance zu überleben. Die Eisreste zuoberst in den Bergen könnten die Basis bilden, damit die Gletscher wieder anfangen zu wachsen. Irgendwann könnte so unsere Kapsel im Fels wieder unter Eis begraben sein. Das wäre der beste Ausgang für das Projekt.

Angenommen, jemand öffnet die Kapsel im Jahr 2123: Was muss diese Person tun, um den Gletscher wieder hören zu können?

Wir haben auf der Titanplakette eine Anleitung, wie man diese eine Minute Klang aus der DNA herausholen kann. Die Glaskügelchen muss man in einer chemischen Lösung auflösen, die DNA-Moleküle extrahieren und dann den DNA-Code wieder zurückverwandeln in den binären Code. So lässt sich der Klang wieder abspielen.

Und das wird in hundert Jahren kein Problem sein?

Wir wissen natürlich nicht, was in hundert Jahren sein wird. Sich das vorzustellen, ist auch Teil des Projekts. Die Decodierung mithilfe der Anweisung wurde aber schon mit KI getestet und es hat fehlerfrei geklappt.

Was würden Sie den Menschen, die 2123 diese DNA entschlüsseln, gerne sagen?

Diese Frage stelle ich mir nicht. Ich denke eher, wie wäre es, wenn ich zum Beispiel hören könnte, wie ein Wald vor hundert Jahren geklungen hat. Ich wäre davon sehr fasziniert. Ich würde hören, welche Tierarten und Geräusche es damals gab und wie wenig davon heute noch übrig ist. Ich stelle mir vor, dass die Menschen in hundert Jahren beim Morteratsch nur noch eine Steinbrache mit sehr wenig Wasser vorfinden. In diesem Umfeld eine Minute von Fülle zu hören, wird die Menschen wohl zunächst traurig machen, aber vielleicht wird es ihnen auch Hoffnung geben, einmal die Präsenz von körperlichen Eis im Tal wieder zu erleben. 

Besitzen Sie eigentlich eine Kopie dieser Minute Gletscher-Klang und was geschieht damit?

Am 23. September haben wir die Minute Klang noch ein letztes Mal gehört. Jetzt wird sie nicht mehr veröffentlicht, sondern nur noch im Felsen sein – bis in hundert Jahren.