Ins Forum Paracelsus hatte die Kulturstiftung St. Moritz am Donnerstagabend zum 5. Kulturapéro eingeladen. Gekommen sind Menschen verschie­dener Herkunft und mit unterschiedlichem Hintergrund. Sie alle wollten hören, wie die Lichtinstallation neben dem Schulhausplatz entstanden ist und was nötig war, die im vergangenen August durchgeführte Parade durch St. Moritz zu organisieren. Viele der Anwesenden hatten beim Umzug sogar mitgewirkt.

 Im Zentrum des ersten Projekts im Rahmen des neuen Programms «Reflection» stand die Lichtinstallation von Marinella Senatore − eine sechs Meter hohe und zehn Meter breite Lichtinstallation, erstellt vom Studio Light Mariano nach den Plänen der italienischen Künstlerin. «I contain multitudes» lautete der Titel des parti­zipativen Kunstprojekts. Partizipativ deswegen, weil die lokale Bevölkerung an der Entstehung der Lichtinstal­lation beteiligt war. Menschen aller Altersgruppen steuerten Sätze in verschiede­nen Sprachen bei, die Teil des Kunstwerks sind.

Ein Werk nur für St. Moritz
Christoph Bürge ist Geschäftsführer der Kulturstiftung St. Moritz. «St. Moritz und das Engadin haben eine Diversität, die ich sonst auf so kleinem Raum nirgends erlebt habe», sagte er. Kunst hat im Engadin eine lange Tradition. Es gibt mehrere Museen und verschiedene Galerien im Tal. «Bei den Galerien gibt es immer eine gewisse Hemmschwelle, weil viele Leute denken, dass sie Kunst nicht verstehen», so Bürge. Und hier setzt «Reflection» an. Es ist ein neues Programm für Kunst im öffentlichen Raum. 

Die Idee hinter dem Projekt mit Marinella Senatore ist gewesen, ein Werk zu schaffen, das nur in St. Moritz gezeigt wird und bei dem die Bevölkerung eingebunden wird. Am Ende schuf die Künstlerin zwei Werke: die grosse Lichtinstallation neben dem Schulhausplatz und eine kleinere im Forum Paracelsus – dies, weil auch St. Moritz in Bad und Dorf zweigeteilt ist.

Die Menschen sichtbar machen
Mareike Dittmer ist die künstlerische Leiterin von «Reflection». «Marinella Senatore ist hierhergekommen, um den Ort, die Geschichte, die Menschen zu fühlen und daraus etwas entstehen zu lassen, das für die Leute vor Ort ist», erklärte sie. Während zwei Tagen sei die international bekannte Künstlerin durchs Dorf gelaufen, habe Menschen aus verschiedenen Bevölkerungsgrup­pen getroffen und in der Dokumentationsbibliothek recherchiert.

Sie lud rund 70 Personen ins Atelier von Inge Fehlbaum ein, um Sätze für das Projekt aufzuschreiben. Auch Senioren im Altersheim und junge Menschen im Jugendtreff steuerten Sätze bei. «Es war Marinella wichtig, auch diese Leute sichtbar zu machen», erklärte Mareike Dittmer. Die portugiesische Gemeinschaft war ebenfalls involviert. Sie steuerte den Satz bei: «Ich möchte gesehen werden und ich möchte teilnehmen.» 

«Licht bedeutet Freude»
Die Tradition der Lichtinstallationen kommt aus Süditalien, der Heimat von Marinella Senatore. Sie werden dort zu religiösen Feierlichkeiten aufgestellt und bilden einen Ort, an dem sich die Menschen treffen können. «Licht muss man nicht erklären, Licht bedeutet Freude, und Freude gehört zur Kunst», erläuterte Mareike Dittmer. 

Marinella Senatore ist auch bekannt für Tanzparaden. In St. Moritz hat die Kulturstiftung St. Moritz rund 130 Personen für die Parade durch St. Moritz gewinnen können – von der Musikgesellschaft bis zur Freestyle-Schule FRESK oder den Alphornbläsern. «Alle waren bereit, eine Gemeinschaft zu bilden», erzählte Bürge. Der Umzug wurde trotz Regenwetters zu einem grossen Dorfereignis und die Eröffnung der Lichtinstallation zu einem besonderen Gemeinschaftserlebnis.

Am Montag startet der Abbau
Die Lichtinstallation im Zentrum von St. Moritz war während der vergange­nen Wochen ein Blickfang, vor allem nachts, wenn die Lichter angingen. Laut Mareike Dittmer war die Akzeptanz in der Bevölkerung und auch bei der Nachbarschaft gross. Unterstützt wurde das Projekt auch von den kommunalen Behörden und vom Tourismus. Anfang nächster Woche wird das Kunstwerk beim Schulhausplatz wieder abgebaut. Beide Lichtinstal­lationen – auch jene im Forum Paracelsus – sollen aber in St. Moritz bleiben. Die Künstlerin hat die Kunstwerke an die Gemeinde gespendet. Aktuell werden neue Standorte geprüft.

Derweil hat ein einheimischer Künstler bereits das nächste Kunstprojekt im öffentlichen Raum installiert. Auf dem Bahnhofsareal beim Caffè Spettacolo steht sein temporäres Atelier. Daniel Meuli aus Silvaplana erstellt während eines Jahres Fotos mit seiner Camera Obscura. Vorbeikommen ist erwünscht.