Ach, wie selten sind sie, die Konzerte, in welchen in leisen und leisesten Passagen diese berühmte kleine Nadel zu hören wäre, liesse sie denn jemand genau in diesem Augenblick zu Boden fallen. 

Diese stillen, sinnlichen Momente, es gab sie immer wieder im Konzert von Samara Joy im Dracula Club. Momente, in denen Joys Stimme buchstäblich in der Luft hing, wo – gefühlt – ein einzelner feiner Ton, einer kleinen und zerbrechlichen Seifenblase gleich, im Raum hing, ehe er im Nichts verhallte.

Die 24-Jährige beherrscht aber mehr als die Kunst der leisen Töne, viel mehr. Aufgewachsen ist Samara Joy im New Yorker Stadtbezirk Bronx und bekam die Musikalität in die Wiege gelegt. Ihr Vater war Bassist und Begleitsänger in einem Gospelchor, ihre Grosseltern leiteten gar die Gospelgruppe «The Savettes». Trotzdem begann Samara Joy selbst spät und erst als Jugendliche im Gospelchor ihrer Kirche zu singen. Lieber spät als nie, denn alsbald wurde sie beim Essentially Ellington High School Jazz-Wettbewerb im Lincoln Center als beste Sängerin ausgezeichnet, schaffte es ins Jazz-Programm des Purchase College der State University of New York, gewann 2019 einen der renommiertesten Gesangspreise, die Sarah Vaughan International Jazz Vocal Competition und absolvierte 2021 ihr Gesangsstudium in Purchase.

Allerdings singt Samara Joy nicht so, als hätte sie eben ihr Studium abgeschlossen und würde ihre ersten Gehversuche auf kleinen Clubbühnen in der Bronx tätigen. Nein, sie singt abgeklärt und stilsicher wie eine alte Dame des Jazz, unglaublich sinnlich und in allen Tonlagen – ob leise wie die schwebende Seifenblase oder laut wie grollender Donner – äusserst präzise und ohne auch nur einen Wimpernschlag lang abgedroschen oder steril zu klingen. Vor allem aber singt sie mit ihrer jugendlichen Unbekümmertheit und bewegt sich wie selbstverständlich im riesigen Fundus des traditionellen Great American Songbook und dessen Komponisten, als würde sie dies schon ein Leben lang tun. Sie habe die DNA des Jazz im Blut, schrieb ein Musikkritiker einst. Dem bleibt wenig anzufügen. Samara Joy lachte und scherzte bei ihrer Schweizer Premiere charmant mit dem Publikum, band dieses selbstbewusst in ihr Programm ein und animierte es, bei Joe Carroll und Dizzy Gillespie’s «Ooh Shoo Be Doo Bee» mitzusingen und tat dies später – «jetzt wo wir uns kennen ...» – gleich noch einmal mit «Schubidubidu», dem Mitsing-Klassiker schlechthin. 

Und dann war da noch das Pasquale Grasso Trio. Mathias Allamane am Bass, Malte Arndal an den Drums und Grasso selbst. Der 33-jährige Italiener ist Komponist, Jazzmusiker und begnadeter Jazz-Gitarrist. 2002 gewann er den Premio Internazionale Lecco Jazz, 2005 die Eddie Lang National Jazz Guitar Competition und 2015 die Wes Montgomery Competition. Der aus der italienischen Region Kampanien stammende Grasso wurde vom US-amerikanischen Jazz-Gitarristen Pat Metheny gar als der «wahrscheinlich beste Gitarrist unserer Tage» bezeichnet. Und genauso spielte Grasso auch im Dracula Club, stets virtuos und mit sichtlicher Spielfreude, in den Solopassagen liess er sein Können aufblitzen, war betont zurückhaltend, wenn es darum ging, Samara Joys Gesang zu begleiten, diesen mitzutragen und erklingen zu lassen. Pasquale Grasso hat auch an Samara Joys gleichnamigem Debütalbum mitgewirkt. Dieses erschien 2021 bei Whirlwind Recordings und präsentiert unter anderem den Hit und die Single-Auskopplung «Stardust». 

Das Konzert im Dracula Club selbst begann mit einem schnellem Basslauf Allamanes und der vom ersten Ton an äusserst präsenten Stimme Joys. Zusammen mit dem Pasquale Grasso Trio interpretiere sie danach unter anderem «Can’t Get Out of This Mood», welchen Frank Loesser und Jimmy McHugh 1942 für den Film «7 Day’s Leave» komponiert hatten und Frank Sinatra im selben Jahr für Columbia Records aufgenommen hatte oder spielten «Round Midnight» von Thelonious Monk mit den Lyrics von Jon Hendricks. Wetten, dass Samara Joy nicht zum letzten Mal Schlagzeilen schrieb?

Text: Jon Duschletta