Blumen sind bei Giovanolis eine Familienangelegenheit. «Meine Mutter liebt Blumen, und bei uns zu Hause gab es immer Blumen, ob drinnen oder im Garten», sagt Gian Giovanoli. Der Fotograf aus Sils ist bekannt für seine Landschaftsbilder, für Fotoreportagen von Nomadenvölkern, für künstlerische Bilder von Nutztieren oder auch für Food-Fotografie. Aber Blumen? «Ich wollte schon lange eine Ausstellung mit Alpenblumen machen», so Gian Giovanoli. Dass er nun noch bis Dezember die Tiefgarage Serletta mit seinen Bildern zum Erblühen bringen darf, freut ihn deshalb besonders. 

Fotografie ohne KI
Aus der Ferne wirken die 31 grossformatigen, beleuchteten Bilder wie ein Blütenmeer, aus der Nähe ist jede Foto ein kleines Kunstwerk. Es sind poetische Bilder, entstanden mit einer feinen Papierschicht zwischen Objektiv und Motiv. Durch diesen «Milchglaseffekt» entstehen ruhige Porträts der alpinen Flora, die eine gewisse Tiefe ausstrahlen. Wichtig für Gian Giovanoli: Diese Fotografien sind ohne Zuhilfenahme von künstlicher Intelligenz entstanden. Die Blumen hat er entweder direkt in der Natur fotografiert, oder er hat sie gepflückt und im Atelier abgelichtet.

Alpenblumen sind mehr als Blumen
Zusätzlich zur Ausstellung hat das Team der Dokumentationsbibliothek St. Moritz gemeinsam mit dem Biologen Ueli Hartwig eine Broschüre mit Hintergrundinformationen erstellt, mit Namen und Beschreibungen zu jeder Alpenblume sowie einem Literaturverzeichnis zum Nachlesen. «Alpenblumen sind mehr als Blumen», heisst es im Booklet. Das Leben der Engadiner Talbevölkerung sei seit jeher eng mit den Pflanzen der alpinen Bergwelt verbunden. Viele Arten seien tief in der lokalen Kunst und Kultur verankert. 

Sie finden sich beispielsweise in traditionellen Heilmitteln und Rezepten. Auch der Oberengadiner Arzt Jachiam E. Frizzun nutzte um 1700 die heilenden Kräfte der Alpenpflanzen, wie schon seit Jahrhunderten die Kräuterfrauen und Bauern der Region vor ihm. 

Blumen in Traditionen und Märchen
Bis heute schmücken sich die Kinder an Chalandamarz mit bunten Papierblumen, den «Rösas». Blumenmotive zieren auch Hotelhallen und private Villen sowie Hauswände. Besonders lokale Dekorationsmaler verstanden sich sich auf die künstlerische Umsetzung, wie ihre Werke zeigen. In der Broschüre wird der Engadiner Künstler Kaspar Donatsch erwähnt, der etwa den alten Gemeindesaal von St. Moritz (heute der Kindergarten im Schulhaus Dorf) mit floralen Ornamenten bemalte.

In Geschichten und Märchen spielen Blumen ebenfalls eine zentrale Rolle. Ein altes Engadiner Märchen berichtet vom Blumenengel Flurina, der den Menschen drei Wunderblumen schenkte: die gelbe Blume Vivanda gegen den Hunger, die rote Blume Pigna gegen die Kälte und die blaue Blume Allegria gegen die Traurigkeit. Als die Menschen jedoch um die Blumen stritten, nahm Flurina sie ihnen wieder weg. Zur Erinnerung entstanden die Trais Fluors als Mahnmal. «Geblieben ist bis heute der Wunsch nach Freude im Engadiner Gruss: Allegra», heisst es im Booklet.

Ein bisschen Natur im Parkhaus
Rote Lichtnelke, Vergissmeinnicht, Alpenrose oder Edelweiss, aber auch gemeines Leimkraut, langstielige Distel oder Alpen-Margerite können in den Vitrinen von The St. Moritz Design Gallery rund um die Uhr und gratis bewundert werden. «Es ist schön, die Natur in ein Parkhaus bringen zu können», sagt Gian Giovanoli. 

Die Vernissage der Ausstellung «Plus quam flores – more than flowers»lfand vergangene Woche statt. Die ersten Rückmeldungen sind laut dem Fotografen sehr positiv. Die Fahrt mit der Rolltreppe wird jedenfalls um einiges idyllischer, wenn die prächtigsten Alpenblumen vor den Augen vorbeigleiten.