«Dieses Ding soll in meinen Arm?» Das ist der erste Gedanke, der mir durch den Kopf schiesst, als die Pflegefachfrau die Nadel aus der Verpackung nimmt. Wegschauen oder hinschauen? Ich entscheide mich für Letzteres. Schliesslich bin ich nicht nur hier, um Blut zu spenden – ich will auch wissen, wie sich das anfühlt. Neun Minuten später ist alles vorbei. 450 Milliliter Blut füllen den Beutel neben mir. Die Nadel ist längst wieder draussen. Statt Schwindel gibt es ein Sandwich, einen Traubensaft und für die erste Blutspende sogar ein Glas Johannisbeergelee. Viel unspektakulärer hätte mein erstes Blutspenden kaum verlaufen können. Dabei hatte der Abend in Samedan ganz anders begonnen.

Mehr Fragen als erwartet
Noch bevor ich überhaupt eine Liege zu Gesicht bekomme, halte ich einen mehrseitigen Fragebogen in der Hand. Ob ich Medikamente nehme. Ob ich kürzlich operiert wurde. Ob ich im Ausland war. Ob ich Zeckenstiche hatte. Und dann plötzlich Fragen, die ich hier nicht erwartet hätte: neue Sexualpartner, Geschlechtskrankheiten, Drogenkonsum. Ich stocke kurz. 

Nicht, weil ich Mühe hätte, die Fragen zu beantworten. Sondern weil ich mich frage, weshalb das alles für eine Blutspende überhaupt relevant ist. Die Ärztin scheint diese Reaktion zu kennen. Frage für Frage geht sie den Bogen mit mir durch. Nicht, weil sie mir misstraut. Sondern weil sich manche Antworten nicht einfach mit einem Kreuz beantworten lassen. Gleichzeitig erklärt sie mir, weshalb gerade diese Fragen so wichtig sind. «Wenn sich jemand erst vor wenigen Tagen mit HIV oder Hepatitis ange­steckt hat, können unsere Labortests das unter Umständen noch gar nicht erkennen», erklärt sie. Zwischen einer Ansteckung und dem Zeitpunkt, an dem Krankheitserreger zuverlässig nachweisbar sind, liege das sogenannte diagnostische Fenster. Deshalb seien ehrliche Antworten entscheidend – für Menschen, die das Blut später erhalten. Plötzlich ergibt der dicke Fragebogen Sinn.

Wer Blut spenden darf
Blut spenden darf grundsätzlich, wer gesund, mindestens 18 Jahre alt und mindestens 50 Kilogramm schwer ist. Gespendet wird freiwillig und unentgeltlich. Männer dürfen bei guter Gesundheit höchstens viermal, Frauen höchstens dreimal pro Jahr Blut spenden. Zwischen zwei Vollblutspenden müssen mindestens zehn Wochen liegen. Nicht spenden darf, wer sich krank fühlt, kürzlich Fieber hatte oder bestimmte Medikamente einnimmt. Auch nach Zahnbehandlungen, Operationen, Magen- oder Darmspiegelungen, Stechen von Tattoos, Piercings, Zeckenstichen oder Reisen in bestimmte Gebiete gelten Wartefristen. Dass jemand vorübergehend zurückgewiesen wird, ist deshalb nichts Unge­wöhnliches. Es schützt die spendende Person ebenso wie jene Menschen, die das Blut später erhalten. Deshalb werden vor jeder Spende Blutdruck, Puls und Hämoglobin kontrolliert. Mein Ruhepuls von 51 sorgt kurz für eine Rückfrage. «Machen Sie viel Ausdauersport?», werde ich gefragt. Ja. Damit ist das Thema erledigt.

Der grosse Moment
Mit einem kleinen Körbchen in der Hand gehe ich zur Liege. Darin befinden sich der leere Blutbeutel und vier Proberöhrchen, die später im Labor untersucht werden. Die Pflegefachfrau tastet zuerst meinen linken Arm ab. Dann den rechten. «Hier gefällt mir die Vene besser», sagt sie. Und dann ist sie da. Die grosse Nadel. Der Einstich selbst dauert kaum länger als bei einer gewöhnlichen Blutentnahme. Danach beginnt das Warten. Oder besser gesagt: das Drücken. In meiner rechten Hand liegt ein kleiner roter Gummiball in Form eines Bluttropfens. Immer wieder presse ich ihn zusammen. Drücken. Loslassen. Drücken. Loslassen. Fast automatisch finde ich einen Rhythmus. Die Muskeln im Unterarm helfen dabei, dass das Blut gut fliesst. Während der Beutel langsam voller wird, ertappe ich mich immer wieder dabei, hinüberzuschauen. Erstaunlich eigentlich, wie wenig dramatisch ein halber Liter Blut aussieht. Nach rund neun Minuten ist alles vorbei. Nadel raus. Druckpflaster drauf. Noch einen Moment liegen bleiben. Langsam aufsetzen. Beine über die Bettkante. Wieder kurz warten. Schwindlig wird mir nicht.

Eine Spende, drei Leben
Erst nach der Spende wird mir bewusst, dass der Blutbeutel neben mir gar nie als Ganzes verwendet werden wird. Aus einer Vollblutspende entstehen verschiedene Blutprodukte. Die roten Blutkörperchen, das Plasma und – wenn möglich – auch die Blutplättchen werden getrennt und gezielt dort eingesetzt, wo sie gebraucht werden. So kann eine einzige Blutspende bis zu drei Patientinnen oder Patienten helfen. Verwendet werden Blutprodukte unter anderem nach Unfällen, bei Krebsbehandlungen, grossen Operationen oder Geburtskomplikationen. Künstlich herstellen lässt sich Blut bis heute nicht. Vielleicht ist genau das der Grund, weshalb Blutspenden gleichzeitig so alltäglich und so aussergewöhnlich ist. Für die spendende Person bedeutet es eine knappe Stunde Zeit und rund zehn Minuten auf einer Liege. Für jemanden im Spital kann derselbe Beutel Blut den entscheidenden Unterschied machen.

Was bleibt
Als ich das Gebäude verlasse, schmerzt die Einstichstelle leicht. Sonst merke ich nichts. Der Körper ersetzt den Flüssigkeitsverlust innerhalb eines Tages, die roten Blutkörperchen bilden sich in den folgenden Wochen nach. Was bleibt, ist weniger das gute Gefühl, etwas Sinnvolles getan zu haben. Sondern vielmehr die Erkenntnis, wie viele Vorstellungen ich vom Blutspenden hatte – und wie wenige davon stimmten. Ich hatte Respekt vor der grossen Nadel. Vor dem Schwindel. Vor dem Unbekannten. Ein kleiner Stich also. Mit erstaunlich grosser Wirkung. Nicht nur für jene Menschen, die das Blut eines Tages erhalten werden. Sondern auch für mich.

Blut auf Vorrat? Nur bedingt
Nicht jede Blutgruppe ist gleich häufig – und nicht jede ist gleich gut verfügbar. Während rund ein Drittel der Schweizer Bevölkerung die Blutgruppe A positiv hat, kommt AB negativ nur bei etwa einem Prozent vor. Gleichzeitig verändern sich die Blutvorräte täglich. Weil rote Blutkörperchen nur 42 Tage haltbar sind, müssen die Reserven laufend ergänzt werden.

Die häufigsten Blutgruppen in der Schweiz:
A positiv: rund 37 Prozent
A negativ: rund 7 Prozent
0 positiv: rund 35 Prozent
0 negativ: rund 6 Prozent
B positiv: rund 9 Prozent
B negativ: rund 2 Prozent
AB positiv: rund 3 Prozent

Blutvorrat in der Schweiz nach Blutgruppe (Stand 6. Juli 2026):
A positiv: normal
A negativ: tief
0 positiv: tief
0 negativ: kritisch
B positiv: hoch
B negativ: tief
AB positiv: hoch 
AB negativ: tief
(Quelle: Blutspende SRK Schweiz)

Autorin: Sina Margadant
Fotos: Blutspende SRK Schweiz