Wenn am Abend des 1. August auf den Bündner Bergen die Dämmerung einsetzt, bleiben vielerorts die Gipfel dunkel. Wegen der anhaltenden Trockenheit gilt in grossen Teilen Graubündens ein absolutes Feuerverbot. Davon betroffen sind auch die traditionellen Höhenfeuer, die seit Generationen zum Nationalfeiertag gehören. Nicht nur Graubünden kämpft mit Trockenheit. Auch in weiten Teilen der Schweiz herrscht derzeit grosse bis sehr grosse Waldbrandgefahr. Zahlreiche Kantone haben Feuerverbote oder Einschränkungen erlassen. Das Oberengadin gehört aktuell zu den wenigen Regionen, in denen die Lage noch etwas weniger angespannt ist. Doch auch hier beobachten die Behörden die Entwicklung von Tag zu Tag.

Im Oberengadin hingegen ist die Situation anders. Hier gilt derzeit kein absolutes Feuerverbot. Höhenfeuer wären grundsätzlich möglich – sofern sie mit der Standortgemeinde abgesprochen werden und die örtlichen Gegebenheiten es zulassen. Eine generelle Entwarnung sei das jedoch keineswegs, betont Andrea Kaltenbrunner vom Amt für Wald und Naturgefahren. «Auch in höheren Lagen ist es dieses Jahr aussergewöhnlich trocken», sagt er. Zwar seien die Temperaturen oberhalb der Waldgrenze tiefer als im Tal, doch der schneearme Winter und die ausbleibenden Niederschläge hätten auch dort ihre Spuren hinterlassen.

Die Gefahr fliegt mit dem Wind
Entscheidend sei weniger der Standort des Feuers als dessen Wirkung auf die Umgebung. «Das grösste Risiko geht vom Funkenflug aus», erklärt Kaltenbrunner. Glut könne über grosse Distanzen verweht werden. Hinzu komme, dass beim Abbrennen Holzstücke aus dem Feuer fallen und den Hang hinunterrollen könnten. Gelangten sie in trockenes Gras oder in bewaldete Bereiche, könne daraus rasch ein Brand entstehen. In den Regionen mit absolutem Feuerverbot gebe es deshalb keine Ausnahmen. Dort seien sämtliche Feuer im Freien – und damit auch Höhenfeuer – untersagt.

Vom Warnsignal zum Brauchtum
Dabei reicht die Geschichte der Höhenfeuer weit zurück. Ihr Ursprung liegt vermutlich in den Hochwachten des 15. Jahrhunderts. Damals dienten die Feuer nicht der Feststimmung, sondern als Warn- und Alarmsystem. Drohte Gefahr, wurden auf markanten Anhöhen Feuer entzündet. Von Berg zu Berg gaben sie die Nachricht weiter und mobilisierten die wehrfähigen Männer. Damit gehörten die Hochwachtfeuer zu den ersten Kommunikationsmitteln über grössere Distanzen. Mit der Einführung der optischen und später der elektrischen Telegrafie verloren die Feuer im 19. Jahrhundert ihre militärische Bedeutung.

Verschwunden sind sie deshalb aber nicht. Als der 1. August ab 1891 zum Nationalfeiertag wurde, entwickelte sich aus den einstigen Warnfeuern nach und nach ein fester Bestandteil der Bundesfeier. Seither erinnern die Höhenfeuer vielerorts an die Entstehung der Eidgenossenschaft und stehen sinnbildlich für Zusammenhalt und Gemeinschaft. Bis heute gehören sie in vielen Bergregionen ebenso selbstverständlich zum Nationalfeiertag wie Lampions, Festreden oder die Nationalhymne. Oft werden sie von Vereinen oder freiwilligen Helferinnen und Helfern vorbereitet – und gerade deshalb fällt der Entscheid, in trockenen Jahren auf die jahrzehntealte Tradition zu verzichten, vielen Organisatoren nicht leicht. Der diesjährige Sommer zeigt jedoch eindrücklich, dass auch lang gepflegte Bräuche immer wieder an neue Gegebenheiten angepasst werden müssen.

Verantwortung geht vor Tradition
Ob im Oberengadin tatsächlich überall Höhenfeuer entzündet werden, entscheiden letztlich die Gemeinden und Organisatoren. Das Amt für Wald und Naturgefahren empfiehlt, die Situation vor Ort sorgfältig zu beurteilen und die Entwicklung der Waldbrandgefahr genau zu verfolgen.
Andrea Kaltenbrunner rechnet bis zum Nationalfeiertag nicht mit einer Entspannung. Im Gegenteil: Die angekündigten hohen Temperaturen dürften die Böden weiter austrocknen, während ergiebige Niederschläge weiterhin nicht in Sicht sind. Auch wenn Höhenfeuer im Oberengadin derzeit grundsätzlich noch möglich wären, sei eine sorgfältige Risikoabwägung unerlässlich.

Die Erfahrungen der vergangenen Jahre zeigten zwar, dass sich die Bevölkerung mehrheitlich an Feuerverbote halte. Trotzdem appellieren die Behörden an Einheimische und Gäste, besonders verantwortungsvoll zu handeln. Ein unachtsamer Funke genügt unter den aktuellen Bedingungen, um einen Brand auszulösen – und aus einer jahrhundertealten Tradition innert weniger Minuten einen gefährlichen Feuerwehreinsatz werden zu lassen.

Autorin: Sina Margadant
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