Von Hitzetagen wie im Unterland bleibt das Engadin meist verschont. Doch auch auf 1700 Metern über Meer sind hohe Temperaturen längst keine Seltenheit mehr. Bis Anfang August wurden in Samedan im laufenden Sommer bereits 48 Tage mit einer Höchsttemperatur von mindestens 20 Grad registriert. Das sind viele – aber noch kein Rekord. Im Hitzesommer 2003 waren es 68 solcher Tage. Auch die bisher höchste Temperatur dieses Sommers von 27,6 Grad liegt unter dem Samedaner Rekord: Dieser stammt aus dem Jahr 1952 und beträgt 30,1 Grad.

Sehr warme Sommer häufen sich
Die Messreihe zeigt ein deutliches Bild. Gegenüber der vorindustriellen Referenzperiode von 1871 bis 1900 hat sich der Sommer in Samedan im Mittel um 2,7 Grad erwärmt. Auffällig ist insbesondere die Häufung sehr warmer Sommer in jüngster Vergangenheit. Sechs der zehn wärmsten Sommer seit Messbeginn fallen in die Zeit seit 2012.

An der Spitze steht nach wie vor der aussergewöhnliche Hitzesommer 2003 mit einer Durchschnittstemperatur von 13,87 Grad. Dahinter folgen 2022 mit 13,27 und 2024 mit 13,23 Grad. Der Sommer 2015 belegt mit 13,20 Grad Rang vier, 2019 folgt mit 12,90 Grad auf Rang fünf. Einzelne au­sser­gewöhnlich warme Sommer gab es also schon früher. Die langfristige Entwicklung zeigt aber, dass hohe Sommertemperaturen zunehmend häufiger auftreten.

Das entspricht dem gesamtschwei­zerischen Bild. Laut MeteoSchweiz war seit den 1960er-Jahren jedes Jahrzehnt wärmer als das vorherige. In der Schweiz ist die Durchschnittstempe­ratur bis 2024 gegenüber der vorindustriellen Zeit um rund 2,9 Grad gestiegen – etwa doppelt so stark wie im Vergleich zum globalen Durchschnitt. Interessant für eine Bergregion wie das Engadin: Im Sommer erwärmten sich die Bergregionen stärker als die tiefen Lagen.

Auch der Frühling legt deutlich zu
Nicht nur die Sommer werden wärmer. Das Gefühl, dass es im Engadin bereits früh im Jahr ungewöhnlich mild ist, lässt sich zumindest im langfristigen Trend bestätigen. Im Frühling beträgt die Erwärmung in Samedan gegenüber der vorindustriellen Referenzperiode sogar 2,9 Grad. Der Frühling 2026 gehört dabei zu den wärmsten seit Messbeginn: Mit einer Mitteltemperatur von 3,33 Grad liegt er auf Rang vier. Wärmer war es lediglich 2007 mit 3,90 Grad sowie 2011 und 2017 mit jeweils 3,37 Grad. Auch hier zeigt sich eine klare Häufung der wärmsten Frühlinge innerhalb der vergangenen 20 bis 30 Jahre.

Für Höhenlagen existieren ebenfalls Messreihen. Auf dem Piz Corvatsch beispielsweise misst MeteoSchweiz auf 3294 Metern über Meer. Diese Reihe ist allerdings deutlich kürzer als jene von Samedan. Allgemein zeigt sich laut MeteoSchweiz: In den Bergen werden Warmphasen mit fortschreitendem Klimawandel wärmer und länger. Sie können im Jahresverlauf früher auftreten und sich bis ans Jahresende bemerkbar machen.

Aussergewöhnlich – aber häufiger
Ist der Sommer 2026 also bereits der neue Normalfall? Noch nicht. MeteoSchweiz bezeichnet ihn im heutigen Klima weiterhin als aussergewöhn­lich. Die Richtung für die kommen­den Jahrzehnte ist jedoch klar. Ohne eine drastische Senkung der globalen Treibhausgasemissionen werden sich alle Jahreszeiten weiter erwärmen.

Die Klimaszenarien von MeteoSchweiz und der ETH Zürich zeigen, welche Dimensionen diese Entwicklung annehmen könnte. Bei einer globalen Erwärmung von drei Grad gegenüber der vorindustriellen Zeit wird für die Schweiz eine mittlere Erwärmung von 4,3 bis 5,7 Grad erwartet. Ein für das heutige Klima aussergewöhnlich warmes Jahr wie 2022 wäre unter solchen Bedingungen normal; künftige Spitzenjahre könnten noch deutlich wärmer ausfallen. Gerade im Sommer ist die Verände­rung spürbar. Die aktuellen Schweizer Klimaszenarien gehen in einer global um drei Grad wärmeren Welt von durchschnittlich 5,7 Grad höheren Sommertemperaturen gegenüber der vorindustriellen Zeit aus.

Was folgt auf den Hitzesommer?
Was bedeutet ein aussergewöhnlich warmer Sommer für den kommenden Winter? Wenig, zumindest für eine saisonale Vorhersage. Ein direkter Zusammenhang zwischen dem Wetter im Sommer und dem darauffolgenden Winter sei nach dem Kenntnisstand von MeteoSchweiz nicht zu erwarten, heisst es auf Anfrage. Auf einen Hitzesommer kann also ebenso ein kalter wie ein milder Winter folgen.

Langfristig zeigt der Trend jedoch auch im Winter nach oben. Mit den steigenden Temperaturen steigt die Nullgradgrenze, während Schnee- und Frosttage tendenziell abnehmen. Die Klimaerwärmung betrifft damit nicht nur jene Monate, in denen selbst im Engadin das Thermometer immer öfter ungewöhnlich weit nach oben klettert. (Quelle: MeteoSchweiz)

Autorin: Sina Margadant
Grafik: MeteoSchweiz