Die Bündner Südtäler haben schon lange Probleme mit der Trockenheit, viel länger als das Engadin. Im Bergell gab es an Extremstandorten bereits vor Mitte Juli Verfärbungen von gewissen Baumarten. Im Unterengadin sind diese erst seit drei, vier Wochen sichtbar. «Im Oberengadin fielen lange Zeit etwas mehr Niederschläge als im Unterengadin, doch mittlerweile hat sich die Lage auch oberhalb von Zernez verschärft. Derzeit ist es interessant zu beobachten, dass die Wälder in extremen Lagen noch keine schweren Schäden aufweisen – das wird wohl nur eine Frage der Zeit sein», sagt Giorgio Renz. Er ist Regionalforstingenieur Waldökologie für Südbünden beim Amt für Wald und Naturgefahren.  

Bei längeren Trockenperioden passiert mit dem Wald kurzfristig nicht so viel, mittelfristig wird es aber schwierig. Als Beispiel nennt Renz die Zunahme an Schädlingen. «Letztes Jahr war es relativ nass und frisch, weswegen die Borkenkäferpopulation kleiner geworden ist und wir weniger Schäden hatten», erklärt er. Die aktuellen trockenen und heissen Bedingungen schwächen die Bäume. Darum geht der Regionalforstingenieur davon aus, dass die Problematik der Borkenkäfer nächstes Jahr wieder viel stärker beschäftigen wird.  

Junge Bäume sterben 
Die Trockenheit schwächt die Bäume. Je nach Standort leidet auch die Biodiversität, vor allem an feuchten Standorten. «Gewisse Sumpf- und Auenwälder, die zu wenig Wasser haben, sind besonders betroffen. Zurzeit reagieren bei uns vor allem Hochstaudenwälder sehr sensibel auf Trockenheit», sagt Renz. Durch die Hitze und Trockenheit verändert sich auch seine Arbeit. «In diesem Sommer waren wir jeden zweiten Tag im Wald und haben die Trockenheit mit Proben und Formularen beurteilt», erzählt er. Damit sei viel Aufwand verbunden.  

In einzelnen Waldlichtungen nach Holzschlägen - auf günstige Kleinstandorte für Waldverjüngung - sind einige junge Bäume (Sämlinge) gestorben, was einen Einfluss auf die Baumgenerationen hat. «Das tut ein bisschen weh», sagt der Regionalforstingenieur. 

Waldbrandbekämpfung gut planen
Renz und die Revierförsterinnen und Revierförster können wenig tun, um die Situation des Waldes unmittelbar zu verbessern. Präventive Massnahmen sind zum Beispiel beim Thema Waldbrand möglich. Konkret: mit einer guten Planung und Umsetzung von neuen Wasserentnahmestellen an strategischen Standorten für die Waldbrandbekämpfung. «Wir haben gewisse Lücken, die unter anderem topographisch bedingt sind», erläutert er. Als Beispiel nennt er das Gebiet La Jürada bei Vnà, wo das Wasser vom Helikopter immer noch vom Inn geholt werden muss. Derzeit werden verschiedene Ideen geprüft, eine davon ist ein Teich anzulegen, der auch landschaftlich gut im Inventar-Gebiet Piz Arina eingebettet ist.  

Schutzwälder werden geschwächt
Als Forstingenieur arbeitet Renz mit Höhenstufen. Je nach Waldstufe herrschen unterschiedliche Bedingungen und es gibt verschiedene Potenziale für Baumarten. Die Trockenheit hat je nach Stufe einen anderen oder stärkeren Einfluss auf die Bäume. Im Unterengadin ist die hochmontane Stufe sehr dominant. Typisch für diese Stufe sind Fichtenwälder und an Extremstandorten Waldföhrenwälder. «Dort erwarte ich die grössten Umwandlungen, dort haben wir auch die grössten Herausforderungen», meint Renz.  

Die meisten Schutzwälder sind südexponiert und sind Fichtenwälder. Die Fichte hat schon jetzt Schwierigkeiten mit der Trockenheit. Grossflächige Schäden würden die Schutzwirkung des Waldes gegen Lawinen beeinträchtigen. «Unsere Idee ist, Samenbäume von künftig wichtige Baumarten im Bestand zu haben, damit wirlangfristig Naturverjüngung von klimafitten Baumarten möglich ist», erläutert Renz. 

Eichen sind sehr klimafit
Baumarten, die klimafit sind, sind in unserer hochmontanen Stufe noch sehr selten. Als Gegenbeispiel nennt der Experte die kolline Stufe, wie sie auch im Puschlav besteht. Rund um den See und in Brusio wachsen bereits kleine Eichen, auch auf 1'000 müM! Eichen sind sehr klimafit. Im Engadin haben sie allerdings noch Schwierigkeiten zu bestehen, wegen des Spätfrosts und weil sie die Blätter auch im Winter tragen und den Schneedruck nicht aushalten.  

«Das derzeitige Konzept sieht punktuelle Pflanzungen vor und keine grossflächigen Anpflanzungen, vor allem um das Waldklima und die Schutzfunktion zu erhalten». In Zukunft gelte es, mehr klimafitte Baumarten zu pflanzen. Allerdings müssten diese dann besser vor Wild geschützt werden, da sie verbissempfindlich sind.