Die Nächte werden kühler, die Tage feuchter, die Jagdsaison hat begonnen, und in der Natur schleichen sich langsam die ersten herbstlichen Farbtöne ein. Noch hält sich das grosse Goldspektakel zurück. Doch lange dürfte es nicht mehr dauern, bis die Lärchenwälder im Engadin wieder orange und gold-gelb leuchten und Einheimische wie Gäste die Wanderschuhe schnüren. Der passende Moment also für eine Frage, die kürzlich auch bei uns in der Redaktion für Diskussionen sorgte. Ein Kollege behauptete, er brauche beim Wandern grundsätzlich länger, als auf den Wegweisern angegeben. Eine Kollegin und ich hielten dagegen: Wir sind meistens schneller. Wer von uns macht nun etwas falsch?
Vermutlich niemand. Denn die Zahl auf dem Wegweiser weiss weder wie trainiert wir sind noch ob wir gerade einen besonders guten Tag erwischt haben. Und sie weiss erst recht nicht, ob wir unterwegs alle fünf Minuten stehen bleiben, weil die Aussicht schon wieder ein Foto verlangt.
Der Mythos vom schnellen Bündner
Die Frage, an wem sich die Wanderzeiten orientieren, ist durchaus berechtigt. Denn früher wurden die Zeiten tatsächlich erlaufen. Bis in die 1980er- Jahre war es üblich, Menschen auf die Wanderwege zu schicken und anhand ihrer Begehungen die Zeitangaben festzulegen. Allerdings wurde das nicht überall gleich gehandhabt. Manche Gemeinden schickten immer dieselben Personen los, damit die Zeiten innerhalb der Region möglichst gut vergleichbar waren. Andere setzten bewusst auf unterschiedliche Testwandernde – Kinder, Erwachsene und ältere Menschen – und errechneten daraus einen Durchschnitt.
Und dann gibt es da noch ein besonders hübsches Gerücht: Die Bündner sollen früher ihre fittesten Wanderinnen und Wanderer losgeschickt haben. Deshalb, so der Mythos, sei es in Graubünden besonders schwierig, mit den angegebenen Zeiten Schritt zu halten. Unser Kollege könnte sich also zumindest darauf berufen. Nur leider hilft ihm diese Ausrede heute nicht mehr.
Mathematik statt Testwanderer
Denn inzwischen marschiert niemand mehr mit Stoppuhr durchs ganze Land. Laut Schweizer Wanderwege, dem Dachverband fürs Wandern, werden Wanderzeiten heute automatisch mit einer Software berechnet. Grundlage dafür ist eine mathematische Formel, die Stephan Weber, der Sohn eines Mitarbeiters des Bundesamtes für Landestopografie, in den 1980er-Jahren hergeleitet hat. Seit 2006 wird sie schweizweit offiziell für die einheitliche Berechnung der Wanderzeiten eingesetzt. Berücksichtigt werden dabei die Länge des Weges und die Steigungsverhältnisse. Nicht berücksichtigt werden hingegen die Beschaffenheit der Wegoberfläche oder der persönliche Fitnesslevel des Wandernden. Ob jemand topfit ist oder nach dem ersten Aufstieg bereits nach der Znünipause fragt, spielt für die Berechnung also keine Rolle.
Und noch etwas ist wichtig: Pausen sind in der angegebenen Wanderzeit ebenfalls nicht enthalten. Wer unterwegs gemütlich sein Sandwich auspackt, den Bergsee fotografiert oder eine halbe Stunde auf einer Sonnenterrasse sitzen bleibt, darf diese Zeit selbst dazurechnen. Dass die einen schneller und die anderen langsamer sind als der Wegweiser, ist deshalb kein Fehler im System. Die Zeitangabe ist ein einheitlicher Richtwert – kein persönlicher Leistungstest.
Manchmal wird nachgemessen
Ganz ohne menschliches Zutun geht es allerdings auch heute noch nicht immer. Bei sehr steilen oder schwierig zu begehenden Wegen werden teilweise weiterhin individuelle Begehungen durchgeführt, um eine realistische Wanderzeit zu bestimmen. Eine interessante Besonderheit gibt es zudem bei Wegweisern, die eine Bergstation als Ziel angeben: Hier wird die Wanderzeit zum Teil leicht aufgerundet. Nicht etwa, um müde Wandernde zu beruhigen, sondern aus einem sehr praktischen Grund – damit sie die letzte Bahn ins Tal nicht verpassen.
Wegweiser ohne Zeitangaben
Wer nun beim nächsten Spaziergang sämtliche Wegweiser einer Qualitätskontrolle unterzieht, wird feststellen: Nicht überall steht eine Wanderzeit. Das kann laut Wanderwege Schweiz mehrere Gründe haben. Bei sehr kurzen Strecken von weniger als 15 Minuten wird teilweise darauf verzichtet. Auch an unübersichtlichen Knotenpunkten mit vielen verschiedenen Zielorten können Zeitangaben fehlen. Dasselbe gilt für Rund- und Themenwege, bei denen weniger das möglichst zügige Erreichen eines Ziels als vielmehr das Erlebnis unterwegs im Vordergrund steht.
Und schliesslich gibt es schwierige Routen wie Klettersteige, bei denen die benötigte Zeit stark von der persönlichen Kondition abhängt. Grundsätzlich finden sich Zeitangaben an Ausgangspunkten, etwa bei ÖV-Haltestellen, an Endpunkten wie Bergstationen sowie bei Zwischenzielen. Schweizweit informieren rund 50 000 Wegweiserstandorte über Wegkategorie, Ziele und – wo vorgesehen – die entsprechenden Zeiten. Reine Richtungszeiger an Wegverzweigungen besitzen dagegen keine Ziel- und damit auch keine Zeitangaben.
Nicht jede Route verlangt dasselbe
Mindestens genauso wichtig wie die Zahl hinter dem Ziel ist ein weiterer Hinweis auf dem Wegweiser: die Wegkategorie. Denn Farbe und Markierung verraten, welche Anforderungen unterwegs warten. Bergwanderwege sind auf den Wegweisern weiss-rot-weiss gekennzeichnet. Sie können durch unwegsames Gelände führen und sind überwiegend steil, schmal und teilweise exponiert. Besonders schwierige Stellen können mit Seilen oder Ketten gesichert sein. Wer hier unterwegs ist, sollte trittsicher und schwindelfrei sein, über eine gute körperliche Verfassung verfügen und Gefahren im Gebirge wie Steinschlag, Rutsch- und Absturzgefahr oder Wetterumschwünge kennen. Empfohlen werden feste Schuhe mit griffiger Sohle, eine der Witterung angepasste Ausrüstung und topografische Karten.
Noch anspruchsvoller sind Alpinwanderwege, erkennbar an der weiss-blau-weissen Markierung. Sie können über Schneefelder, Gletscher oder Geröllhalden führen, kurze Kletterstellen enthalten und teilweise sogar weglos verlaufen. Bauliche Sicherungen können nicht vorausgesetzt werden. Entsprechend braucht es sehr gute körperliche Voraussetzungen, Trittsicherheit, Schwindelfreiheit und sehr gute Kenntnisse der Gefahren im Gebirge. Je nach Route können zusätzlich Kompass, Seil, Pickel oder Steigeisen nötig sein. Mit anderen Worten: Nicht nur schauen, wie lange es noch geht. Auch schauen, welche Farbe den Weg weist.
Der Wegweiser wandert nicht mit
Bleibt die Ausgangsfrage: Wer hat nun recht – jene, die schneller sind als die angegebene Zeit, oder jene, die länger brauchen? Beide. Die Wanderzeit auf dem Wegweiser ist keine Vorgabe und schon gar keine Challenge. Sie ist ein standardisiert berechneter Richtwert. Kondition, Erfahrung, Wetter, Pausen und das persönliche Tempo reisen auf keiner Formel mit. Und vielleicht ist genau das im Engadiner Herbst ohnehin nebensächlich. Wenn sich die Lärchen erst einmal golden färben, darf man für eine Wanderung ruhig etwas länger brauchen. Selbst dann, wenn der Wegweiser behauptet, man hätte längst da sein können.
Autorin: Sina Margadant
Fotos: Sina Margadant / Reto Stifel
Diskutieren Sie mit
Login, um Kommentar zu schreiben