Samstagmittag in Guarda. Touristen schlendern durch die pittoresken Gassen. Die Sonne scheint, die Temperaturen sind angenehm. Vor dem Restaurant Crusch Alba sind alle Tische besetzt. Einige der Gäste haben sich spontan zu einem Imbiss entschieden, nachdem sie erfahren haben, dass die Ziegen nicht «wie im Internet» angekündet zwischen 12.00 und 13.00 Uhr, sondern erst um 13.30 Uhr im Dorf erwartet werden. Andere verharren geduldig mit der Kamera an der Hauptstrasse oder laufen in Richtung Schellenursli-Weg, wo sie sich auf den Wiesen hinsetzen und die Aussicht geniessen.
«Der Treffpunkt, wo die Ziegen noch geschmückt werden, ist an der Kreuzung, bei der grossen Lärche oberhalb des Dorfes», informiert die Wirtin Sophie Badel. Es sind keine zehn Minuten Fussweg bis dorthin. Hier wartet bereits eine kleine Menschengruppe. Um 12.30 Uhr trifft die erste Ziegenherde mit den Hirten Yannick und Eliana ein. Die 70 Milchziegen sind wegen ihrer Glöckchen schon von Weitem zu hören. Eine Traube von Schaulustigen schart sich um einen mobilen Pferch, in den die Tiere getrieben werden. Hier werden die Ziegen noch für den Umzug durchs Dorf schick gemacht – mit bunten Halsbändern und Troddeln. Der wunderschöne Kopfschmuck mit Zweigen, Blumen und Beeren wird zuletzt angebracht – eine Delikatesse, wie einige der Ziegen schnell feststellen.
Ziegen muss man lieben
Währen die Tiere im Pferch von Bauern und Hirten geschmückt werden, trifft die zweite Ziegenherde ein. Es sind rund 120 Tiere, die auf eine eingezäunte Wiese getrieben werden. Diese Ziegen geben keine Milch. Es hat Jungtiere dabei ebenso wie intensiv riechende, imposante Ziegenböcke. «Da ist Heidi», ruft ein Mädchen. Sie hat ihre Ziegen sehnlichst erwartet und versucht nun, auch noch die Hildi ausfindig zu machen. Ihre Mutter lächelt über die Aufregung der Tochter. Jedes ihrer vier Kinder hat eigene Ziegen. Sie halten diese auf ihrem Bauernhof in Ftan aber «nur aus Freude an den Tieren».
Auch Lydiana Schweizer aus Sent hält Ziegen als Hobby. «Willst du Ziegen halten, musst du wirklich Fan sein und eine besondere Leidenschaft für diese Tiere empfinden, denn sie können einem den letzten Nerv rauben», sagt sie. Diese Tiere seien eigensinnig und schlau.
Vor Ort sind auch Familien oder Personen, die eine Ziegenpatenschaft von Coop übernommen haben. Damit unterstützen sie die Ziegenalpen Alp Suot bei Guarda und Alp Valmala bei Ardez sowie andere damit verbundene Projekte in den Schweizer Bergen. Im Gegenzug erhalten sie ein Foto «ihrer» Ziege und ein Stück Ziegenkäse. Der Alpabzug ist für die Ziegenpatinnen und Ziegenpaten eine schöne Gelegenheit, ihr Patentier vor Ort zu treffen.
Ein Alpsommer ohne Wolf
Die Ziegenhalterinnen und -halter sind nicht nur aus Guarda und den Nachbardörfern, sondern auch aus Samnaun und aus der Val Müstair. Einige Ziegen kommen sogar aus dem Kanton St. Gallen. Maisha Joss aus Valchava führt gemeinsam mit Janic Spinnler den Bain Bun und sagt: «Für einen Betrieb, wie wir ihn haben, und die steilen Hänge, die wir bewirtschaften, sind die Ziegen schon nützlich.» Ziegen eignen sich hervorragend zur natürlichen Entbuschung und Landschaftspflege, da sie gerne Gehölze, junge Bäume oder Alpenrosen fressen. Sie sind trittsicher und pflegen so unwegsames oder steiles Gelände, das mit Maschinen kaum zu erreichen ist. Bain Bun stellt auch Käse mit der Milch der sieben Ziegen her. «Wir haben sie diesen Sommer mehrmals besucht, sie hatten es gemütlich», erzählt Maisha Joss.
Das kann auch Hirtin Eliana bestätigen. Sie kommt aus Deutschland und ist bereits das zweite Jahr auf der Alp Suot tätig gewesen. «Wir hatten einen richtig guten Sommer», sagt sie. Der Wolf sei lediglich im Nachbartal unterwegs gewesen. Auch Wasser gab es für die Ziegenalp genug. Die Kühe weiter oben hätten die Trockenheit eher zu spüren bekommen. Besonders schön empfand Eliana die Unterstützung von Hirtenhund Luna, die der Alpmeister diesen Sommer ausgeliehen hat. «Der Hund erleichtert die Arbeit sehr.» Der Alpabzug erfüllt Eliana mit etwas Wehmut. «Es ist noch so schönes Wetter, da müssten wir eigentlich noch gar nicht ins Tal», meint sie lächelnd. Aber der Termin sei schon frühzeitig gesetzt worden, auch wegen der Ziegenpatenschaft von Coop.
Ziegen – ein Publikumsmagnet
13.15 Uhr: Die Milchziegen sind geschmückt, die anderen Ziegen, Böcke und Jungtiere haben den kurzen Aufenthalt auf der Wiese für eine kleine Stärkung genutzt. Es kann losgehen, vorbei an der grossen Lärche, den Feldweg runter, neugierig die Menschen am Strassenrand beäugend, meckernd schreiten die Tiere in Richtung Dorf. Ein Mädchen mit Blumenkranz im Haar und ein Junge in Bauernbluse und mit Tirolerhut führen den Alpabzug gemeinsam mit den Hirten an.
Das Bild der Ziegen, die zwischen dickbäuchigen Engadinerhäusern die gepflästerte Hauptstrasse von Guarda entlanglaufen, begeistert das zahlreich erschienene Publikum. Es wird fotografiert und gefilmt, gewunken und sogar geklatscht. Der Umzug führt bis nach Plaz und dann zwischen zwei Häusern durch eine schmale Gasse bis zu einem eingezäunten Hang. Hier können die Tiere noch verweilen und saftiges Gras fressen, während die Menschen zusammen auf einen erfolgreichen Alpsommer anstossen.
Alp Suot statt Alp Laver
Alpmeister Reto Viletta blickt zufrieden auf die 190 Tiere auf dem Hang. «Wir haben nur eine Ziege verloren, und das nicht wegen des Wolfes, das ist eine gute Bilanz», erzählt er. Dass es dieses Jahr so viele Ziegen in Guarda hat, hängt damit zusammen, dass die 120 Tiere, die nicht gemolken werden, die Jungtiere und die Böcke bis im vergangenen Sommer auf der Alp Laver bei Sent waren. Nach schlechten Erfahrungen mit dem Wolf wurde die Ziegenalp diesen Sommer nicht mehr bestossen.
Reto Viletta lobt die Arbeit der Hirtinen und Hirten. «Es wird immer schwieriger, gutes Alppersonal zu finden, wir hatten Glück», sagt er. Auch ist er froh, dass die Tiere nicht früher ins Tal geholt werden mussten, vor allem die Kühe. Diese werden in Etappen ins Tal geführt, die Kühe früher als das Jungvieh. Deswegen gibt es auch keinen Alpabzug der Kühe mehr in Guarda.
Umso feierlicher ist der Alpabzug der Ziegen. Hier treffen sich nebst vielen Gästen und Einheimischen auch die Bauern zum Austausch. Cla-Duri Peer aus Ftan unterhält sich kurz vor dem Apéro noch mit Anton Schafroth aus Lavin. «Wir hatten immer Ziegen», sagt Peer. Zwölf Ziegen hat er insgesamt, davon waren drei auf der Alp Suot und der Rest sei noch auf der Alp Valmala. Der Alpabzug von Ardez findet eine Woche später statt. Ziegen seien schon sehr spezielle Tiere. «Im wahrsten Sinne des Wortes ‹Zicken›», sagt Peer lachend. Anton Schafroth, der 23 Ziegen besitzt, ergänzt schmunzelnd: «Man spart sich den Psychiater, wenn man Ziegen hat.»
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