Die Entscheidung mit dem Kopf ist einfach gemacht. Mit dem Herzen weniger. So beschreibt Julia de Salis den Moment, in dem klar wurde, dass ein grosser Teil des Familienarchivs aus dem Palazzo Salis in Bondo nach Chur kommen soll. Natürlich sei das eine gute Idee, habe sie zunächst gedacht. Doch dann sei da dieses andere Gefühl gewesen: «Hang on a minute.» Schliesslich stehen all diese alten Bücher und Dokumente seit Generationen hier. Und sie seien wunderschön.

An diesem Tag stehen nun Sandro Decurtins, Staatsarchivar des Kantons Graubünden und Flurina Camenisch, stellvertretende Staatsarchivarin, im Archivzimmer des Palazzo. Zwei Tage haben sie eingeplant, um den Bestand durchzugehen. Was soll bereits jetzt ins Staatsarchiv? Was bleibt vorerst bei der Familie? Und was gehört zwar zur historischen Bibliothek des Hauses, aber nicht in ein Archiv? Rund 50 Laufmeter umfasst der Bestand. Damit ist Salis-Bondo eines der letzten grösseren Familienarchive der von Salis, das sich noch bei der Familie selbst befindet. Viele andere Bestände des weitverzweigten Geschlechts sind längst ins Staatsarchiv gelangt.

Lücken im Gedächtnis
Für Decurtins liegt die Bedeutung der Dokumente weit über der Geschichte einer einzelnen Familie. Die von Salis gehörten neben den von Planta zu den einflussreichsten Familien des Freistaats der Drei Bünde. Und gerade dessen politische Struktur macht private Familienarchive heute besonders wertvoll. Im 17. und 18. Jahrhundert habe es vergleichsweise wenig von dem gegeben, was heute als staatliche Aktenüberlieferung verstanden werde, erklärt Decurtins. Viele Aufgaben lagen bei einzelnen Amtsträgern. Was die einzelnen Amtsträger niederschrieben und aufbewahrten, landete deshalb nicht selten im eigenen Familienarchiv. Unterlagen über politische Geschäfte, Verwaltung oder die Untertanengebiete können sich so heute in privaten Beständen finden – während sie im Staatsarchiv selbst fehlen.

«Wir sind in Graubünden wirklich darauf angewiesen, dass die grossen alten Familien ihre Archive zugänglich machen», sagt Sandro Decurtins. Das Archiv Salis-Bondo ist dabei kein völlig unbekannter Schatz. Teile wurden bereits vor Jahrzehnten mikroverfilmt. Doch die Originale blieben in Bondo. Nun können sie ins Staatsarchiv gelangen, dort fachgerecht gelagert und vor allem systematisch erschlossen werden.

Nicht nur für die Familie
Auch bei Julia de Salis musste dieser Gedanke erst wachsen. Sie ist eine von vier Schwestern, die den Familienbesitz in Bondo übernommen haben. Aufgewachsen ist sie in England, sie und ihre Schwestern verbringen den Sommer aber schon seit ihrer Kindheit jeweils im Palazzo in Bondo. Lange war ihr gar nicht vollumfänglich bewusst, welche historische Bedeutung der Name Salis in Graubünden besitzt. Eine Freundin habe ihre Sicht auf das Archiv schliesslich verändert. Die Schriftstellerin Antonia Bertschinger arbeitete für ihre Recherchen zu Hexenprozessen mit Unterlagen aus Bondo. In alten Briefen fand sie nicht nur Familienangelegenheiten, sondern Hinweise auf das Leben und die Ereignisse jener Zeit. Sie habe ihr danach sinngemäss gesagt: Dieses Archiv sei nicht nur für die Familie da. Es müsse auch anderen Menschen zur Verfügung stehen.

Für Julia wurde das zum entscheidenden Argument. Zwar durfte auch bislang nach vorheriger Anfrage im Familienarchiv geforscht werden. Doch ein privater Palazzo im Bergell kann kaum dieselben Möglichkeiten bieten wie ein öffentliches Archiv.

Hinzu kommt die Frage der Erhaltung. Wollte man in Bondo dauerhaft optimale klimatische Bedingungen schaffen, die Dokumente fachgerecht lagern und gleichzeitig einen geregel­ten Zugang ermöglichen, wäre der Aufwand enorm. Und Julia denkt auch an die Naturgewalten, die das Bergell erfahren hat. Der Bergsturz von Bondo habe ihr vor Augen geführt, sagt sie, dass letztlich jederzeit etwas geschehen könne.

Erinnerungen an den Vater
Dass ihr die Übergabe dennoch schwerfällt, hat auch mit ihrem Vater zu tun. Der englische Graf Charles de Salis ist erst vor wenigen Wochen verstorben. Julia erzählt, wie sie mit ihm jeweils mehrere Wochen am Stück gemeinsam in Bondo verbrachte. Viel Zeit hätten die beiden im Archiv verbracht, Dokumente betrachtet und über die Familie gesprochen. Ihr Urgrossvater hatte das Archiv in seiner heutigen Form eingerichtet; zahlreiche alte Dokumente waren aus dem Stammsitz der Salis in Soglio nach Bondo gekommen. Für ihren Vater habe vermutlich gerade dieses Zusammenhalten eine grosse Rolle gespielt: Die Dokumente der Salis sollten an einem Ort und bei der Familie bleiben.

Doch noch vor seinem Tod sprach Julia mit ihm über eine Übergabe nach Chur. Sie habe ihm gesagt: «I think the time has come.» Seine Antwort: «Yes, you‘re right.» Heute fehlt ihr sein Wissen. Beim Durchsehen der Unterlagen ertappe sie sich immer wieder bei Fragen, die sie ihm gerne noch gestellt hätte. So wird verständlich, weshalb dieser Tage in Bondo nicht einfach ein paar Kisten gepackt werden. «I feel quite emotional», sagt Julia, während Decurtins und seine Mitarbeiterin durch die Bestände gehen. Es sei ein merkwürdiges Gefühl, die Dokumente nach so vielen Jahren gehen zu sehen.

Bewahren für morgen
Für das Staatsarchiv beginnt mit dem Transport nach Chur erst die eigent­liche Arbeit. Nicht jedes alte Objekt aus dem Raum wird übernommen. Vereinfacht gesagt, erklärt Sandro Decurtins, seien handschriftliche Unterlagen für das Archiv interessant; gedruckte Bücher gehören grundsätzlich eher in eine Bibliothek. Bei einem derart alten und geschlossenen Familienbestand werde allerdings behutsam entschie­den. In Chur werden die Dokumente fachgerecht gelagert und ihr Zustand überprüft. Einige weisen mechanische Schäden auf, die durch Gebrauch und jahrhundertelange Lagerung entstanden sind. Anschliessend wird der Bestand erschlossen: Die Dokumente erhalten Metadaten und werden in der Datenbank des Staatsarchivs recherchierbar.

Eines stellt Decurtins dabei klar: Erschliessen bedeutet nicht automatisch digitalisieren. Die tausenden von Seiten vollständig einzuscannen und online verfügbar zu machen, würde ganz andere finanzielle und personelle Mittel verlangen. Öffentlich zugänglich werden sie trotzdem. Wer in der Datenbank einen interessanten Bestand findet, kann die entsprechenden Originale im Staatsarchiv zur Einsicht bestellen. Das Archiv stehe grundsätz­lich allen offen, betont Decurtins – nicht nur Historikerinnen und Historikern.

Damit erfüllt sich letztlich auch jener Gedanke, der Julia de Salis überzeugt hat: Die Dokumente verlassen zwar ihr Haus. Ihre Geschichte aber wird dadurch nicht weniger zur Geschichte der Familie, sondern zur reichen histo­rischen Quelle für alle, die wissen wollen, wie Graubünden zu dem geworden ist, was es heute ist.

INFOTEXT: Die Familie von Salis
Die Salis zählen zu den bedeutendsten historischen Familien Graubündens. Ihre Ursprünge liegen im Bergell; um 1300 ist in Soglio ein Rudolf de Salice urkundlich belegt. Vom Bergell aus verzweigte sich das Geschlecht über die Jahrhunderte in zahlreiche Linien. Besonders ab dem 16. Jahrhundert stiegen die Salis neben den von Planta zu einem der politisch einflussreichsten Familienverbände im Freistaat der Drei Bünde auf. Angehörige der Familie bekleideten politische Ämter, waren als Offiziere, Diplomaten und Unternehmer tätig und knüpften Verbindungen weit über Graubünden hinaus.
Entsprechend weit verzweigte sich die Familie. Salis-Linien finden sich unter anderem in der Schweiz, in Deutschland, Österreich und Grossbritannien. Daraus erklären sich auch unterschiedliche Namensformen wie Salis, von Salis oder de Salis sowie verschiedene Bezeichnungen der einzelnen Familienzweige.
Der heute in England ansässige Bondo-Zweig, zu dem auch Julia mit ihren Schwestern gehört, ist eng mit dem Palazzo Salis in Bondo verbunden. Das dort erhaltene Familienarchiv umfasst rund 50 Laufmeter Archivalien und enthält Dokumente aus mehreren Jahrhunderten. Teile des Bestands waren dem Staatsarchiv Graubünden bereits durch Mikroverfilmungen bekannt; die Originale befanden sich jedoch weiterhin bei der Familie in Bondo. 

Autorin und Fotos: Sina Margadant