Schon am 24. September hat die «Engadiner Post» den Artikel der FMR über die Modenschau publiziert, die Moncler im Februar 2027 in Guarda geplant hat. Nachdem der «Tages-Anzeiger» am vergangenen Montag die Geschichte ebenfalls veröffentlicht hat, ging es in den Kommentarspalten online und auf den sozialen Medien heiss zu und her. Als geldgierig werden die Einwohner von Guarda unter anderem bezeichnet. Sie würden ihre Heimat mit einem solchen Event verkaufen. Vor Overtourism wird gewarnt. Das Horrorszenario: Sobald die Bilder aus Guarda in die Welt hinausgeschickt werden, fallen die Touristenhorden über das idyllische Schellen-Ursli-Dorf her.
Auffallend ist, dass die Verfasserinnen und Verfasser der Kommentare keine Engadinerinnen oder Engadiner sind. Mit einer Ausnahme: Andri Franziscus. Der Journalist und Inhaber der Guarda Lodge bezieht öffentlich Stellung. «Wenn Sie Angst vor Overtourism in Guarda haben, laden wir Sie ein, im November oder April einen Tagesausflug zu machen: Sie werden womöglich allein im Postauto sitzen, das Dorf ohne weitere Besucher besichtigen, in der Crusch Alba nicht reservieren müssen und im Dorfladen ungestört ganz allein einkaufen können. Ähnlich sieht es über weite Teile des Winters und im Frühling aus.»
Das Dilemma ist vorhanden
Die Familie von Andri Franziscus stammt aus Guarda, er lebt heute dort. Er hält fest: «Als Einheimischer von Guarda und Mitglied der Pro Guarda möchte ich all jenen, die aus der Ferne empört ihre Diagnosen stellen, sagen: Jetzt mal halblang.» Natürlich gebe es Vorbehalte, auch im Dorf. Es sei eine kontroverse Angelegenheit. An der Informationsveranstaltung der Gemeinde kürzlich haben die anwesenden Einheimischen und Gewerbetreibenden kritische Fragen gestellt, sich am Ende allerdings überwiegend positiv über die Modenschau geäussert. Opposition gab es keine.
«Zum Glück haben wir solche Diskussionen in Guarda», meint Andri Franziscus. Auch er sieht das Dilemma einer Luxus-Modenschau mit Stars und Sternchen im beschaulichen Bergdorf. Dass es Kritik und Schlagzeilen geben würde, sei von Anfang an klar gewesen. Das sei auch in Ordnung, denn anders als viele andere Bergdörfer, die stehenblieben, werde Guarda immerhin von Zeit zu Zeit mit solchen Anfragen konfrontiert, weil es offenbar ein attraktives Dorf ist. «Zur Diskussion gehört aber auch die Frage, wie Guarda lebendig bleiben soll, wenn über lange Zeit kaum Gäste kommen.»
«Guarda ist kein Selbstläufer»
Was Andri Franziscus am Shitstorm stört ist, dass Menschen über Guarda urteilen, die das Dorf lediglich von Ferienaufenthalten kennen oder noch nie da waren. «Ich finde es eigenartig, wenn Leute aus dem Unterland so genau wissen wollen, was unserem Dorf guttut und was ihm schadet», sagt er. Er würde sich nie anmassen, jemanden in Murten oder Winterthur zu sagen, was sie zu tun hätten. Die Stiftung Pro Guarda hat keine Entscheidungsbefugnis darüber, ob der Anlass stattfindet oder nicht. Diese liegt allein bei der Gemeinde Scuol. Pro Guarda ist gefragt worden, was sie von dem Anlass halte. Die Mitglieder von Pro Guarda haben die Vor- und Nachteile einer Modenschau von Moncler in Guarda abgewogen. Am Ende überwog für sie der Chancen-Anteil. Andri Franziscus führt ins Feld, dass dieser Anlass Arbeit und Geld während der in Guarda ruhigen Wintersaison bringe. Es sei ein einmaliger Event und keine Netflix-Serie, die Millionen von Menschen erreicht. «Die Aufmerksamkeit für Guarda bedeutet noch lange keinen Massentourismus».
Er erinnert an den Film «Schellen-Ursli» von Xavier Koller, der vor elf Jahren in die Kinos kam. Auch damals war die Angst gross, dass das Dorf überlaufen werde. «Die Realität ist: Seither haben weitere Hotels, Restaurants und kleine Dorfläden geschlossen.» Die Zwischensaison bleibe eine Herausforderung, und den verbliebenen Dorfladen zu betreiben, ebenfalls. «Guarda ist kein Selbstläufer.»
Vom Anlass vor Ort profitieren
Die Luxusmarke passt nicht zu Guarda, lautet ein weiterer Kritikpunkt. Dem stimmt Andri Franziscus zu. «Aber die Anfrage kam halt von Moncler und nicht von einer passenderen Marke.» Auch die negativen Erfahrungen, die St. Moritz vor drei Jahren mit einer Moncler-Modenschau in einem Waldstück gemacht hat, werden in den Kommentaren immer wieder erwähnt. Diese wertet er hingegen als positiv für Guarda: «Wegen dieser schlechten Erfahrungen können wir Bedingungen stellen und Wünsche anbringen.» Der Anlass soll dem Ort angepasst werden, nicht umgekehrt.
Von der Modenschau können das Hotel, der Dorfladen, die Beizen, der Schreiner und das Gewerbe profitieren. Die Guarda Lodge sei keine Verträge eingegangen und wickele auch keine Buchungen mit dem Veranstalter ab, damit er, Andri Franziscus, weiterhin seine Meinung frei äussern kann.
Das Geld in Wohnraum stecken
In den Medien geistert die Behauptung umher, dass Moncler der Pro Guarda einen sechsstelligen Betrag versprochen hätte. Auf die Frage, was es damit auf sich hat, antwortet Andri Franziscus: «Sagt ein Milliardenkonzern: Uns liegt das Dorf am Herzen, dann sollen sie uns nicht nur mit warmen Worten, sondern auch mit Geld unterstützen.»
Pro Guarda setzt sich unter anderem für Wohnraum für Einheimische ein. Mit dem von Moncler versprochenen Geld könnte genau dieser finanziert werden. «Aber wir haben nie gesagt, dass wir dem Anlass nur zustimmen, wenn das Dorf Geld bekommt.»
Die Stiftung Pro Guarda werde in den kommenden Wochen und Monaten beobachten, wie sich die Angelegenheit entwickelt. «Wir sind aber sicher keine Polizisten», betont Andri Franziscus. Die Gemeinde habe die Erlaubnis erteilt, und es liege an ihr, sicherzustellen, dass der Anlass so durchgeführt wird, wie versprochen worden ist.
Was macht Pro Guarda?
Die Pro Guarda möchte mit ihren Aktivitäten und Projekten dazu beitragen, dass Guarda ein attraktiver Arbeits- und Wohnort bleibt. Die Pro Guarda ist 1980 gegründet worden, als der Ort immer weniger Einwohnerinnen und Einwohner zählte. In einer Aktion wurden Handwerker und andere Familien ins Dorf geholt und so blieb das Dorf lebendig. Der Sinn und Zweck von Pro Guarda hat sich in den letzten Jahren verändert. Ein wichtiger Grundsatz ist, dass die unterstützten Projekte einen Mehrwert für die Gemeinschaft darstellen. Unter anderem hat die Organisation mitgeholfen, das Restaurant Crusch Alba zu erhalten, und sie hat mit Sommerfesten die Gemeinschaft gestärkt. Heute ist das Hauptanliegen von Pro Guarda, Wohnraum für Einheimische zur Verfügung zu stellen. Aktuell hat Pro Guarda ein Haus mit zwei Wohnungen, die Chasa Torel am Dorfplatz. Nun soll eine dritte Wohnung entstehen, und dafür braucht die Stiftung Geld. Die Pro Guarda möchte aber auch die Diskussionskultur fördern. Kürzlich fand zum Beispiel ein Informationsabend statt, welcher die vakante Stelle der Fraktion Guarda für den Gemeindevorstand Scuol thematisierte. (fh)
Was macht Pro Guarda?
Die Pro Guarda möchte mit ihren Aktivitäten und Projekten dazu beitragen, dass Guarda ein attraktiver Arbeits- und Wohnort bleibt. Die Pro Guarda ist 1980 gegründet worden, als der Ort immer weniger Einwohnerinnen und Einwohner zählte. In einer Aktion wurden Handwerker und andere Familien ins Dorf geholt und so blieb das Dorf lebendig. Der Sinn und Zweck von Pro Guarda hat sich in den letzten Jahren verändert. Ein wichtiger Grundsatz ist, dass die unterstützten Projekte einen Mehrwert für die Gemeinschaft darstellen. Unter anderem hat die Organisation mitgeholfen, das Restaurant Crusch Alba zu erhalten, und sie hat mit Sommerfesten die Gemeinschaft gestärkt. Heute ist das Hauptanliegen von Pro Guarda, Wohnraum für Einheimische zur Verfügung zu stellen. Aktuell hat Pro Guarda ein Haus mit zwei Wohnungen, die Chasa Torel am Dorfplatz. Nun soll eine dritte Wohnung entstehen, und dafür braucht die Stiftung Geld. Die Pro Guarda möchte aber auch die Diskussionskultur fördern. Kürzlich fand zum Beispiel ein Informationsabend statt, welcher die vakante Stelle der Fraktion Guarda für den Gemeindevorstand Scuol thematisierte. (fh)






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